Ein Meer aus Stein

„Ich bin einfach zu smart für dieses Telefon.“ mein Ausflugsbegleiter schüttelt enttäuscht sein Smartphone. Welchen Weg wir nehmen müssen, um zum Felsenmeer bei Lautertal in Hessen zu kommen, wissen wir immer noch nicht. Unentschlossen stehen wir zwischen Parkplatz, Wald und Wiese. „Wir laufen einfach los“, schlage ich vor. „Wenn wir ein paar Stunden in die falsche Richtung gelaufen sind, haben wir ja auch eine Wandertour gemacht. Hauptsache wir finden wieder zurück. Zum Felsenmeer fahren wir dann nächstes Wochenende nochmal.“ Ich zucke die Schultern. Mein Freund möchte aber noch nicht aufgeben und entscheidet sich nach einem kurzen, prüfenden Blick auf die Umgebung für eine Himmelsrichtung. Wir spazieren los. An der nächsten Weggabelung ragt ein Aussichtsturm aus braungrauen Steinen in den strahlend blauen Himmel. Der schlauen Information unserer Wanderapp nach liegt hier die letzte Sehenswürdigkeit unseres geplanten Wanderweges vor uns. Wir haben unsere Wegstrecke also vom Endpunkt an begonnen und laufen jetzt auf den Startpunkt zu. Im Grunde ist mir das völlig egal, wandeln wir immerhin nun auf den richtigen Pfaden. Riesige Felsbrocken säumen bald den Waldweg und begleiten unsere Schritte auf dem mit Blättern bedeckten Waldboden. Bald stapeln sich die steinernen Gebilde übereinander in Form flach geschliffener Granitetagen.

Dicke Wurzelstränge winden sich aus dem weichen Sand und bieten Stolperfallen für den unvorsichtigen Spaziergänger. Zwischen dem klobigen, unwegsamen Geröll klettern wir durch den lichten Wald bis wir vor dem weit ausladenden steinernen Meer aus unzähligen Felsbrocken stehen. Zufrieden klopfe ich meinem Wanderkumpan auf die breite Schulter. Es ist geschafft, der Weg ist gegangen. Zur Zeit, als die Gesteine des Felsenmeeres entstanden, waren die großen Gesteinsblöcke noch nicht über der Erdoberfläche sichtbar. Für den Menschen unerreichbar lagen diese viele Kilometer unter dem Erdboden. Zu dieser Zeit gab es auch noch keine Menschen auf dem blauen Planeten. Die Kollision zweier Kontinente vor ca. 340 Millionen Jahren wurde zum Anfang des steinernen Ozeans. Durch den Zusammenstoß entstand ein gewaltiger Gebirgsgürtel an der Nahtstelle der Kontinente, der etwa 3.000 bis 4.000 Meter hoch war. Also viel höher als heute die Alpen oder der Himalaja. Eine Kontinentalplatte wurde durch das Zusammentreffen in 8 bis 10 Kilometer Tiefe geschoben und da es dort im Untergrund unendlich heiß war, schmolz das Gestein wieder und stieg als Magma auf. So ähnlich wie ein riesiger Heißluftballon. Nach dem Abkühlen erstarrte die flüssige Masse zu einem granitähnlichen Gestein. Nach Millionen Jahren kam dieses Gestein durch die Abtragung des Gebirges an die Oberfläche. Dort riss dieses auf und zerfiel in große Blöcke.

 

Im Laufe von Jahrtausenden und Jahrmillionen wurde der harte Fels von den Gezeiten angegriffen. An den Rissen und Klüften drang Wasser ein und zersetze die Trümmer mit der Zeit zu feinem Kies. Das Ergebnis waren unzählige, abgerundete Felsblöcke umgeben von verwittertem Gestein. Während der letzten Eiszeit transportierte der Gezeitenwechsel zwischen Tauen und Gefrieren die riesigen Steine talwärts. Wasser schwemmte stetig kleine Kiesel und Sedimente heraus und das Felsenmeer bekam seine heutige Form an der Erdoberfläche. Weitaus schöner und wundersamer ist jedoch eine andere Entstehungsgeschichte des Gesteinfeldes. Einer überlieferten Sage nach sollen vor langer Zeit im Lautertal zwei Riesen gelebt haben. Einer auf dem Felsberg, der andere auf dem Hohenstein. Eines Tages bekamen beide Streit und begannen, Felsbrocken aufeinander zu werfen. Der Riese vom Hohenstein hatte den Vorteil, dass er viel mehr Steine zum Werfen hatte. Von vielen Steinblöcken getroffen, begrub dieser seinen Rivalen auf dem Felsberg und unter einem Meer von Felsen und ein steinernes Meer entstand. Mein Blick schweift über den See aus steinernen Blöcken, der sich bis zum Horizont erstreckt. Neben mir liegt eine Riesensäule langgestreckt auf dem zarten, weichen Waldboden. Vielleicht hat einer der Riesen diese umgeworfen? Natürlich ist der Riesensteinwurf nur eine Legende. Aber wie unglaublich wäre es, wenn das Felsenmeer wirklich durch einen Zwist von Riesen entstanden wäre? Dann stände ich auf den Überresten vom Haus eines Riesen…


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