Elendsviertel wird zum Park

Die Aussicht vom Jardin Botanic in Barcelona macht mich sprachlos. Wohin ich auch blicke, umgibt mich zartes oder kräftiges Grün in allen Farbschattierungen. Ich bin fast allein im Garten. Unter mir liegt in der Ferne die spanische Großstadt Barcelona. Ein paar Zipfel des Stadionbaues in der Nähe sehe ich auch. Der Weg hier herauf war zu Fuß überaus mühselig. Ich bin ziemlich außer Atem und total am Schwitzen. Natürlich hätte ich auch mit der Metro zum Montjuic, einer der Hausberge Barcelonas fahren können. Die Entfernung zwischen dem Garten und dem Stadtzentrum hatte ich schlicht unterschätzt. Für einen Spaziergang durch die ganze Welt an nur einem Tag hatte es sich dennoch gelohnt.

Im weitläufige Park blühen Blumen aus den mediterranen Klimaregionen der Erde unter demselben Himmel. Mein Rundgang führt mich durch Australien, Chile, Südafrika und Kalifornien bis an die Mittelmeerküste Nordafrikas. Mittelmeerpflanzen finden sich also nicht nur in Europa. Am Ende werde ich total müde auf den Kanarischen Inseln ankommen, der letzten Station. Mit dem Garten, der 1999 eröffnet wurde, will man auf den immer größeren Verlust der Pflanzenvielfalt aufmerksam machen. Weltweit bedrohte botanische Arten werden an diesem Ort gehegt, gepflegt und können gedeihen. Und ich kann mir diese hier ansehen. Idyllisch reihen sich die vielen Bäume, Sträucher und Blumen zu einem übergroßen Garten auf dem riesigen Areal.

Ein verwunschener, wilder, verträumter Anblick. Ein Dschungel, der zu meinem Glück von Gehwegen durchzogen ist. 4.000 Pflanzenarten säumen die Pfade und Felder. Sie zieren blickdicht die manchmal fast schon waldähnliche Umgebung. Ich bin absolut begeistert. Unfassbar, dass dieser wunderbare Park so oft in den Auflistungen der Sehenswürdigkeiten Barcelonas fehlt. 14 Hektar ist die ganze Grünfläche groß. Immer die Pflanzen, die unter denselben Voraussetzungen wachsen, teilen sich eine Nachbarschaft. Die 5 Bereiche der Welt, in denen mediterranes Klima herrscht, beherbergen etwa 20% aller bekannten Spezies. Viele davon sind fast schon ausgestorben. Zum Glück sind diese im Gartenareal erhalten geblieben.

Die Gegend um den schönen Botanischen Garten war lange Zeit eine militärische Festung. Von dort verteidigten Soldaten die Stadt und kontrollierten die Bevölkerung. Im 19. Jahrhundert wurden diese sogar mehrmals vom Berg aus beschossen und bombardiert. Es war strengstens verboten um das Militärbauwerk Häuser zu errichten oder Bäume zu pflanzen, um dieses zu schützen. Wo heute der wunderschöne Garten blüht, gab es früher lediglich Farmland. Nach dem Spanischen Bürgerkrieg 1939 war die gesamte Umgebung von Hütten bedeckt, die sich das Elendsviertel mit einem Müllabladeplatz teilten. Tausende Anwohner Barcelonas wohnten im neuen Can Valero-Stadtteil. Dieses erstreckte sich vom Olympia-Stadion bis zur Militärfestung.


 

Die armen Anwohner pflanzten in ihren Gärten Gemüse an und setzen Bäume. Meistens Johannisbrot-, Mandel- oder Feigenbäume. Auf der Terrasse recken sich Palmen und Olivenbäume gegen den Himmel. Die gepflanzte Fauna sollte bei der Eröffnung des Botanischen Gartens auf jeden Fall erhalten bleiben. Mit dem neuen Park wollte man das verwahrloste Viertel des Montjuic verschönern. Die Pflanzen der Ärmsten wurden, wo es ging kurzerhand in den Park integriert. Mit der Geschichte des Botanischen Gartens geht auch mein Rundgang durch diesen zu Ende. Eine lange Holzbrücke führt mich zum Ausgang durch einen dunkelgrünen Teich mit Seerosen. Ich trete aus den schattenspendenden Zweigen eines großen Baumes. Die herabhängenden Äste zieren winzige, dunkelgrüne Blättchen. Dieses Projekt ist wirklich geglückt. Ein Elendsviertel wich einer traumhaften Parkanlage.


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