Wenn Industrie zum Stadtpark wird…

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Zufrieden stelle ich meine Kaffeetasse auf den zierlichen Unterteller und lehne mich zurück. Mühsam blinzle ich in die morgendlichen Sonnenstrahlen. Im Duisburger Hafen bietet ein Restaurant ein sehr gutes Frühstücksbuffet an. Es befindet sich in einer alten Mühle. Hier hatte ich mich gestärkt, denn ich habe heute noch viel vor. Golden glitzern das Licht auf den träge kräuselnden Wellen, die kontinuierlich an die steinerne Uferpromenade schwappen. Schwerfällig und vollgegessen erhebe ich mich von meinem Sitz und werde von der fröhlichen Menschenmenge, die sich entlang des Wassers drängt, förmlich eingesaugt. Im Hafen findet ein kleiner Markt statt. Zahlreiche zierliche Buden drängen sich dicht an dicht und bieten unter anderen Waren selbstgemachte Schmuck- oder Kleidungsstücke dar. Ich entscheide mich für ein paar maritime runde Ohrringe, auf denen ein kleiner Anker vor hellblauem Hintergrund abgebildet ist. Dann setze ich mich auf mein Fahrrad. Der Tritt in die Pedale tut gut. Eine frische Brise reißt wohltuend an meinen Haaren und fährt kalt über meine nackten Armen bis hinauf zum Ärmelansatz. Ich bin auf dem Weg zum Duisburger Landschaftspark. Dort wurde ein Industrieareal zur Grünanlage umgestaltet. Innerhalb von zwei Jahrzehnten wandelte sich ein stillgelegtes Hüttenwerk zu einer Großstadtoase.

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Das möchte ich mir gerne anschauen. In der ehemaligen Gießhalle des Hochofens, in der früher alle 2 Stunden ‚abgestochen‘ wurde, werden heute Theateraufführungen und Konzerte veranstaltet oder Open-Air Kino angeboten. Die Tribüne an diesem Ort bietet Platz für bis zu 9.000 Besucher. Das flüssige Roheisen floss hier direkt aus dem Hochofen in ein Bett aus Formsand, um zu Eisenbarren verfestigt zu werden. Diese wurden dann mit Wasser gekühlt und zur Weiterverarbeitung in eine Gießerei oder ins Stahlwerk transportiert. Mit durchschnittlich einer Million Besuchern pro Jahr gehört der Landschaftspark Duisburg-Nord zu den beliebtesten Naturlandschaften in der Region in Nordrhein-Westfalen. Seit 1994 verbinden sich hier Industriekultur und immer abends ein Lichtspektakel, das die alte Stahlkonstruktion bunt bestrahlt, zu einer Kunstdarbietung. In einem alten Gasometer des Areals entstand ein künstliches Tauchsportzentrum. Ich halte kurz inne. Vor mir liegt ein lebendiges Industriedenkmal. Mit seinen drei in der Reihe stehenden Hochöfen, den Bunkeranlagen, Schrägaufzügen und Gießhallen vermittelt der Landschaftspark in Duisburg das traditionelle Bild einer Hochofenanlage der Jahrhundertwende. Seit 2000 steht das Areal unter Denkmalschutz.

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‚Vorsicht, lebhafter Kranbetrieb‘ schreit eine Tafel mir direkt ins Gesicht. Davon ist heute natürlich nichts mehr wahrzunehmen. Neben dem Werk zieht gemächlich und sanft ein Fluss dahin. Sein Wasser schimmert grünlich, dunkel und geheimnisvoll. Ich schaue eine Weile auf das undurchdringliche Wasser und laufe dann zurück in den Landschaftspark. Um die Ecke liegt ein Kletterpark, bei dem man auf den Mauern des ehemaligen Industriegeländes herumklettern kann. Die verrosteten Rohre und leeren Gänge haben auf jeden Fall etwas. Braune und graue Farbtöne herrschen hier vor und untermalen, dass dies ein Ort aus vergangene Zeiten ist. Trist recken sich Stahlträger und Türme der Anlage in den Himmel und wissen wohl, dass diese nie mehr in Betrieb genommen werden. Es wird langsam dunkel, die Dämmerung setzt ein. In der Ferne schimmert die verschlungene begehbare Achterbahn-Skulptur Tiger & Turtle auf einer früheren Halde in klarem Weiß. 880 LEDs zeichnen die schwungvollen Windungen der Stahlkonstruktion in den dämmrigen Nachthimmel. Ich klettere unter einem altertümlichen Stahlgerüst durch und merke schon, Industrieromantik gefällt mir. Das ist überaus schön, hier will ich bleiben!

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4 Gedanken zu “Wenn Industrie zum Stadtpark wird…

  1. Eine schöne Beschreibung, die deine über den Industriepark in Duisburg! Vielen Dank fürs lesen lassen! Da bekommt man gleich Lust, ihn auch zu besuchen. So weit entfernt ist er gar nicht mal. Etwa eine knappe Stunde mit dem Auto. Mal sehen *lächel* Ich glaube, über diesen Park gab es im Fernsehen die ein oder andere Dokumentation. Auf alle Fälle eine tolle Sache mit der Funktionsänderung einer Industrielandschaft. So hat alles noch seinen Sinn!

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