Modernes Glas

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Das Museum für modernes Glas liegt im Coburger Stadtteil Rödental. Nur ein paar Schritte trennen die Ausstellung von dem Schlösschen Rosenau ganz in der Nähe. Die Innenstadt ist im Gegensatz hierzu ziemlich weit weg. Der lang gestreckte Museumsbau besitzt 1.260 m² Ausstellungsfläche. Im Erdgeschosses wird die Entwicklung des Studioglases von den 1960er Jahren bis heute gezeigt. Neben künstlerisch gestaltetem Gebrauchsglas und Objekten sind Skulpturen und Installationen aus demselben Stoff zu sehen. Kern der Sammlung bilden Werke, die auf den vier Coburger Glaspreisen 1977, 1985, 2006 und 2014 präsentiert wurden. Eine Treppe, natürlich auch aus Glas, führt ins Obergeschoss. Hier findet man Informationen zur Herstellung von Glas und dessen unterschiedlichen Verarbeitungsmöglichkeiten. Im Untergeschoss befindet sich die Studiensammlung Keramik, die ich aber ziemlich uninteressant finde. Einfach weil mich diese Substanz schlichtweg nicht begeistert, das ist wie Geschirr anschauen. Ich bin leider ein ziemlicher Kunstbanause und langweile mich schnell.

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Direkt am Eingang steht eine große Bodenkonstruktion aus vielen weißen Glasbällen mit einem weißen Schiff in der Mitte. Diese Installation soll an die Zerstörung der amerikanischen Pazifikflotte durch die japanische Luftwaffe 1914 erinnern. Daneben steht ein gläserner, schwarzer Koffer mit der Aufschrift ‚Kabaa to go‘, die eine Assoziation an muslimische Kofferbomber wachrufen soll. Figürliche Skulpturen aus Glas sind noch immer eine Randerscheinung, auch wenn sich dieser Bereich in den letzten Jahren ziemlich entwickelt hat. Neues Glas entstand in Europa in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren in Opposition zum bis dahin vorherrschenden Funktionalismus. In die gleiche Zeit fällt die Geburtsstunde des amerikanischen Studioglases im Frühjahr 1962. Damals hatte Harvey K. Littleton zusammen mit Dominick Labino einen kleinen, mobilen Brennofen in Toledo/Ohio errichtet, in dem sich Glas schmelzen ließ. Der im eigenen Studio aufstellbare Ofen machte die Künstler unabhängig von den Fertigungsstätten der Industrie und sollte später der ganzen Bewegung seinen Namen geben. Während sich die früheren Studioglaskünstler zur freien, spontanen Ofenarbeit bekannten, wenden heutige Glaskünstler die unterschiedlichsten Heiß- und Kalttechniken an und kombinieren diese oft miteinander. Traditionelle Fertigungstechniken werden bis heute bereichert von neuen, frischen Ideen junger Künstler aus Europa, den Vereinigten Staaten, Japan oder Australien. Der Begriff Studioglas erhält eine neue Dimension.

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Die Künstlerin Masayo Odas überwölbt meinen Rundgang mit einem alles überragenden Glas-Licht-Objekt, das ursprünglich aus einem Kronleuchter-Wettbewerb hervorgegangen ist. Die in München lebende gebürtige Japanerin hat für ihren Entwurf den Zuschlag erhalten, weil sie ein traditionelles Leuchtmittel durch ihre gestalterische Idee unter Einsatz modernster Lichttechnik zeitgemäß neu interpretiert hat. Über den weißen glockenförmigen Acrylglastrichter legen sich Behänge aus geschliffenem Kristallglas, die durch Lichtfaserstränge immer neu beleuchtet werden, z. B. in Gelb. Seine Wirkung entfaltet das Objekt daher gänzlich erst in der Dämmerung oder Nacht. Ich finde es aber an diesem Mittag auch so schön genug. Schon in früheren Zeiten wanderten die Glasmacher umher, um glastechnische Erfahrungen auszutauschen. Diese Neigung hat sich heute durch die vereinfachten Reisemöglichkeiten oder die Vielfalt der Aus- und Weiterbildungsstätten und durch die neuen Medien noch verstärkt. Wichtig sind auch die regelmäßig abgehaltenen internationalen Wettbewerbsausstellungen. So wundert es mich nicht, dass sich heute fast nur noch von internationalen Trends beim frei gestaltetem Glas sprechen lässt. Daneben haben sich aber auch regionale Eigenarten behauptet, so im benachbarten Lauscha oder in der Tschechischen Republik. Diese Kunstbewegung zeigte ganz deutlich, dass sich Glas als künstlerisches Material eignet. Es lässt sich verformen, verfremden oder ironisieren, um ihm neue, für das Auge ungewohnte Qualitäten zu entlocken.

