Zerstörung der Edertalsperrmauer

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‚Vernünftige werfen keine Steine oder andere Sachen ins Wasser. Den anderen ist es verboten!‘. Schmunzelnd lese ich das auffällige gelbe Schild an der Uferpromenade und schlendere gemütlich über die Staumauer der Ederseetalsperre. Die Aussicht auf das dunkelblaue Wasser ist fantastisch. Hier an der Sperrmauer tummeln sich überaus viele Touristen. Die Restaurants und Cafés sind voll bis auf den letzten Platz. An der Eisdiele steht eine lange Menschenschlange in der warmen Sommersonne. Kaum zu glauben, dass dieses idyllische Bild einmal durch einen Angriff der Engländer völlig zerstört wurde. Die Geschichte zu diesem Ereignis erzählt das kleine, überschaubare Sperrmauermuseum, das etwas abseits am Rande des Örtchens Edertal liegt. Die britische Operation wurde in einer Nacht auf drei Ziele mit insgesamt 19 Flugzeugen geflogen. Mehrere Destinationen wurden ausgewählt, damit die Mission nicht nur von einem Erfolg abhängig war. Auftrag der Lancaster-Bomber war die Zerstörung der Edertal-, Möhne-, Lister-, Ennepe- und Sorpetalsperren. Im Museum läuft ein kleiner Film, der zeigt wie die Piloten 1943 nachts ihr Vorhaben durchgeführt haben. Zur richtigen Zeit mussten die extra dafür entwickelten ‚hüpfenden‘ Wasserbomben (bouncing bombs) abgeworfen werden. Kreiert hat die Rollbomben der Engländer Sir Barnes Neville Wallis. Die ersten erfolgreichen Testversuche führt der Testpilot ‚Shorty‘ Longbottom an der englischen Küste durch. Erst 5 Tage vor dem tatsächlichen Angriff auf die Talsperre war die Abstimmung optimal. Operation Züchtigung hieß der britische Angriff vor fast 80 Jahren übersetzt.

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Wallis befürchtete, dass die Deutschen zu früh von seinen Bomben erfahren und ihre Talsperren zu unzerstörbaren, unangreifbaren Festungen ausbauen würden. Es kommt anders als der Tüftler denkt. Während die Ennepe- und Sorpetalsperre den Luftschlägen standhalten, die Listertalsperre wegen Nebels verschont bleibt, beschädigt die 617. Fliegerstaffel erfolgreich die Sperrmauern des Eder- und Möhnesees. Der Edersee war zur Zeit der Bombardierung bis an den Rand gefüllt. Vor dem Angriff nutzen die Piloten den Luftraum über Waldeck und Edertal um sich und ihre Besatzungen auf die komplizierten Anflüge und Abwürfe der zerstörerischen Fracht vorzubereiten. Durch ein Zielgerät, das auf die beiden Mauertürme der Sperrmauer gerichtet wurde, gelang es beide Türme komplett zu fixieren und die Bombe genau im richtigen Moment abzuwerfen. Um derart tief über der Wasseroberfläche zu fliegen, muss man natürlich ein ziemlich guter Pilot sein. Im Film sieht das für mich denkbar einfach aus.

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Eine weitere Schwierigkeit waren die Berge, die direkt hinter der Sperrmauer auftauchten und gefährlich für die Piloten waren. Ziel der Alliierten war es, das Ruhrgebiet als ‚Herz‘ der deutschen Rüstungsindustrie und Nervenzentrum der Weltwirtschaft, empfindlich zu treffen, möglichst lahm zu legen und damit die Kriegsdauer entscheidend zu verkürzen. Britischen Vorstellungen zu Folge lieferten die Talsperren von Eder, Möhne und Sörpe durch ihre angeschlossenen Wasserkraftwerke einen Großteil der Energie für die Produktion des Ruhrgebiets. Wasser war kriegswichtiger Rohstoff für die Waffen- und Stahlherstellung. Ebenso garantierten die Stauseen die Trinkwasserversorgung der Bewohner des Ruhrgebiets zu 75%. Ebenso regulierten diese andere Wasserstraßen, auf denen Wirtschaftsgüter und Kriegsmaterial transportiert wurde. Das galt vor allem für den Edersee.

