Vom Hexenhaus zum Kloster

Der bunte Fleck in der Ferne wird immer größer. Stück für Stück wächst sich der farbige Klecks zu einem zierlichen Hexenhäuschen aus. Das windschiefe Dach lässt die vielen Stürme erahnen, denen sich die Dachziegel bereits beugen mussten. Auf dem Vordach sitzen zwei schwarze Raben. Vor der Eingangstür sagen sich gerade Hase und Fuchs gute Nacht, obwohl es ringsumher helllichter Tag ist. Das kann einem ja wirklich nur auf dem Lauterbacher Hexensteig passieren. Die Tür ist mit völlig schrägen Paneelen beschlagen und die Fenster liegen geneigt im Gebälk. Ein Wunder, das dieses ungerade Häuschen überhaupt aufrecht steht. Die Tür ist nicht verschlossen. Der Sohlberg, auf dem ich gerade stehe, hieß schon immer Hexenplatz. Dies war seit jeher die Vergnügungsstätte des Teufels und der Hexen aus der Umgebung gewesen. Diese wurden hier von der Sohlberghexe erwartet, die im Hexenhaus auf dem Berg ihren Unterschlupf hatte. Zum Hauptvergnügen fanden sich dann alle hinter dem Häuschen zum Hexentanz ein. Ich ziehe die verbogene Tür auf und spähe neugierig in die Hütte. Ein Gusseisenkessel hängt im Dachbalken. Weiße Spinnweben ziehen sich über das gesamte Holz. Die Hexe fliegt direkt unter dem Dach auf ihrem Besen. Graues Haar hat sie und eine knollige Nase. Ihr roter Mantel flattert ungestüm im Fahrtwind. Ein paar Fledermäuse kreisen zu ihrer Gesellschaft durch die Lüfte. An den Wänden krabbeln Spinnen und Ungeziefer. Schnell mache ich die Eingangspforte wieder zu.

Nach dieser schaurigen Begegnung ist mir nach etwas angenehmerer Umgebung zumute. Ich parke mein Auto an der alten Klosterruine Allerheiligen. Aus einem kleinen Brunnen an der Klostermauer tröpfelt Trinkwasser aus der hiesigen Quelle. Bad Rippoldsau-Schapach ist im Schwarzwald als Mineralwasser bekannt. Über einen schönen Pfad geht es vorbei an einer Horde Kühe. Ein kleines Kälbchen hängt am Euter seiner Mutter und zuckelt gierig die Milch. Die Hörner eines Ochsenpaares sind ineinander verkeilt, als würden beide heftig diskutieren. Stirn an Stirn stehen sie da. Ein Stier peitscht heftig mit dem Schwanz. Dann schauen sie sich wieder nur an. Der sanft geschwungene Weg führt an vielen kleinen Wasserfällen vorbei, die sich schließlich zu immer Größeren entwickeln. Je tiefer das Wasser fällt, umso schöner die folgende Kaskade. Zartgrünes Moos glitzert auf den nassen, glatt geschliffenen Steinen. Manche Stellen leuchten ganz grau im gleißenden Sonnenlicht. Vereinzelt treiben Äste und Zweige im herabstürzenden Wasser. Ich setzte mich auf einen der Steine am Wegesrand. Das weiche zartgrüne Moos wirkt fast wie ein Sitzkissen. Ich ziehe die Schuhe aus und wackle vorsichtig mit den Zehen in die nasse Kälte hinein. Ein angenehmes Frösteln macht sich breit. Schon stehen beide Füße im kühlen Wasser.


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