Mord auf der Oker

Langsam fängt der Krimiautor aus seinem letzten Kriminalroman an zu lesen. Das Floß, auf dem wir sitzen, schwankt gemächlich auf den seichten, grünlichbraunen Wellen der Oker, die Braunschweig durchzieht. Ich rutsche noch ein wenig auf der harten Sitzbank der Biergarnitur auf dem kleinen Gefährt hin und her. Eine wirklich bequeme Haltung finde ich nicht. Dann höre ich der vorgelesenen Geschichtezu. Der Schriftsteller erzählt ein Vorkommnis mit zwei Braunschweiger Mädchen, die ein Boot gestohlen haben. Ein Bericht, der sogar auf wahren Begebenheiten beruht. Ich lausche gespannt, wie diese nun abenteuerlich vor der Polizei flüchten. Aufmerksam lege ich beide Hände ums Gesicht und lache herzlich aufgrund der Verfolgungsjagd. Die Täterinnen waren ja zudem noch alkoholisiert. Lustiger und ebenso passenderweise zieht nun ein Boot mit grölenden und laut singenden Studenten vorbei. Volle Biergläser werden zum Zuprosten geschwenkt und Tröpfchen des Gebräus spritzen in die dunkelgrüne, undurchsichtige Flussoberfläche. „Hallo“, ruft jemand. Und ein anderer „Psst, da liest doch gerade jemand.“ Die Lautstärke ebbt ab, je weiter sich die jugendliche Gruppe entfernt.

Kurz frage ich mich, auf welchem Boot ich wohl lieber säße. Die ausgelassene Stimmung war überaus ansteckend. Etwas sehnsüchtig sehe ich den entschwindenden Studenten nach. Die Kurzgeschichten des Autors sind allerdings absolut interessant. Unter dem langsamen Floß plätschert leise das Wasser, ein leichter Windhauch weht durch die Äste der Bäume am Ufer und säuselt sanft in den lichten Zweigen. Dann ist alles wieder völlig still. Meine Veranstaltung ist eine Abendfahrt und es wird nun etwas kühl. Schatten drängen sich um das Floß und malen dunkle Flecken auf dem stehenden Flusswasser. In diversen und vielfachen Grüntönen streckt sich das Ufergebiet, leicht und behände streben die Äste hin zum schwarzen Wasser. Wunderschöne Villen ragen im Stil üppiger Paläste neben dem Wasser auf. Erker und Balkone schmücken die hübschen Fassaden. Diese Fahrt ist für das Auge ein Fest. Gruselig finde ich die erfundenen Anekdoten dieses Abends nicht, eher originell. Kriminelle Verwicklungen müssen nicht erschrecken. Das Ambiente passt auf jeden Fall zum Mörder aus gutem Hause, der nun ausgiebig vorgestellt wird. Ich genieße diese Begegnungen, die oftmals an echte Kriminalgeschichten angelehnt sind. Und vorlesen kann der Krimiautor unheimlich gut. Das werde ich sicher wiederholen.


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