Fragile Kunst der Psyche

Es dauerte einige Zeit den Eingang zum Museum zu finden. Die Sammlung Prinzhorn befindet sich mitten im Uniklinikum Heidelberg. Eine Ausstellung von Kunstwerken von Menschen mit psychischen Ausnahme-Erfahrungen und Erkrankungen. Etwa 6000 Zeichnungen, Aquarelle, Gemälde, Skulpturen, Textilien und Texte können derzeit hier angeschaut werden. Rund 435 Insassen psychiatrischer Anstalten haben diese zwischen 1825 und 1945 geschaffen haben. Sie kamen hauptsächlich aus dem deutschen Sprachraum, wenige aus Frankreich, Italien, Polen und Japan. Gesammelt wurde dieser eigenartige, ungewöhnliche Fundus zum größten Teil von dem Kunsthistoriker und Psychiater Hans Prinzhorn während seiner Zeit als Assistenzarzt an der Psychiatrischen Klinik der Universität Heidelberg. Dieser hatte seine Sammlung auch als Buch in einer illustrierten Studie „Bildnerei der Geisteskranken“ herausgegeben. Nach dem Krieg geriet die Ausstellung in Vergessenheit, erst 1963 wurde diese wieder entdeckt. Inzwischen wurden einige Exponate auf nationalen und internationalen Ausstellungen gezeigt und die Sammlung dadurch erneut bekannt gemacht. 2001 erhalten die Stücke endlich ein eigenes Museumsgebäude, einen umgebauten alten Hörsaal der Neurologie. Ziel des Museums ist es, zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankung beizutragen. Über die Deutung der künstlerischen Werke, die von psychischen Erfahrungen und deren gesellschaftlichen Folgen geprägt sind, soll ein kleiner Beitrag zur Inklusion betroffener Menschen geleistet werden.

Das Schicksal der hier vertretenen Künstler und Künstlerinnen, ihre Werke und übergeordnete Fragestellungen werden gleichzeitig ausgestellt und vom Uniklinikum erforscht. Aufgehoben wurden die Werke von Insassen in Deutschland erst ab 1800. Und dies von Ärzten, die darin eine Bestätigung ihrer Diagnose sahen. In den Kunststücken vereinen sich, oft in fragmentierter oder verfremdeter Form, die Zeitgeschichte und ihre Ideologien. So gibt es einige Darstellungen von Hitler, die die NS-Zeit abbilden. Die schaffenden Kranken leben nicht mehr. Sie wurden allesamt von den Nazis deportiert. Aber auch das individuelle Leben vor der Erkrankung wird gezeigt. So wird ein Wissen um extreme menschliche Empfindungen und Erfahrungen transportiert. Männer und Frauen wurden in den psychiatrischen Anstalten getrennt untergebracht. Auch nach ihrem Verhalten in Gebäudetrakte für Ruhige, Halbruhige und Unruhige. Sie mussten einen strengen Tagesablauf befolgen. Stets vom Personal überwacht hielten sie sich in den jeweiligen Tages- und Schlafräumen auf oder arbeiteten in den Anstaltswerkstätten wie Schneiderei, Buchbinderei, Küche, Schreinerei oder dem Anstaltsgarten. Kinder- und Jugendliche wurden zusammen mit den Erwachsenen verwahrt, für diese gab es keine psychiatrische Betreuung. Die Versorgung und Verpflegung war in drei Klassen unterteilt, je nach den finanziellen Verhältnissen der Kranken. Selbstzahlende Privatpatienten lebten komfortabler. Wohlverhalten und Arbeitsfleiß wurde mit Genussmitteln wie Tabakgaben oder zusätzlichen Essensportionen belohnt. Verfehlungen mit unliebsamen Behandlungen wie Dauerbad, Zwangsjacke oder Tobzelle, auch ‚Stall‘ genannt.

