Eine Hafenrundfahrt, die ist lustig…

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Ratternd geht der Motor des kleinen Touristenbootes gegenüber des Klimamuseums in Bremerhaven an. Ich stehe an Bord der ‚Hein Lück‘ und habe das Handy griffbereit zum Fotografieren erhoben. ‚Meine Damen und Herren.‘ dröhnt die Stimme des Kapitäns aus den Lautsprechern. ‚Herzlich Willkommen bei uns an Bord und ein freundliches Moin.‘ der nordische Dialekt ist unverkennbar. Gemächlich schippern wir in Richtung des Hafengebiets von Bremerhaven. ‚Wir starten unsere Reise hier im Neuen Hafen, der von 1847 bis 1853 gebaut wurde. Zu Beginn lernen wir auch ein bisschen Seemannseinmaleins. Die rechte Seite des Schiffes ist die Steuerbord- die Linke die Backbordseite. Dort sehen wir gerade die ‚Ubena von Bremen‘ liegen, ein originalgetreuer Nachbau einer Hansekogge aus dem Jahr 1863. Die Originalteile wurden 1962 in der Nähe von Bremen gefunden. Diese waren so gut erhalten, dass man das Schiff nachbauen konnte und die ursprünglichen Teile im Schifffahrtsmuseum ausstellte. Auf unserer Backbordseite sehen wir den 39m hohen und im Jahr 1857 gebauten Simon-Loschen-Leuchtturm. Dieser ist inzwischen eine Konkurrenz zum schiefen Turm von Pisa, denn er steht leider nicht mehr ganz gerade. Dies geschah wegen dem Bau der neuen Schleuse, aufgrund derer hier soviel Boden abgetragen werden musste. So neigt sich das Wahrzeichen unserer Stadt jährlich etwa um 2 mm. Der Loschenturm ist der älteste Leuchtturm an der gesamten Deutschen Nordseeküste, der noch in Betrieb ist.‘

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Der Matrose fährt fort. ‚Einige von Ihnen haben es vielleicht mitbekommen. Unser bekanntestes Wahrzeichen die ‚Seute Deern‘ hat nasse Füße bekommen. Mit anderen Worten: sie ist abgesoffen! Aufgrund der Bergungsarbeiten braucht man nun mehr Platz und deshalb hat man die Seefalke, die wir rechts neben uns sehen, nun vom Alten Hafen hierher verlegt. Das ist ein 96 Jahre alter Hochseeschlepper.‘ Auf der Backbordseite tuckern wir gemächlich am Großen Yachthafen von Bremerhaven vorbei. Die vielen unterschiedlich großen Luxusboote, die seicht im Wasser treiben, kann ich kaum genug fotografieren. Ständig erspähe ich ein noch lohnenswerteres Exemplar, das ich unbedingt festhalten muss. Immer wieder drehe ich mich um die eigene Achse um die vielen Motive auch gebührend für die Ewigkeit zu bannen. Yachten sind schon etwas Tolles, aber leider ziemlich teuer. 220 Liegeplätze gibt es in diesem Areal insgesamt. Die raue Stimme des Kapitäns reißt mich aus meinen Gedanken. ‚Wenn Sie sich in diesem Teilbereich des Hafens einmal umsehen, merken Sie, dass hier nicht mehr der Hafenarbeiter das Geld für die Familie verdient, da es keinerlei Umschlag mehr gibt. Vielmehr ist dies der Arbeitsplatz des modernen Maklers von heute, hier sind überall neue Gebäude entstanden, darunter auch Wohnraum. 2 ZKB mit 50m² kosten hier etwa 3.000,00 Euro Miete im Monat. Und das nur im Erdgeschoss! Ein Parkplatz kostet sogar noch unverschämte 18.000 Euro extra!‘ die Entrüstung spricht aus der Stimme unseres Steuermanns. Dann schleicht sich langsam die ruhige, nordische Art wieder ein.

