Wanderschuhe und der Riese Erkinger

Schon rutscht mein Wanderschuh im nassen Sand weg. Unsanft schleift mein Bein am nackten, kalten Fels entlang. Eigentlich wollte ich mich mit meinen Händen am Stein hochziehen, jetzt bremsen diese erfolgreich meinen Fall. Eine scharfe Gesteinszacke bohrt dennoch ein kreisrundes Loch in mein Bein. Ganz schwarz sieht der Schorf aus, als ich den Jeansstoff hochziehe. Die Monbachschlucht bei Bad Liebenzell ist ein besonderes Abenteuer. Ich bin froh, um mein festes Schuhwerk. Am Wegesrand durchbrechen spitze Felsen die am Boden liegenden braunen, welken Blätter. Dunkelgrün ziehen Moosflechten einen lichten, zarten Teppich über die wuchtigen, schroffen Gebilde. Ein umgestürzter Baum liegt achtlos seitens des schmalen, überschaubaren Pfades, über den wir gerade spazieren. Meine Schritte rascheln im gefallenen Laub. Ein kleiner Wasserfall springt über unebenen Felssporn. Rein und klar fließt das Wasser über den unregelmäßigen Stein, in purem Weiß spritzt die zierliche, nebelhafte Gischt. Ich setzte mich kurz auf einen Gesteinsbrocken am Fuße der schlanken, zerbrechlichen Kaskaden und hole Luft. Dieser anstrengende Aufweg ist kein Wunder, hat doch in diesem schlecht wegsamen Gebiet einst der Riese Erkinger gelebt.

In Bad Liebenzell ließ er sich eine Burg bauen. Die Maurer mussten den Mörtel mit Wein statt Wasser anrühren, damit das Gebäude jeden Angriff übersteht. Dort lebte er dann fortan und versetzte das Tal in Angst in Schrecken. Er entführte Bräute am Hochzeitstag, das liebte er sogar richtig. Der Riese packte diese, trug sie zur Burg und verschlang sie dort mit Haut und Haaren. Zum Abschluss der Mahlzeit trank er dann noch einen großen Schluck Wein, meistens eine ganze Flasche. Danach rülpste er schrecklich laut und misstönend und warf die Gebeine aus dem Fenster weit hinab ins Tal. Dort stapelten sich die Knochen mit der Zeit zu einem Hügel, auf dem heute eine Ortschaft mit dem treffenden Namen Beinberg liegt. Mutig versuchten die Talbewohner sich gegen den Unhold zu wehren. Ein Schmied, zwei Meter groß, stark wie ein Ochs, namens Hans, zog als erster los. Für den Kampf trug er ein langes, besonders scharfes Schwert und einen spitzen Speer. Der Riese lachte aber nur, als der Mann vor seinem Burgtor stand und ihn zum Kampf herausforderte. Der Angreifer warf als Erstes seinen Speer, doch die Waffe prallte von Erkingers ledernem Wams ab wie von einer Steinwand. Hans verließ dennoch nicht der Mut. Er rannte nicht davon. Er zog sein Schwert und lief direkt auf den Riesen zu.

Das Ungetüm riss darauf furchtbar schnell eine Eiche aus dem Boden, als wäre sie ein Kornhalm. Dann holte er mit dieser aus und ließ sie krachend auf den Angreifer niedersausen. Dieser stieß einen höllischen Schmerzensschrei aus und krümmte sich am Boden. Der Riese ging langsam zurück in die Burg. Als er hinter dem Tor verschwunden war, eilten einige Talbewohner herbei, die den Kampf hinter Steinen versteckt verfolgt hatten. Sie trugen den schwer verletzten Angreifer nach Hause. Als Nächstes verbündeten sich die besten Bogenschützen aus dem Tal. 400 mit Gift getränkte Pfeile hatten sie in ihren Köchern. Als der Erkinger vor das Tor trat, feuerten die Schützen in drei kurzen Salven Pfeile auf ihn ab. Die meisten wischte das Ungetüm einfach mit seinen Riesenpranken in der Luft beiseite, und viele prallten auch wieder von seinem Wams ab. Ein Pfeil aber blieb in seiner Hand stecken. Die Schützen glaubten, zumindest so etwas wie ein „Aua“ gehört zu haben, und die Hand verfärbte sich sofort grün. Schon jubelten die Angreifer, das Gift schien zu wirken. Der Riese nahm eine Feldflasche von seinem Gürtel und trank einen großen Schluck aus ihr. „Wie der Wein im Mörtel meine Burgmauer unzerstörbar macht, nimmt er jedem Gift seine Wirkung“, sagte er. „Sprecht schon einmal Eure Gebete.“ Und mit diesen Worten riss er wieder eine riesige Eiche aus dem Boden und drosch damit auf die Bogenschützen ein. Viele von ihnen flogen in Baumkronen, andere in die Nagold, und einer krachte gar durch die Decke seines eigenen Hauses.