Pfleger schlugen Patienten, geschriebene Briefe wurden nicht abgeschickt, ankommende nicht ausgehändigt. Briefe verblieben einfach strikt in der Krankenakte. Ein schrecklicher Teufelskreis ohne Entkommen. Der Aufenthalt war ein Strafleben. Zum Glück gibt es diese Abläufe in den heutigen Kliniken nicht mehr. Ich sehe in dieser Irrenkunst fragile Schätze, die ganze Lebensschicksale abbilden. Minderwertige Materialien formen dabei die Höhen und Tiefen eines Alltags. Pappe, Zeitungs- und Toilettenpapier oder Bleistifte der Ärzte schaffen das Spektrum eines Menschenlebens. Auf perfide Art unversöhnlich und entsprechend zerbrechlich. Ausnahmesituationen eben. Besseres Material stand nur den Patienten der 1. Klasse zur Verfügung, Leuten mit mehr Geld. Neben den staatlichen Psychiatrien gab es um 1900 zahlreiche private Sanatorien für Angehörige des Adels und wohlhabender bürgerlicher Familien. Im Gegensatz zur restriktiven Verwahrung wurde dort viel Wert auf künstlerische Betätigung gelegt. Erst ab 1980 hat man die hier entstandenen Kunstformen konserviert und archiviert. Viele der Gemälde sind daher heute lichtempfindlich und liegen im dämmrigen Schatten des Gebäudes. Ein grauer Fleck in der Autobiografie eines Menschen. Hier ausgestellt, um hinterfragt zu werden. Sichtbar vom Zerfall bedroht. Vor einem mit Texten bestickten Jäckchen bleibe ich stehen. Mir zeigt sich eine andere Art von Tagebuch, ein Versuch das eigene Leben aufzuarbeiten. 1895 hatte eine Patientin das Kleidungsstück hergestellt. Nicht weit weg hängt ein transparenter Hexenkopf. Der ’schizophrene Meister‘ eines Insassen, aus dem unsichtbare Motive hervortreten, wenn man ihn beleuchtet.

Gezeichnete Geldscheine schmücken ein Blatt mit fantastisch hohen Summen. Von einer psychisch kranken Frau gezeichnet und geschaffen, um die Auferstehung beerdigter Liebespaare zu finanzieren. Zarte Gestalten, Geister und Engel bevölkern die empfindlichen Kunstwerke und werden dabei oft von Drachen, Fabeltieren oder dem Sensenmann bedroht. Geflügelte oder göttliche Wesen entspringen der krisenerfahrenen Psyche und spiegeln diese. Vögel, Schmetterlinge und Feen tauchen gemeinsam auf. Eine Bildgebung des Geisteskranken, entstanden in nahezu unablässiger Arbeit. Für den Zeichnenden ist der Schaffensprozess ebenso wichtig wie das fertige Resultat. Eine alternative Verbindung zur Realität, die ursprüngliche ist ja schließlich verloren gegangen. Eine Erinnerung an das Leben vor der eigenen Krise. Eigentlich ähnlich dem gesunden Künstler, nur der Antrieb hinter den Werken ist ein anderer. Heute würde man von ‚Outsider Art‘ oder Aufzeichnungen Psychatrieerfahrener sprechen. An ihr lässt sich die therapeutische Kraft der künstlerischen Tätigkeit erkennen. So entstand letztlich die Kunsttherapie. An all diesen Kunstwerken nagt der Zahn der Zeit. Manches ist bereits unwiederbringlich verblasst. Hoffentlich betrug es sich mit dem kranken Teil der Seele des Zeichnenden genauso zu. Unwiederbringlich fort.


9 Gedanken zu “Fragile Kunst der Psyche

  1. Liebe Lisa- Maria,
    ein äußerst interessanter Beitrag über die fragile Kunst der Psyche! Ich denke, ein Besuch in diesem Museum wäre wirklich sehenswert. Insbesondere, da ich selbst in dem Berufsfeld tätig bin, ist es nochmal interessant zu sehen, wie die Entwicklung im Umgang mit psychischen Erkrankungen voran geschritten ist und wie sehr die wirkliche Inklusion dieser Menschen immer noch in den Kinderschuhen steckt. Es wird noch lange Zeit brauchen, um den Menschen mit Beeinträchtigung gerecht zu werden und sie als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft zu betrachten.
    Ich denke, in diesem Museum sind wirklich wahre Kunstwerke zu betrachten, die so manch einer nie vermuten würde. Also gleich mal auf meine To-Do- Liste und vorgemerkt, um den Besuch für die Zeit nach COVID zu planen 😉 Ich danke dir sehr fürs Einstellen dieses Beitrags!
    Ich wünsche dir einen wunderbaren Start in den Samstag!
    Liebe Grüße
    Heike

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    1. Liebe Heike,
      herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Ich finde es auch schrecklich, dass Menschen mit psychischen Problemen immer noch stigmatisiert werden. Ich arbeite als Sekretärin in einem Krankenhaus mit Psychiatrie. Ein anderer Umgang mit seelischen Krankheiten wurde bei der Genesung ja auch helfen. 🤷‍♀️ ein schönes Wochenende wünsche ich Dir und Liebe Grüße

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  2. Liebe Lisa- Maria,
    da bin ich ganz deiner Meinung 😉
    ich für meinen Teil arbeite als Heilerziehungspflegerin im ambulant Betreuten Wohnen mit geistig und/ oder psychisch beeinträchtigten Menschen. Wir versuchen, unsere Klienten bestmöglichst und angeglichen an ihre kognitiven Fähigkeiten zu fördern, damit sie irgendwann so selbstständig wie möglich ihr Leben in den Griff bekommen. Im Erfolgsfall machen wir uns selbst entbehrlich 😉 Da du in einem ähnlichen Berufsfeld arbeitest, wirst du ebenso wie ich wissen, dass die Gesellschaft häufig das Größte Handicap ist.
    Es gibt noch viel zu tun 😉
    Einen schönen Samstagabend und einen gemütlichen Sonntag wünsche ich dir!
    LG Heike

