Unser Wanderversuch…

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Meine Freundin schnauft ganz hektisch. Nach ein paar Schritten läuft sie dunkelrot an. Unter uns liegen steil abfallend die Weinreben, an denen sich die zierlichen Blätter ranken. ‚Das nächste Mal machen wir einen Städtetrip.‘ versuche ich sie zu beruhigen. ‚Am besten im Norden, da ist alles schön flach. Selbst beim Wandern. Oder in den Niederlanden, da ist auch alles ebenerdig.‘ Beschwichtigend hebe ich die Hände. Wir lachen über die rötlichen Wangen unserer Reisepartnerin. ‚Ich hab keine Luft mehr zum Lachen.‘ ruft diese entrüstet und stemmt empört die Fäuste in die Hüften. Wir befinden uns auf einem Wochenendtrip ins schöne Ahrtal unter Freunden. Genauer gesagt zu dritt. Ich hatte uns eine kleine Ferienwohnung in der Altstadt von Ahrweiler gebucht. Gerade sind wir auf einem Wandertrip nach Altenahr. Wir kommen mühsam voran. Ich deute nach rechts. ‚Also hier ist es nicht mehr so steil. Am besten wir gehen dort entlang. Vielleicht kommt ja jemand, den wir fragen können.‘ Meine Freundin keucht. ‚Wir müssen bergab.‘ sagt sie atemlos.‘ Ich gehe voraus den Weg bergan. ‚Nein, nicht schon wieder hinunter. Das machen wir dann doch später.‘ Wir haben alle keine Ahnung, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind. Unsere Handys haben keinen Empfang. Die Wege sind leider nicht bezeichnet.

Entschlossen wandern wir weiter auf unserem Pfad durch die Weinberge. Auf der feuchten Erde knirschen monoton unsere Schuhe bei jedem Schritt. In der Ferne erhasche ich einen Blick auf die Partnerstadt von Ahrweiler, Bad Neuenahr. ‚Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg.‘ werfe ich positiv gestimmt in die Runde. Die beiden anderen signalisieren mit einer Handbewegung ein ‚völlig egal‘. Ich ziehe die Daumenschlaufen meines Rucksacks um die Finger. So kann ich das Gewicht auf meinem Rücken besser verteilen. Ich blicke auf die Uhr. ‚Es ist schon eins.‘ Einer meiner Freunde hat Hunger. Das kann ich gut verstehen. Mein Magen knurrt lautstark. ‚Hat jemand einen Plan, ob wir gerade nach Altenahr laufen oder woanders hin? Hier begegnen wir ja überhaupt niemand.‘ frage ich hilflos. Inzwischen gibt es absolut keine Ausschilderungen mehr. Wenn doch, zeigen diese scheinbar in entgegengesetzte Richtungen. Ich deute auf den nächsten Pfeil. ‚Warum ist denn Walporzheim in Richtung Altenahr auf einmal weiter weg als bei unserem Start?‘ Ich klinge kläglich und verzweifelt. Nur zum Regierungsbunker in Ahrweiler sind auf jedem Hinweis genau 1 Km angegeben! Sehr seltsam. Vielleicht sollten wir einfach dorthin spazieren, um zumindest mal irgendwo anzukommen. Vermutlich kann jeder Wanderer von diesem Schilderwirrwarr ein Lied singen. So bleibt unser Wandertag leider erfolglos.