Noch aber gaben die Talbewohner nicht auf. Zwei Wochen später schoben sie zehn Kanonen vor die Burg. Dieses Mal kam der Riese nicht mal mehr heraus. Er lachte nur von seinem Turm aus den Angreifern entgegen. Eins ums andere Mal schoss man auf die Burg mit Kanonen. Doch die Kugeln prallten kraftlos vom Mauerwerk ab und blieben vor ihr liegen. Der Riese warf sofort im Gegenzug zehn riesige Steinkugeln und zerstörte dadurch die Kanonen. Enttäuscht zogen die Angreifer wieder von dannen. Den Talbewohnern wurde klar, dass sie Hilfe brauchten. Sie baten ihren Landesherren, den Markgraf von Baden um Rat. Dieser riet zu einer List. Er verbündete sich mit dem Pfalzgrafen Ruprecht, und gemeinsam zogen sie mit einem großen Heer vor die Burg und schlossen sie ein. Sie versuchten den Riesen auszuhungern und schlossen jeden Ausgang zu. Als das laute Schnarchen des Riesen durch das Tal hallte, legten Dutzende Maurer los und nutzten wie beim Bau der Burg den sagenhaften mit Wein angerührten Mörtel. Die Wut des Riesen war am darauffolgenden Morgen im ganzen Tal zu hören. Hungrig schlug er mit Keulen, Bäumen und bloßen Fäusten auf das Mauerwerk ein. Aber es hielt dem stand wie den Angriffen zuvor. Erkingers Magen knurrte immer lauter, seine Stimmung wurde immer schlechter.

Den Hungertod wollte er nicht sterben. So stieg er hinauf zum höchsten Turm und stürzte sich in die Tiefe. Tod fanden die Talbewohner ihn am Boden liegend. Drei Tage lang feierten sie ihre Befreiung. Der Unhold war besiegt! Unser verwunschener Pfad führt vorbei am Kinderzimmer des Riesen, seinem wuchtigen, hohen, für uns nicht erreichbaren Esstisch und seinem Turmbau. Ein riesiger Baum, der über dem Weg liegt, macht es notwendig, eine kleine Kletterpartie einzulegen. Gleichzeitig stapft ein Reiher grazil durch das Wasser und klappert mit dem Schnabel. Diesen schmalen Fluss müssen wir auch noch passieren. Auf den zierlichen Steinen im Wasser hüpfen wir unsicher voran. Eine wacklige Angelegenheit. Meine Freundin vor mir rudert mit den Armen. Ein Wanderschuh gleitet bereits neben den Stein und schon ist dieser im Wasser. Hastig zieht sie ihr Bein heraus. Zum Glück trocknen Wanderschuhe schnell und man kriegt keine nassen Füße. Unbeeindruckt stakst der Reiher von dannen. Sein Köpfchen reckt er weit nach oben, als würde er sich über uns amüsieren. Wir laufen am Ufer entspannt zurück. Eine kleine Brücke über das still dahinziehende, fast ruhende Wasser führt uns aus dem lieblichen Monbachtal wieder zu unserem Auto. Ohne Begegnung mit einem Riesen, aber mit nassem Schuh und Loch im Bein.


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