Die Magie verlassener Orte

Lange hatte es gedauert bis meine Freundin und ich das alte Fabrikgelände gefunden hatten. Trist und einsam liegt das verlassene Gebäude da. Still und unbelebt stehen davor die Autos. Ein grasgrüner VW-Bus bringt etwas Farbe in die ausgestorbene Ödnis. Die Fenster des Mercedes sind gesplittert und der schwarze Lack zerkratzt. Schlammbrocken liegen auf dem Weg der Zufahrt. Der nahende Winter hat das Laub der Bäume zu braunen, rottenden Haufen zusammen geweht. Eine Schwermut liegt über diesem Ort. Ohne das es sonderlich kalt ist, fröstele ich und ziehe die Jacke enger. Verblasst sind die Buchstaben an der Hausfassade der ehemaligen Fabrik. Einige Lettern fehlen sogar. Zerfetzt und schief hängen die Rollläden in den Fensternischen. Der Zahn der Zeit nagt tief und beständig am grauen Verputz. Zahlreiche Risse überziehen die leblose Fassade am verwaisten Haus. Ein leuchtend gelber Bagger steht unentschlossen inmitten des Verfalls. Rost und Schmutz wohin ich sehe. Betrübt schüttele ich den Kopf angesichts dieser Vergänglichkeit, die mich konstant umgibt. Die Traurigkeit des Dezembers verstärkt den morbiden Charme des Gebäudes um ein Vielfaches. Fast empfinde ich schon eine gewisse Romantik dieses Elends. Ich blicke in den finsteren, offenen Türeingang. Eine Absperrung gibt es hier nicht. Nur ein Schild aus längst vergangenen Zeiten mit der Aufschrift ‚Zutritt untersagt, Kunden frei‘. Angesichts dieser Einladung setze meine Stirnlampe auf und betrete das Dunkel der ehemaligen Schokoladenfabrik.

Sofort verschluckt mich die schattige Düsternis. Über am Boden verstreute Glasscherben und völlig zersplitterte Balken betrete ich das Innere des Hauses. Die Produktionsräume scheinen, als wären sie gerade verlassen worden. In den Maschinen ist noch das Verpackungspapier eingespannt. Etiketten für Schokoladenprodukte stapeln sich wahllos in den Kisten auf dem Boden. Im oberen Stockwerk empfängt uns kalter, nasser Boden. In das feuchte Gemäuer dringen wir nicht weiter ein, der Boden könnte morsch sein. Kleine Formen für Pralinen und Gussvorlagen für Osterhasen türmen sich auf dem Untergrund. Vergilbte Werbeplakate kleben am kalten Stein. Über eine Treppe mit unregelmäßigen Stufen gelangen wir ins Untergeschoss. Bald öffnet sich ein größeres Loch im Boden. Daher stellen wir auch in der unteren Etage unseren Entdeckergeist bald ein. Maschinen oder andere interessante Geräte sehen wir dort auch nicht. Zurück im Erdgeschoss entdecken wir in einem ehemaligen Büro noch alte Papiere. Bei näherem Hinsehen kann meine Freundin diese als Steuer- und Buchhaltungsunterlagen identifizieren. Gerade was die Finanzen betrifft, zeichnet sich in Bezug auf diesen Ort eine bittere, wehmütige und freudlose Geschichte ab.

Der Fabrikgründer wurde 1873 geborenen. Mit seiner Geburt nahm die traurige Historie um seine Schokoladenfabrik wohl den Anfang. Im Zuge seiner Karriere war er Chefkoch bei Prinz Albert, Fürst von Monaco. Beim Beladen des fürstlichen Dampfsegelboots verunglückte er und zog sich so schwere innere Verletzungen zu. Daraufhin konnte er seinen Beruf nicht mehr ausüben. Schließlich kehrte er in seine Heimat zurück. Sein Gesund werden schreibt er allgemein seiner neuen besseren Lebensweise zu. Er wurde Vegetarier und trank keinen Alkohol mehr. 1899 im Alter von 26 Jahren, gründet er sein erstes Reformhaus. Beim Naturheilverein war er ebenfalls aktives Mitglied. Ab 1911 gibt er zusätzlich vegetarische Kochkurse. Mindestens eine Stunde pro Tag wandert er, am Wochenende meistens mehr. Durch diese Spaziergänge findet er schließlich den Ort, an dem er sein Wochenendhaus und im Anschluss auch seine spätere Fabrik errichtet. Dort stellt er zunächst ausschließlich Reformnahrungsmittel her. 1914 eröffnet er sein zweites Geschäft. Gesunde Nahrungs- und Genussmittel aus eigener Herstellung bleiben dabei sein Ziel. Seine Fabrik hat bald einen sehr guten Ruf und erlangt Bekanntheit über die nähere Umgebung hinaus. Ab 1929 übernahm der Sohn des Fabrikanten nach und nach die Leitung des Betriebes. 1932 dann komplett. Ihm war, wie seinem Vater, ebenfalls der Gedanke wichtig, dass der Begriff Reformhaus im Vordergrund steht, nicht die Schokoladenfabrik.

Viele und variantenreiche Produkte wurden hergestellt. Darunter auch schon pflanzliche Wurst. Des weiteren Suppen, Brot oder Zwieback und Fruchtpasten oder -konfitüren sowie Früchtebrot. Natürlich auch etliche Schokoladenartikel wie Puffreisschokolade oder -stangen, Joghurtschokolade und Pralinen, Kakao oder Lebkuchen. Zusätzlich kreierte man Bonbons, Zuckerhüte und Rübensirup oder Schokolade. Und noch vieles, vieles mehr. Heute noch können viele alteingesessene Anwohner mit den Namen der Produkte oder der Fabrik etwas anfangen. Bis zu 90 Mitarbeiter stellten die Produkte her. Dann wurde der Fabrikbesitzer aber 1939 erst zum Frankreichfeldzug eingezogen und nahm danach am Russlandfeldzug teil. Nach dem Krieg kam er in englische Gefangenschaft. Das Werk stellte derweil weiter her, konnte sich aber nie gegen die großen Süßwarenfabrikanten durchsetzten. 2016 wurde die Schokoladenmanufaktur aus dem Handelsregister gelöscht. Einige Jahre wohnte die Tochter des Unternehmers mit ihrer Katze noch Tür an Tür mit den immer mehr verfallenden Produktionsstätten. Der Schock der Insolvenz wurde von der Familie niemals überwunden. Die alte Dame musste leider gezwungenermaßen ausziehen. Für das Gelände wurde 2018 eine Zwangsvollstreckung eingeleitet. So endet eine überaus bedauerliche Lebensgeschichte mit einer Zeitungsanzeige: Wohnhaus mit ehemaligem Büroanbau, sanierungsbedürftig, Außenbereich ohne Gewähr! Verkehrswert 139.000,00 €. Inzwischen wurden Teile des Anwesens von der hiesigen Stadtverwaltung an einen Architekten versteigert. Für lediglich 108.000€!

 


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