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Die Zerstörung der Talsperren galt daher als kriegsentscheidend. Das gesamte Ruhrgebiet läge unter Wasser und damit still und die Bevölkerung wäre ohne Trinkwasserversorgung. Zudem konnten die Flutwellen weitere Schäden anrichten und somit andere Transportwege wie die Eisenbahn oder Straßenzüge zerstören. Die Angreifer rechneten auch mit einer demoralisierenden Wirkung auf die Zivilbevölkerung. Auf dem Museumsfernseher vor mir hüpft die Bombe in schwarz-weiß gerade dreimal über die ruhige Wasseroberfläche und versinkt direkt vor dem Ederdamm. Dieser steht nach der Explosion aber leider immer noch. Wallis schlägt entsetzt die Hände vors Gesicht. Er hatte gehofft, dass ein Bombenabwurf zur Zerstörung reichen würde. Da springt bereits die nächste Bombe über die Wellen. Der Pilot hat allerdings leider den Abflug über die Edertalberge nicht geschafft. Sein Flugzeug zerschellt. Er stirbt in den auflodernden Flammen. Betroffen sehen sich die Schauspieler an. Dann fällt wie ein Schulterzucken der Satz: ‚Dafür sind wir eben im Krieg.‘

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Am 10. Mai 1942 hatte Premierminister Winston Churchill alle deutschen Städte, in denen sich die Rüstungsfabriken der deutschen Rüstungsmaschinerie befinden, öffentlich zum Kriegsgebiet erklärt und die deutsche Zivilbevölkerung aufgefordert diese Orte zu verlassen. Diese Warnung wurde den Menschen von den Nazis komplett verschwiegen. Es wurden auch keine Maßnahmen zur Evakuierung der betroffenen Einwohner getroffen. Solange die bedingungslose Kapitulation der Nazis nicht erfolgte, meinte Churchill, stellen alle deutschen Industriestädte einen Kriegsschauplatz dar. Jede Zivilperson, die sich dort aufhält, läuft selbstverständlich ebenso Gefahr ihr Leben zu verlieren, wie jede Zivilperson, die sich auf einem Schlachtfeld aufhält. Wer diese Warnung missachtet, hat sich die Folgen selbst zuzuschreiben. Ich sehe auf den kleinen Fernsehbildschirm, über den die nächste Lancaster flimmert und ihr Glück versucht. Ihre Explosion trifft. Die Engländer gratulieren sich zum Erfolg per Handschlag.

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Hunderte Menschen sterben in Folge bei den Überschwemmungen. Im Edertal zum Glück nur 68, da der örtliche Bürgermeister Alarm geschlagen und die Einwohner gewarnt hatte. Dennoch sind dies mahnende Gespenster des Krieges, mit denen sich niemand gern beschäftigt. Die Wassermassen legen die Rüstungsindustrie des Ruhrgebiets zunächst lahm. Die mächtigen, heran peitschenden Fluten reißen die Metallkonstruktionen der Stahlwerke zu Boden. Arbeiter im Industriewerk fliehen vor den kraftvollen Wellen an Leitern hinauf, um zu entkommen. Jeder versucht sich zu retten, wie auch immer er kann. Die Mission ist beendet, die Rüstungsindustrie schwer gestört. Die Ederflut verursacht Schäden in Höhe von mehrerer Millionen Reichsmark. Überall im Überschwemmungsgebiet begannen Hilfsmaßnahmen der Rettungs- und Aufräumdienste. Man stellte Arbeitskolonnen zusammen, um dem Chaos Herr zu werden. Wer sich dem widersetzte wurde kurzerhand zur Arbeit gezwungen. Alle besonderen Belange des Einzelnen und die Arbeit am eigenen Haus stand hinter dem allgemeinen Ortsaufbau an. Bei jedwelchem Versagen wurden die betreffenden Bürgermeister zur Rechenschaft gezogen und strengstens bestraft. In der Edertalmauer klaffte ein Loch von ca. 70m Breite und 22m Tiefe. Selbst auf dem Grund war das Loch noch 18m breit. Um die Sprenglücke zogen sich bis zu 100m lange Risse in der Mauer. 8.500 Kubikmeter Wasser stürzten pro Sekunde aus der Bresche ins Edertal.

