Gaudis Knochenhaus

Der Blindenstock rattert über das Pflaster. Kontinuierlich hin und her. Einen Moment bin ich abgelenkt von dem ungewöhnlichen Gebäude vor mir. Ich nehme das gleichmäßige Geräusch der über den Stein der Straße schlingernden Stange kaum mehr wahr. Zu spät merke ich, dass der Stab vor meinen Füßen nicht halt macht. Eine weitere ausholende Bewegung des Sehbehinderten bringt mich zu Fall. Ich stütze mich auf den Handflächen ab, weil mir der Boden unter den Sohlen weggezogen wird. Halb kniend sitze ich auf der belebten Rambla mitten in Barcelona. ‚Huch.‘ stammle ich. Mein Gegenüber ist entsetzt. ‚Entschuldigung.‘ Ich versuche den Mann zu beruhigen und winke ab. Was er natürlich nicht sehen kann. ‚Macht doch nix.‘ setze ich schnell hinterher. Der Spanier entfernt sich. Und ich drehe mich wieder zum Meisterwerk Antoni Gaudis um. Der Casa Battlo.

Das gesamte Gebäudes sieht völlig skurril aus und wird auch Knochenhaus genannt. Die Streben der filigranen Balkone sehen wie Knochen aus und geben den Blick auf die riesigen dunklen Fensteraugen frei. Skelettköpfe mit maskenartige Fratzen erkenne ich in den Balkonen. Wie ein bunter Teppich verteilen sich Glas- und Keramikscherben wellenförmig über die gesamte Fassade und beleben die schuppige Haut eines Drachen. Die Legende des Heiligen Georg des Schutzpatrons Kataloniens soll Gaudi dabei im Sinn gehabt haben. Mit etwas Fantasie kann man auf dem Dach den schillernden, gekrümmten Drachenrücken erkennen. Die Galerie im ersten Stock symbolisiert dabei das Maul des Untiers und der Kamin auf dem Dach die Lanze des Drachentöters, die im Ungeheuer steckt. Stumm blicken mich die großen Schädeln aus leeren Augenhöhlen von der Fassade an. Selbst im Inneren erinnern mich sämtliche Säulen an Knochen.

Ich schlendere die Stufen des Treppenhauses hinauf. Kleine Mosaikblättchen in allen erdenklichen Blautönen ziehen sich bis unter die Decke des Gaudihauses. Wie in einer Unterwasserhöhle komme ich mir vor. So maritim und mystisch wirken die Wände. Oder ein bisschen wie im U-Boot von Kapitän Nemo. Die meeresblauen Kacheln werden zum Boden hin immer heller und die Fenster nach oben hin immer kleiner. Der Eindruck einer gleichmäßigen Lichtverteilung entsteht. In der Belletage lebte die Familie Battlo. Die Mosaike der Dachfenster erinnern an Schildkrötenpanzer und verstärken die Unterwasser-Atmosphäre. Die romanischen, zarten Meeresfarben der Fenster legen den ‚Passeig de Gràcia‘ unter mir in unwirkliches, pastellfarbenes Licht. Weit weg fühlt sich der Trubel der belebten Straße an. Als würde ich durch ein Bullauge eine unbekannte Welt betrachten. Die Decke über mir spiegelt einen wellenförmigen, in sich laufenden Wasserstrudel wider. Die Kraft unter der See ist überall spürbar.

Auch das Dach ist mit einem Auf und Ab von Drachenschuppen bedeckt. Für die Familie Batlló sollte Gaudi einen spektakulären Palast nach dem letzten Schrei entwerfen. Josep Batlló gewährte dem Architekten totale künstlerische Freiheit. Im Grunde wollte der Hausbesitzer das Gebäude eigentlich abreißen. Dank der Vorschläge Gaudís geschah dies nicht. Zwischen 1904 und 1906 wurde der Palast komplett renoviert. Gaudi baute die Fassade total um. Die Zwischenwände wurden neu verteilt, der Innenhof vergrößert und auch das Innere des Gebäudes in ein wahres Kunstwerk verwandelt. Abgesehen von seinem künstlerischen Wert weist der Bau eine hohe Funktionalität auf, die eher in unsere Zeit passt als in die damalige. Einige Betrachter sehen darin sogar Vorläufer der architektonischen Avantgarde des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

Wie es für Gaudi typisch ist, hat dieser sich bei der Renovierung des Hauses an Naturelementen orientiert. Senor Battlo zog mit seiner Familie in die ersten beiden Etagen. Ganz oben wohnten Dienstboten oder Mieter. Keine einzige gerade Linie konnte ich bisher im Inneren oder am Äußeren des Gebäudes entdecken. Dass alles hier handgefertigt ist, beeindruckt mich. Die Griffe an Türen und Fenstern sind sogar extra der Handführung der Bewohnern angepasst. Angeblich wurden selbst die Stühle nach Maß und Körperform angefertigt. Ganz oben betrete ich die frische, angenehme Luft der Dachterrasse. Die Aussicht über Barcelona ist grandios. Auch in diesem Bereich setzen sich Gaudis Muster und Mosaike fort. Selbst die Schornsteine mit ihren kleinen Hütchen zum Regenschutz sehen wahnsinnig toll aus.

Das Casa Batlló ist eins der letzten Häuser, die Gaudí umgebaut hat, bevor er sich restlos dem Bau der berühmten Kathedrale Sagrada Familia widmete. Nachdem Josep Battló gestorben war und seine Nachkommen hier nicht mehr lebten, wurde das Haus 1954 an eine Versicherung verkauft, die hier Büros einrichtete. 1970 gab es die ersten Renovierungen, 1983 bekamen die Balkone ihre ursprüngliche Farbe wieder und 1995 wurde das Haus komplett restauriert. 2005 wurde es mit anderen Werken Gaudís in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen. Als ich die Dachterrasse verlasse, empfangen mich erneut die glitzernden, blauen Facetten der Fliesen. So muss sich Kapitän Nemo 20.000 Meilen unter dem Meer gefühlt haben. Meereslebewesen kringeln sich scheinbar über den bläulichen Keramikbruchstücken. Ich fühle mich, als hätte ich einen Schnorchelgang in einem wunderschönen Korallenriff hinter mir.


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