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Glaskünstler betonen häufig die stofflichen Eigenschaften von Glas wie Transparenz, Glanz und Farbigkeit und heben diese besonders hervor. Glas steht als Symbol für Härte, Zerbrechlichkeit oder Verletzung. In jüngerer Zeit wird die bislang gültige Materialsprache mehr und mehr außer Acht gelassen und der Werkstoff Glas häufig mit anderen Materialien kombiniert. Im Zentrum steht die künstlerische Idee. Das Europäische Museum für Modernes Glas ist ein relativ junges Zweigmuseum der Coburger Kunstsammlungen. Denn seit den 1960er Jahren wurde die historische Glassammlung um zeitgenössisches Glas erweitert. Neben dem regulären Museumsbetrieb gibt es hier immer wieder Veranstaltungen, wie beispielsweise Konzerte. Teilweise ist die Ausstellung sogar abends geöffnet und man kann bei dämmrigem Licht seinen Rundgang durch die Kunststücke erleben. Die faszinierende Welt des modernen Glases hat in den letzten Jahren mehr und mehr Aufmerksamkeit erfahren und ist inzwischen ein Teil der modernen Kunst. Die Dauerausstellung besteht aus Arbeiten von über 100 internationalen Künstlern, wobei der Schwerpunkt auf dem 21. Jahrhundert liegt.

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Künstlerisch gestaltetes Gebrauchsglas und Objekte, abstrakte Skulpturen sowie figürliche Arbeiten der letzten 50 Jahre vermitteln eindrucksvoll die Vielfältigkeit dieses Materials. Man kann festhalten, dass Künstler, die mit Glas arbeiten, vollständig aus dem, traditionell gesehen, kunsthandwerklichen Schatten getreten sind. Glas ist ein Material unter vielen, ein fester, nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der zeitgenössischen Kunst. Was es nicht alles gibt, im Coburger Land! Ich spaziere durch die faszinierenden Kunstwerke aus Glas, die nicht nur in Form und Farbe, sondern auch in ihren Fertigungstechniken das gesamte Spektrum der Glasverarbeitung umfassen. Filigrane Röhren stehen neben mit Sandstrahl bearbeiteten Glasflächen. Kleine, gleichmäßige Lufteinschlüsse zeichnen ein gleichmäßiges Muster auf den glatten Flächen. Ein Künstler hat sogar einen Kopf aus Blasen in Glas gebannt. Auf einem Podest verschmolzen kleine Glasplättchen durch Erhitzen zu immer neuen ungeahnten Mustern und gestalten sich zu einer schönen Dose.

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Zarte Nadeln streben neben riesigen Glasobjekten in die Höhe und machen den Rundgang zu einem echten Erlebnis, das man mit Worten nur schwer beschreiben kann. Glas kann auf jeden Fall Gefühle auslösen. Damit spielen auch die Glaskünstler. Eine stachlig spitze, raue oder dunkle Oberfläche kann beim Betrachter Angst und Beklemmung suggerieren. Umgekehrt gilt: Wenn die Oberflächen angenehm glatt, die Farben licht und die Formen ausgewogen sind, macht sich ein Gefühl von Geborgenheit breit. Das immateriell erscheinende Glasmaterial hat Künstler in der ganzen Welt dazu angeregt, daraus komplexe Werke zu schaffen. Jene Wirkung entfaltet sich aber nur dann, wenn dem Material seine Transparenz gelassen wird. Auch wenn es weißlich-matt und getrübt ist, entsteht durch eine besondere Lichtführung oder die bloße Form der Eindruck von Entrücktheit und dadurch ein meditatives Kunstwerk. Mit dieser Art von Kunst kann selbst ich etwas anfangen. Und noch ein bisschen verweilen…

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