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‚Jetzt fahren wir durch den ersten Knotenpunkt unserer Reise, die Holländerklappe. 25 m ist diese lang, 12m breit und hat ein Gesamtgewicht von 144 Tonnen. Der Kaiserhafen hat eine Wassertiefe von 8,50 m. Zu unserer Backbordseite sehen wir ein kleines Boot, das ist unser Vermessungsschiff, die ‚Seeadler‘. Ihre grüne Farbe passt total zu ihrer Umweltverträglichkeit, sie kann nämlich drei Stunden unter Akkubetrieb fahren. Daneben steht eines der großen Containerschiffe, ein Ölversorgungsschiff für bis zu 1.500 Liter. Es bringt die Ladung zu den ganz großen Gefährten. Die kommen inzwischen ja nicht mehr in den Hafen hinein. Dahinter können Sie die Motorenwerke von Bremerhaven betrachten. Ausgerüstet sind diese hier mit zwei Schwimmdocks. Das erste sieht man sofort, schauen Sie ruhig hin. Da passiert was! Derzeit werden dort die Pallen ausgerichtet. Das sind die Stützbalken, auf denen ein eingedocktes Schiff abgestellt wird. Das zweite Schwimmdock hier kann sogar 20.000 Tonnen schwere Last aus dem Wasser heben. Gerade wird die ‚Diamond Land‘ zu Wasser gelassen. Werfen Sie doch mal einen Blick auf die riesige Schiffsschraube. 12 Tage war das Schiff nun hier. Es wurde währenddessen neu lackiert und gewartet, vorher war das Boot nämlich blau.‘ Ich starre auf den Ozeanriesen und versuche zwischen den vielen Touristen auf unserer Fähre ein Stück der neu gestrichenen Schiffsfassade zu erhaschen. Im großen Wendebecken der Kaiserschleuse dreht unser Boot. Jetzt sehe ich die ‚Diamond Land‘ gut von Vorne. Insgesamt ist das Schiff 210m lang und 28m breit. 4.500 Container haben hier Platz.

Unser Kapitän schaltet sich wieder ein ‚Sie sehen dort jede Menge Fahrzeuge, nicht wahr? Insgesamt passen dort 8.000 KFZ hin. Bremerhaven ist nämlich Weltmeister in Sachen Autoumschlag. Derzeit wird das ehemalige Tor der Kaiserschleuse erneuert und wieder eingehängt, das können sie rechts von uns wahrnehmen. Die alten Teile werden als Ersatz aufgehoben. In der Tat hat jede Schleuse in unserer Hafenstadt eine Alternative. Diese kann innerhalb von 48 Stunden ausgetauscht werden, um wirtschaftlichen Schaden zu vermeiden. Wir werden jetzt kurz in den Kaiserhafen hineinfahren, aber schippern dann lieber weiter zu den großen Schiffen. Auf Steuerbordseite sehen Sie nun auch das Lloydwerftgelände mit rund 400 Mitarbeitern. Derzeit wird eine neue Kaimauer gebaut. Das ganze lohnt sich gewiss. Die Werft hat einen langfristigen Auftrag an Land ziehen können. Alle Kreuzfahrtschiffe, die in Papenburg zu Wasser gelassen werden, müssen als Ruhestätte hierher verlegt und ausgebaut werden.

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Vorgänger war die Firma Rickmers, die in den 80er Jahren leider dem Werftsterben zum Opfer gefallen ist. Kurioserweise wird auf dem ehemaligen riesigen Gelände nach wie vor gearbeitet, allerdings Sachbearbeiter. Hier steht frecherweise das neue Hauptgebäude vom Bremerhavener Arbeitsamt.‘ Unter den Touristen breiten sich Schmunzeln, Gekicher und Gelächter aus. Etwas ungehalten, doch in höflicher Manier, ertönt erneut die Stimme unseres Steuermanns. ‚Ja, sie finden das vielleicht lustig, aber die etwa 500 Werftarbeiter sicherlich nicht.‘ Er macht eine nachdrückliche Pause. ‚Wir fahren jetzt in die Dock-Vorhäfen, deshalb hat sich die Wassertiefe nun auf 12,5m erhöht. Sehen Sie das gelbe Tor mit der Aufschrift Kaiserdock dort? Dieser Bereich ist ein Trockendock aus dem Jahr 1899 und im Grunde nichts anderes als ein separates abtrennbares Hafenbecken. Das Wasser kann herausgepumpt werden, um Arbeiten im Unterwasserbereich von Schiffen durchzuführen. Die Pumpen sind immer noch die Ursprünglichen und mussten nie repariert werden. Alles was hier früher gebaut wurde funktioniert also noch einwandfrei, alles andere eher nicht. Nun, das kennen wir ja vom Berliner Flughafen. Immerhin ist der Berliner Flughafen jetzt zum 13. Mal in Folge der sauberste Flughafen der Welt geworden.‘ Es scheint als würde er über seinen eigenen Witz schmunzeln. Ich höre ja nur die Stimme aus den Lautsprechern.