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    1. Liebe Heike,
      da hast du eine sehr wertvolle Aufgabe, die leider in unserer Gesellschaft nicht wirklich gewürdigt wird. Und dann sind irgendwann Krankenhäuser und Pflegebereiche leer. 🤷‍♀️Patient kann doch jeder werden. Aber leider sehen die Menschen das nicht wirklich. Sehr schade. Ich hoffe durch solche Beiträge etwas zur Akzeptanz beizutragen. Im Grunde hat man ja nur Vorbehalte vor dem was man nicht kennt. Und da ist es Zeit die eigene Komfortzone zu erweitern. 🙃 Einen schönen Abend wünsche ich Dir Lisa-Maria

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      1. Liebe Lisa- Maria,
        stimmt… ich mag meinen Beruf und würde auch um nichts in der Welt mehr tauschen mögen. Ich glaube auch, dass man diese Einstellung einfach mitbringen muss/ sollte, um den Beruf mit der nötigen Wertschätzung den Menschen gegenüber, erfolgreich ausfüllen kann 😉
        Du hast vollkommen Recht! Patient kann jeder werden. Es wäre wirklich schön, wenn die Menschen diese gedanklichen Barrieren abbauen und mit mehr Wertschätzung dem Leben aller gegenübertreten würden.
        Ich freue mich sehr, dass auch du mit deinen Beiträgen zu mehr Akzeptanz anregst! Je mehr dies tun, umso mehr Chancen entstehen, dass die Akzeptanz und das Miteinander nicht nur buchstabiert werden, sondern Inklusion auch gelebt werden 😉
        So… genug geschrieben *lächel*
        Ich wünsche dir einen angenehmen und stressfreien Start in die neue Woche!
        Liebe Grüße
        Heike

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      2. Guten Morgen Heike,
        das sehe ich auch bei uns im Krankenhaus. Da sind jede Menge Idealisten, die ihren Beruf lieben und auch helfen wollen. Eine Berufung statt eines Berufes sozusagen. Ich bin selbst immer wieder überrascht, wie meine Ansichten sich ändern, wenn ich gedanklich meine eigene Komfortzone verlasse. Ich habe mal in Koblenz bei einem Menschen übernachtet, der im Rollstuhl sitzt. Der hatte absolut keine Berührungsängste und hat seine Wohnung permanent zum Übernachten angeboten. 🙃 Ich glaube, es macht vielen Menschen etwas aus, eine gewisse Gebrechlich- oder Verletzlichkeit zu sehen. Es könnte ja auch einen selbst treffen. 🤷‍♀️ Dabei ist das wirklich Quatsch. Es ist ja nicht so, dass es Dinge nicht gibt, weil man sie nicht sehen will. 🤔 Und ich war mal bei einer Inklusionsdisko. So fröhlich und ausgelassen habe ich lange niemanden feiern sehen. Da war ich richtig neidisch. Vermutlich bin ich die Eingeschränkte und sollte mir da etwas abschauen. 🙈 Liebe Grüße und einen schönen Tag

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      3. Liebe Lisa- Maria,
        du hast so recht mit dem was du schreibst 😉
        Ich habe auch ganz oft das Gefühl, dass, wenn viele Menschen Berührungsängste abbauen, wird die wirkliche Inklusion und ein empathisches Miteinander auch funktionieren. Wenn wir beide auch nur im Kleinen und durch unsere Beiträge dazu verhelfen können, werden andere vielleicht nachziehen und es gleich tun. Jeder kann dazu beitragen, dass die Welt für alle ein wenig schöner und menschlicher werden kann 😉
        Ich wünsche dir einen schönen Resttag mit vielen Lächelmomenten!
        Liebe Grüße
        Heike

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      4. Liebe Heike,
        ich glaube, wenn man enmal sieht, wie sehr sich manche Menschen dabei über beachtung freuen, kann man daraus auch selbst fpür sich einen großen Wert ziehen. Ich freue mich einfach immer über das Lächeln auf dem Gesicht von jemanden, der sonst von vielen Menschen übersehen wird. Das ist ein wunderbares Geschek.
        Das wünsche ich Dir auch.
        Herzliche Grüße
        Lisa

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      5. Das hast du schön gesagt liebe Lisa😊 wirklich eins der schönsten Geschenke, ein Lächeln im Gesicht eines Menschen zu erzeugen zu können ☺️ Liebe Abendgrüsse 🌹Heike

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