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In einiger Entfernung steigt Rauch auf. Irgendetwas wird inmitten der Rebstöcke nahe der Bunkeranlage verbrannt. Eine Ausschilderung existiert immer noch nicht. Pilzfamilien stehen eng gedrängt zwischen den hoch aufragenden Bäumen am Wegesrand. Inzwischen keuche ich aufgrund des Anstiegs auch. ‚Wir haben nur einen sportlichen Menschen in unserer Mitte.‘ kraftlos zeige ich auf den einzigen Mann in unserer Gruppe. Der Sandweg, den wir beschritten hatten, weicht in völligem Matsch auf. Vorsichtig taste ich mich auf der rutschigen Fläche voran. ‚Da ist er, der Rotweinwanderweg.‘ mein Finger verfolgt den einzelnen Pfeil, der einsam in eine bestimmte Richtung zeigt. Erneut schaue ich auf mein Handy. Evtl. gibt es ja jetzt Netz. Das Navy schickt uns nach Osten. Um die Weggabelung biegt ein Mann, der seinen Hund ausführt. Ich winke ihm sofort. ‚Hallo. Eine kurze Frage. Kennen Sie sich hier ein bisschen aus? Wir wollten eigentlich bis nach Altenahr wandern?‘ Der Hundebesitzer schaut mich verdutzt an. ‚Hier sind Sie jetzt immer noch in Ahrweiler. Dort geht es in ihre Richtung.‘ Sein ausgestreckter Zeigefinger weist uns den Weg. Ich lege die Hände ums gerötete Gesicht und bedanke mich. Wir sind genau dort, wo wir zur Wanderung gestartet sind. ‚Da ist der Weg das Ziel, was?‘ meint der Mann grinsend. Immerhin sind wir nun auf dem richtigen Pfad.

Ich seh meine Freunde an. ‚Fahren wir mit dem Zug?‘ will ich schüchtern wissen. ‚Das bringt doch so nichts. Hat denn keiner von uns diese komische Wanderapp?‘ Natürlich niemand, ich ja auch nicht. ‚Jetzt war es so schön flach die ganze Zeit und jetzt steigt der Wanderweg wieder an.‘ beschwert sich meine Freundin abrupt. Wir biegen links ab. Zum Glück hatte keiner in unserer Gruppe versucht, Abkürzungen zu nehmen. Das führt meist zusätzlich zu Streit. Wir hingegen hatten ja alle absolut keine Ahnung. Immerhin haben wir am Ende eine 3 Km-Etappe erfolgreich abgeschlossen. Auch, wenn diese uns letzten Endes im Kreis geführt hat. ‚Sieht gut aus.‘ sagt unser Freund kurz darauf bei Ankunft am Startpunkt unserer Wanderung. ‚Immerhin wissen wir, wo wir sind.‘ Jetzt haben wir alle ziemlich Hunger und sind dementsprechend mäßig gelaunt. Wo haben wir nur die falsche Abzweigung genommen? Das schöne Panorama der Weinlandschaft um uns interessiert uns noch wenig. Nur die Schilder der Weingüter nehmen wir noch wahr. Es ist bereits Nachmittag und langsam benötigen wir ob unserer Situation einen guten Tropfen. Immerhin geht es nicht mehr bergan, unsere Freundin ist erleichtert.

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Wir betreten Schleichwege und finden den Bahnhof von Ahrweiler. Die nächste Bahn geht unmittelbar. Ein Feuerwehrwagen zieht lautstark an der Fensterscheibe vorbei. Eine schöne Bahnstrecke begleitet unsere Zugfahrt. Die Landschaft ist überaus angenehm und abwechslungsreich. Jetzt kommen wir per Eisenbahn unserem Ziel doch unaufhörlich näher. Dennoch deprimierend irgendwie. Aber ein bisschen was vom Weinlehrpfad haben wir ja mitgenommen. Man muss schließlich sehen, was man geschafft hat, nicht nur was uns verborgen blieb. Jetzt sitzen wir hier in einem altertümlichen Gasthaus. Jeder hat einen imposanten, schön verzierten, gläsernen  Weinkelch in den Händen. Wir genießen die Müßigkeit. Irgendwo ist sicher auch auf  irgendeiner Wanderkarte des Ahrtals unser Rundweg abgebildet. Das erscheint mir ganz klar. Selbst, wenn diesen auch nach unserer Herangehensweise niemand beschreiten und ausprobieren würde. Wir haben das jedenfalls heute getan. Wir heben unser Weinglas und prosten uns zu. ‚Also das muss man schon ernst nehmen und durchziehen.‘ sagt unser Freund und hebt ebenfalls seinen Weinkelch. Wenn diese auch nicht beachtlich war, auf unsere Leistung heute wir trotzdem stolz. Besser als auf der Couch geblieben!

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