Er fährt fort. ‚Auf unserer Backbordseite sehen Sie jetzt die ‚Morning Calypso‘, da passen mal eben 6.000 Fahrzeuge drauf. Daneben können Sie den angestammten Liegeplatz unseres Forschungseisbrechers Polarstern betrachten. In den letzten Tagen konnte man ihn wieder einige Male im Fernsehen beobachten. Von hier aus ging das Schiff auch auf Expeditionsreise. Es kann sogar durch Packeis fahren, diese Legierung nimmt man ebenfalls hier vor. Wir passieren jetzt das größte Schiffsdock in Bremerhaven, welches tatsächlich 40.000 Tonnen aus dem Wasser heben kann. Es ist völlig abgeschirmt, man sieht absolut nichts und schützt sich total vor neugierigen Blicken. Ganz in der Nähe wird die Yacht von Roman Abramowitsch gebaut, die wird aber mal nix können außer gut aussehen. Naja, vielleicht wird eine komplette Raketenabwehranlage drauf sein. Sein bester Kumpel ist ja Vladimir Putin.‘ Er hält kurz inne und lässt seine Bemerkung wirken. ‚Schauen Sie mal da drüben, also sowas sieht man wirklich nur ganz, ganz selten. Ein gelangweilter Bremerhavener Angler. Gibt es denn sowas noch?‘ Dann wird sein Tonfall wieder nüchtern. ‚Wir fahren jetzt auf Europas größte Eisenbahndrehbrücke zu. Seit 1930 dreht sich diese etwa 170 Mal im Monat. Sie ist überaus niedrig. Wir müssen immer schauen, dass wir hier durchpassen und nähern uns jetzt vorsichtig damit das jetzt klargeht und stimmt.‘

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Nach einer Weile hört man den Kapitän wieder. ‚Das sieht doch mal gut aus. Aber schauen Sie mal, da wohnt auch jemand. Blickt einmal nach oben! Seht ihr ihn? Das ist der Anton aus Bremerhaven, ein Brückengeist. Seit er das erste Mal gesichtet wurde, ist hier nie mehr was passiert! Also seit etwa 3 Wochen schon.‘ Wir befahren den hinteren Hafenbereich und tuckern an einem 400 m langen Containerschiff mit gelben Containern vorbei.‘ Unser Steuermann ist ganz begeistert. ‚Wahnsinn, oder? Welche Maße! Wir begeben uns jetzt in den Osthafen. Hier wird in Bremerhaven als Weltmeister im Autoumschlag einiges geleistet. Wir sind in der Lage pro Tag und pro Schiff 6.000 Fahrzeuge zu befördern. 90 Hafenmitarbeiter sind dann etwa im Einsatz. Im internen Hafenbereich stehen etwa 122.000 Autos. Allein 65.000 Fahrzeuge stehen in neun parkhausähnlichen Gebäuden. Ich verrate Ihnen was: Überall steckt der Fahrzeugschlüssel und genug Benzin ist auch im Tank.‘ Fast höre ich sein verschmitztes Lächeln durch das Mikrofon. ‚Stellen Sie sich doch mal vor, Sie wären der Hausmeister und jemand kommt und will 5.000 verschiedene Mercedesschlüssel von Ihnen. Das ist doch nicht machbar!‘ Seine Stimme wirkt hektisch und laut. ‚Können Sie das auch sehen? Rechts wird gerade eine Eisenbahn die Rampe hinauf geschoben? Ja wunderbar! Hier wird einfach alles verladen, was schwer ist!‘