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An der Sperre hatte die Welle eine Höhe von 9 Metern. 160 der insgesamt 202 Millionen Kubikmeter des Sees liefen aus. Die Flutwelle führte neunmal mehr Wasser mit sich als jedes Hochwasser der Eder vor dem Bau der Sperrmauer. Das Wasser hatte solch eine Geschwindigkeit, das es sogar noch Felsbrocken aus dem Mauerwerk mitriss. Die knapp 4 Tonnen schwere Rotationsbombe hatte 30.000 Tonnen Gestein aus der Mauer herausgerissen. Insgesamt starben etwa 1.400 Menschen in den Wassermassen. Auf britischer Seite kehrten 8 der 19 Lancasterpiloten nicht von ihrem Einsatz zurück. Sie wurden abgeschossen oder rammten im Tiefflug Hochspannungsmasten. Rechtfertige der Angriff diese Verluste? Kam es zu den beabsichtigten Wirkungen? Die gröbsten Schäden auf deutscher Seite wurden relativ rasch wieder behoben. Die Waffenschmiede Ruhr konnte fast ungestört weiterproduzieren. Der militärische Erfolg des Unternehmens war im Grunde ausgeblieben und hatte keinen Einfluss auf den weiteren Verlauf des Krieges. Die Alliierten hatten durch diese Aktion keine der erwarteten strategischen Vorteile. Der kurzfristige Ausfall der Kraftwerksleistung war durch Umschaltungen nach wenigen Stunden wieder unter Kontrolle und aufgehoben. Vielleicht ist es dieser ernüchternden Bilanz zuzuschreiben, dass die Alliierten den Wiederaufbau der Talsperren nicht durch neue Bombardierungen störten. Auf deutscher Seite wurde der Angriff peinlich verschwiegen.

Der Talsperrenangriff geschah zu einer Zeit als sich das Kriegsgeschehen dramatisch veränderte. Deutschland verlor die Offensive in der Sowjetunion und Südafrika, ebenso im U-Bootkrieg als auch die Lufthoheit über das Reich. Luftangriffe der Briten und US-Amerikaner waren an der Tagesordnung. So gering die militärischen Folgen des Angriffs auf die Edertalsperrmauer auch waren, so tief hat sich dieses Ereignis doch in das kollektive Gedächtnis der Edertaler bis heute eingegraben. Die jährlichen Gedenkveranstaltungen liegen in den Händen der örtlichen Vereine. Im Mittelpunkt stehen die einheimischen Opfer, in Ansätzen auch die verstorbenen britischen Piloten. Totgeschwiegen werden der Wiederaufbau und die daran Beteiligten. 2.000 Zwangsarbeiter, zumeist ausgebildete Handwerker, waren ohne Wissen über Ziel und Dauer des neuen Einsatzes verschleppt worden. Es gab keinerlei Kontakt zur Familie in der Heimat. Harte körperliche Arbeit mit langen Tages- und Wochenarbeitszeiten bei wenig Ernährung und schlechter Hygiene, unzureichende Erholungszeiten, Krankheiten und Tod bestimmten die schlechten Lebensbedingungen. Der Wiederaufbau der Talsperren galt als ebenso schwierig wie kriegswichtig. Man konnte dabei auf die Zwangsarbeiter keinesfalls verzichten. Spätestens nach dem Kriegsende verschwanden die Arbeiter aus dem Edertal und dem Blickfeld der Einheimischen. Bis heute oftmals ohne ein Wort der Entschuldigung.


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