Wo im Harz der Teufel los ist…

Einst soll der Teufel Gott vorgeschlagen haben, die Welt unter sich aufzuteilen. Er bot an, eine Trennwand aus Stein zwischen beide Reiche zu bauen. Sie kamen überein, dass der Satan jenes Land, das er mit einer riesigen Mauer in einer Nacht umbaue, behalten könnte. So beginnt die wohl bekannteste Sage von der Teufelsmauer, deren Reste bei Thale besichtigt werden können. Die schroffe Felsformation im schönen Harz verteilt sich auf 20 Kilometer. Der Herrgott willigte übrigens ein. Bedingung war allerdings, dass die Mauer in einer Nacht bis zum ersten Hahnenschrei vollendet sein müsse. Eine Bauersfrau, die ihren Hahn auf dem Markt verkaufen wollte, kam nachts am Bauwerk des Teufels vorbei. Als sie diesen sah, erschrak sie, stolperte und ihr Hahn fing an zu krähen. Daraufhin dachte Luzifer, er hätte die Abmachung mit Gott gebrochen und zerstörte seine fast fertige Gesteinswand. Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Bodetal wegen der Vielzahl an Geschichten über Hexen, Teufel, Zwerge und Riesen, Götter oder Fabelwesen auch als Sagenharz bezeichnet wird. Egal wo man sich hier befindet, begegnet einem Teufelswerk und Hexenzauber. Fasziniert von der Geologie der Teufelsmauer besuchte 1784 sogar Goethe die verwunschene Sandsteinwand. Ich besichtige ein Stück der Felswand bei Wallenstedt auf dem Weg zum Hexentanzplatz oberhalb von Thale. Rund um die Sandsteinformationen, die durch Verwitterung teilweise wie ein spitzes, gebrochenes Rückgrat in den blauen Himmel ragen, liegt ein Naturschutzgebiet.

Zahlreiche vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten gibt es hier. Entlang an einem stehenden, undurchsichtigen Flüsschen spaziere ich über einen sandigen, rutschigen Pfad bergan. Kleine Steinmänner in unterschiedlichen Größen ruhen sanft auf dem trägen Wasser. Dass man die Teufelsmauer heute noch besichtigen kann, ist dem Königlich-Preußischen Landrat Friedrich Ludwig Weyhe zu verdanken. Dieser erließ 1833 ein Verbot, dort weder Sand noch Steine abzubauen. Wie aufgeschichtet mutet die Felsformation an, aber das hat der Teufel ja schließlich auch. Weiße Flecken durchziehen das dunkle Grau des Gesteins und auch die Sonne sprenkelt leuchtende, helle Punkte auf den unnachgiebigen Untergrund. Ein ganzes Stück entlang des schmalen Spazierweges ziehen sich die steinernen Gebilde entlang. Einzelne Brocken liegen am Wegesrand im satten grünen Gras, als hätten ein paar Riesen Boule gespielt. Die gesamte Teufelsmauer über 20 Kilometer wollte ich dann aber doch nicht ablaufen. Mein eigentliches Ziel heute ist schließlich der Hexentanzplatz. Ich schlendere zum Auto zurück und fahre los. Kaum hatte ich mein Ticket gekauft, sitze ich auch schon in der Kabinenbahn auf dem Weg zu den Hexen. Da nicht viel los ist, habe ich sogar eine Gondel mit Glasboden für mich alleine. Dort genieße ich weite Ausblicke über das Bodetal und Thale, bis meine Kabine auf dem Felsplateau angekommen ist. Ich schwebe über Baumwipfel, vorbei an schroffen, spitz aufragenden Felsen und über eine tiefe, markante Schlucht.

Durch den Glasboden sehe ich Wildwasser durch das Tal rauschen. Immer höher geht es. Gegenüber befindet sich die Rosstrappe mit ähnlichen Gesteinsvorsprüngen, die man von der Besucherterrasse am Hexentanzplatz betrachten kann. Der Legende nach ist hier angeblich ein altsächsischer Kultort, an dem in der Walpurgisnacht, also vom 30. April auf den 1. Mai, zur Verehrung der Wald- und Berggöttinnen Feste abgehalten wurden. Von hier aus zog die Hexenbrut dann weiter zum Brocken, um dort um das helle Feuer zu tanzen. Eigentlich verboten zugewanderte Franken den Brauch, doch die Sachsen widersetzten sich. Sie überlisteten die fränkischen Wachen, indem sie sich als Hexen und Zauberer verkleideten und auf Besen angeritten kamen. Voller Angst flohen die Wachen und ließen sich nie wieder auf dem Hexentanzplatz blicken. Ich schaue mich kurz um. Fahrgeschäfte und andere Attraktionen drängen sich hier dicht an dicht. Spaßangebote aus Plastik oder Metall, die unglücklicherweise die Natur in den Hintergrund drängen. Cafés, Restaurants, Lebkuchenherzen, Zuckerwatte, Souvenirs wie Hexenfiguren oder Stofftiere sind neben den Bratwurst-Buden zu besuchen oder zu erwerben. Der eigentliche Hexentanzplatz gleicht daher eher einem Jahrmarkt und der hektische Rummel wird mir fast zu viel. Einen kleinen Tierpark und die Möglichkeit Allwetterbob zu fahren gibt es hier zusätzlich. Überaus touristisch ist das gesamte Angebot!

Dennoch bietet sich von der Besucherterrasse, dort wo die Hexen ihre Rituale gefeiert haben sollen, wenn sie auf ihren Besen eintrafen, ein wunderschöner Ausblick. Ich kann fast bis zum Brocken sehen. Zudem wachsen die Bäume hier schief und krumm, als wüssten diese nicht, welche Richtung sie nehmen wollten. Ein merkwürdiger Ort. Ich besichtige das auf dem Kopf stehende Hexenhaus direkt am Eingang des Areals. Die kleine Thalenserin und Harzhexe Watelinde lebt hier mit ihren Schwestern, einem Kater und ein paar Schlangen. Sie erklärt den Zwischenfall, der es mit sich brachte, dass ihr Heim nun kopfüber steht. Bei einem Putzzauber hatte sie wohl einige Worte vertauscht und plötzlich drehte sich das ganze Haus. Natürlich hätte sie sofort einige ihrer Zauberformeln aufgesagt, aber dies hätte nichts genützt. Seit diesem Tag steht das Haus jetzt auf dem Dach. Einige der Gegenstände im Haus sind dennoch richtig herum und der schlaue Besucher kann diese gerne erraten. Watelinde und ihre Hexenschwestern suchen jeden Tag im großen Buch auf dem Dachboden nach einem Rück-Hex-Spruch, bislang leider erfolglos. Gerne könnte ich oder auch andere Gäste bei diesem Unglück aber meine selbsterdachten Zaubersprüche ausprobieren. Eine Einladung, die ich gerne annehme. Und so sucht Watelinde wohl immer noch!


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