Gebannt fixiere ich die riesigen Eisenwagons, die schwerfällig den Aufzug meistern. Das ist ein grandioses Schauspiel. Dieses habe ich noch nie gesehen. Der Kapitän informiert uns weiter. ‚Gestern brachte uns ein amerikanisches Schiff mehrfaches Militärgerät und sogar einen US-Schulbus. Der steht jetzt hier herum. Sehen Sie, die Eisenbahnbrücke öffnet sich gerade um einen Autoschlepper durchzulassen. Bremerhaven hat aber nicht nur sehr viel Autoumschlag zu bieten, sondern auch ein interessantes Containerterminal. Insgesamt gibt es 4 Terminals mit der längsten Stromladekaje der Welt von 4,9 Km. Die Containerschiffe werden direkt auf der Weser geladen. Nur noch hier kommen die Weltgrößten an Land. Da drüben können Sie ein solches Schiff noch einmal sehen, 400m lang, die Super-XXL Klasse. 23.750 Container können transportiert werden. Damit haben wir Hamburg überholt. Da sind wir auch echt stolz drauf. Die Nordschleuse hier ist mit 374m Länge ebenfalls eine der weltgrößten Schleusen. Per Hand wurde diese ausgeschachtet, komplett mit Spitzhacke und Eimer. Das Ersatztor der Schleuse können Sie von hier aus sehr schön sehen, Baujahr 1930. Es wiegt rund 250.000 Tonnen.‘ Unser Boot schwenkt nun nach rechts, wir sind wieder auf der Rückfahrt zum Ausgangspunkt. Die Eisenbahndrehbrücke ist schon geöffnet und wir schippern hindurch.

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‚Wenn Sie jetzt einmal nach Steuerbord herüber schauen sehen Sie den Containeraussichturm. Er ist nur 15m von der Nordschleuse durch die wir vorhin gefahren sind entfernt. Ein paar Leute stehen darauf und können die Schiffe beim Ein- und Ausfahren beobachten. Dahinter schwimmt die ‚Ram Expector‘, ein Boot aus dem Offshore-Bereich. Es hilft beim Windanlagenbau und versorgt auch Ölinseln, ein sehr besonderes Gefährt also.‘ Gemütlich fährt unsere Touristenfähre zurück und erneut taucht der Autoschleuser ‚Morning Calypso‘ neben uns auf. ‚Dieses Schiff kommt aus China und hat in 28 Tagen einen Seeweg von rund 22.000 Km hinter sich gebracht.‘ Unser Kapitän klingt stark entzückt. ‚Der Heizölverbrauch beträgt pro Tag 60.000 Liter und der Autoschlepper hat antürlich einen eigenen Tank. Bunkerschiffe nehmen das Öl vom Zentrallage auf und bringen es zum Frachter. Ein Vorgang hier im Hafen dauert bis zu 18 Stunden, das kostet die Reederei dann 1.600.000 Mio. US-Dollar. Schauen Sie mal, da im  Hintergrund taucht ein Kreuzfahrtschiff auf, die Apania. Sie ist zwar nicht besonders groß, gehört aber zur Phönix Reederei und ist bekannt aus der Serie ‚Das Traumschiff‘. Es liegt derzeit hier am Columbus Kreuzfahrtterminal. Bremerhaven ist derzeit auf dem 3. Platz was Kreuzfahrten betrifft. Im Terminal dort drüben kann man Kreuzfahrtschiffe aus nächster Nähe beobachten. Das ist alles umsonst. Genauso wie die Aussicht vom Containerturm kostenlos ist.‘ scherzt der Kapitan. Er lacht amüsiert. ‚Und Sie zahlen für diese Rundfahrt mit uns 11 Euro. Aber dafür erzählen wir Ihnen ja schließlich auch irgendwas.‘

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