Vom Hirschsprung zur Ravennaschlucht

Entsetzt springt der Motorradfahrer zur Seite. Schützend hält er den Ärmel seiner Lederjacke vor seine Mitreisenden, um diese abzuschirmen. Mein kleiner Wagen war viel zu rasant auf den zierlichen Parkplatz unterhalb des Hirschsprungs bei Breitnau gefahren. Die bronzene Tierskulptur leuchtet beim Hinaufsehen in glänzendem Weiß. Einer Sage zufolge soll hier ein Ritter der Burg Falkenstein auf der Jagd gewesen sein. Er sichtete im Gebiet des Höllentals einen wunderschönen Hirsch, den er zielgerichtet verfolgte. Von Todesangst getrieben, sprang der Geweihträger über den weit klaffenden Abhang und landete durch den gewaltigen Satz auf der gegenüberliegenden Schluchtseite. Laut der Legende entkam er so seinem Verfolger. Unschlüssig sehe ich mich um. Einen Weg hinauf zur Statue kann ich unglücklicherweise nicht finden. Also knipse ich vom Parkplatz aus nur ein paar Fotos, dann steige ich wieder in meinen Wagen. Ich will zum Wandern in die Ravennaschlucht, denn gänzlich ohne Spaziergang fahre ich nicht wieder heim. Direkt am Hofgut Sternen befindet sich ein großer Parkplatz. Wenige Besucher und Naturliebhaber sind unterwegs, hauptsächlich Familien. Ich lade mir meinen Rucksack mit Proviant auf den Rücken und marschiere los. Am Eingang zur Klamm empfängt mich die Ravennabrücke, ein imposantes Aquädukt und heute Bahnstrecke. Die Ravennabrücke ist 224 Meter lang und 36 hoch. Gerade fährt die Schwarzwaldbahn darüber. Die knallgelben Wagen glänzen in der hell gleißenden Sonne.

Hellgrün reckt sich das hoch aufschießende Gras auf den umliegenden Wiesen. Das glasklare Wasser des zierlichen Bachs am Wegesrand plätschert munter und rege. Eine übergroßes Schwarzwälder Klimahäuschen weist den Weg zum Naturerlebnis. Der Himmel leuchtet in strahlendem Hellblau. Ein paar kleine, watteartige Wolkenfetzen tummeln sich am Horizont. Über eine zierliche, hölzerne Brücke betrete ich die Schlucht. Ein überschaubarer Wasserfall rauscht einen schroffen Felsvorsprung aus geringer Höhe hinab. Die schmale Kaskade sprüht lebendig durchsichtige Kristalltröpfchen auf die Wanderpfade. Ich folge dem Flusslauf und genieße das fröhliche Zwitschern der Vögel. Dieser Ort strahlt eine angenehme Ruhe und Tonlosigkeit aus. Das weiche Moos auf den Waldpfaden dämpft meine Schritte, daher nehme ich das Rauschen des lebhaften Baches viel eindringlicher wahr. Umgestürzte Bäume liegen achtlos auf dem sprudelnden Flussbett. Zahlreiche kleine Felsen ragen unregelmäßig aus der Wasseroberfläche. Ich blicke hinauf in den Himmel und die dunklen, lichten Tannenzweige. Auch ohne Wanderweg zum Hirschsprung habe ich an diesem Ort einen besonderen Spaziergang gefunden. Das fließende, muntere Gewässer erzeugt einen strudelnden, perlend weißen Schaum. Entspannt setze ich mich auf einen Felsen am Ufer und beobachte die Strömung. So kann der Tag wohltuend zu Ende gehen.


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