Leben auf Langeoog

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‚Wir sind bis September 2021 ausgebucht.‘ erstaunt sehe ich unsere Pensionswirtin während dem Frühstück an. Als sie meinen Blick bemerkt fährt sie fort. ‚Auf Langeoog ist schon immer viel Tourismus. Früher sind die Einheimischen im Sommer aus ihren Wohnungen ausgezogen und haben diese an die Gäste vermietet. Bei meinen Großeltern war das auch noch so. Über die Sommermonate zog die Familie in den Keller oder die Gartenlaube und vermietete an Urlauber. Da gab es aber auch nur an etwa 84 Tagen über Juni, Juli und August Reservierungen. Ich vermiete heute bereits 320 Tage pro Jahr. Wir wohnen daher das ganze Jahr im Kellergeschoss.‘ Schüchtern meldet sich eine andere Touristin. ‚Und wann machen sie Urlaub?‘ Die Besitzerin unserer Unterkunft schüttelt den Kopf. ‚Seit 8 Jahren schon nicht mehr.‘ Hartnäckig versucht die Frau es weiter. ‚Ist doch schön. Gran Canaria oder so.‘ Abwehrend hebt unsere Gastgeberin die Hände. ‚Was soll ich denn auf einer Insel? Da treffe ich ja noch andere Insulaner!‘ Ich schmunzle. Wenn man das ganze Jahr Inselbewohner sieht, kann man im Urlaub drauf verzichten, das ist klar. Und bei insgesamt 1.900 Einheimischen läuft man sich in Langeoog automatisch im Alltag über den Weg.

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Unsere Vermieterin blickt aus dem Fenster des kleinen Frühstücksraums in den tristen, grauen Himmel. Dunkle Regenwolken ziehen über den Horizont. ‚Jetzt sind wir ja schon in der stürmischen Jahreszeit. Im Sommer werden auf der Insel immer Reisigbündel vergraben und Sand aufgeschüttet um für die Winterstürme genug Schutz zu haben.‘ Sie seufzt. ‚Diese Arbeit beginnt jedes Jahr neu. Langeoog ist die Einzige der Ostfriesischen Inseln, die nirgendwo drumherum befestigt ist. Deshalb soll man hier die Dünen auch nicht betreten. Diese sind unser einziger Schutz gegen die Wintersturmfluten, die schon mal ein paar Meter Strand wegschwemmen. Dies ist für uns Einwohner gefährlich wegen unserer Trinkwasserversorgung. Unsere Süßwasserlinse liegt direkt unter Langeoog und besteht aus gesammeltem Regenwasser. Diese Art der Wassergewinnung kann führt dazu, dass die Flüssigkeit leicht gelblich ist. Allerdings nicht durch Verschmutzung. Wir haben eine sehr gute Trinkwasserqualität. Deshalb schmeckt der Ostfriesentee auch so gut. Wenn in die Linse Salzwasser hineinlaufen würde, würde dieses direkt nach unten sickern. Es ist nämlich schwerer als Süßwasser. Unsere ganze Wasserversorgung wäre damit dahin.‘ Interessiert höre ich dem Vortrag zu. Das Leben auf einer Insel ist mit einigen Herausforderungen verbunden. Die Lebensbedingungen werden stark durch die Naturgewalten geprägt. Obgleich heute sicher weniger als noch vor 100 Jahren.

Der Vater unserer Gastgeberin meldet sich zu Wort. ‚Der erste Badegast kam hier ja erst 1830 nach Langeoog. Als hier noch kaum Tourismus war gab es wilde Gerüchte über die Insulaner. Das weiß ich von meinem Großvater. Als die Brigg Alliance 1863 vor Borkum gestrandet ist, konnten die Insulaner zusehen wie alle Passagiere ertranken. In einer Göttinger Tageszeitung erschien daraufhin ein Artikel, dass die Bewohner der Ostfriesischen Inseln heimtückische Strandpiraten sind. Sie würden in den Dünen abwarten bis alle Schiffbrüchigen tod sind. Dann könnten sie sich auf das stürzen, was die Wellen an den Strand spülen. Man ging sogar soweit zu behaupten, die Insulaner würden tote Fische am Strand sammeln um diese zu essen, weil die Inselbewohner allesamt so arm sind.‘ Ich grinse. Das muss man sich mal vorstellen! Fischer, die auf einer Insel wohnen, sammeln verendeten Fisch am Strand bevor sie frischen im Meer fangen. Diese bösartigen Gerüchte gibt es zum Glück heute nicht mehr. ‚Es war schon auch so,‘ fährt unser Pensionswirt fort ‚dass in vielen Kirchen hier auf der Insel der Spruch ‚Herr, segne unseren Strand.‘ zu finden ist. Das bedeutet aber eher: Lass ruhig beim nächsten Sturm mal wieder ein Bierfässchen oder ein Fass Wein ankommen. Natürlich wurde auf Langeoog alles mögliche angetrieben. Dies gehörte immer mit Mann und Maus alles demjenigen, der es gefunden hat. Es soll da auch vorgekommen sein, dass man totgeschlagen wurde, damit der Finder alles mitnehmen konnte. Oder die angeschwemmten Passagiere wurden versklavt, das waren ja schließlich keine Ostfriesen. Das nannte sich das Strandrecht.‘

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Er schmunzelt über meinen entsetzten Blick und fährt dann fort. ‚Mit dem aufkommenden Seehandel wurde das Interesse gestrandete Schiffe nicht einfach auszuplündern immer größer. Die darin enthaltenen Waren sollten wenn möglich sogar zum Eigentümer zurückgehen. Der Landesherr hielt natürlich erstmal die Hand auf. Er beanspruchte die Hälfte der Güter von Schiffen, die an seinem Strand verunglückten. Mit der Zeit wurden Gesetze etabliert, die das Vorgehen hierbei regelten. Es musste dabei immer jemand vor Ort sein, der die Geschäfte des Landesherrn wahrte. Diese Personen nannte man Strandvögte. Sie hatten eine immens schwierige Position. Denn Sie lebten ja auf Langeoog zusammen mit der Inselbevölkerung und waren dennoch dem Landesherrn verpflichtet. Das war ganz klar eine Zwickmühle. Wurde etwas angeschwemmt wie z.B. Holz war das ganze Dorf mit allem was Räder hatte unterwegs um das Strandgut zu bergen. Es war schließlich sehr wertvoll. Man konnte das Material als Brennholz und zum Hausbau verwenden. Der Strandvogt schrieb auf was jeder Insulaner weggeschleppt hatte. Danach mass er mit dem Meterstab aus was beim Einzelnen sicherzustellen war und lies dies versteigern. Hier drückte er natürlich manches Auge zu. Bei großen Ladungen sprachen sich die Auktionen auch auf dem Festland herum und die Menschen reisten von dort an um mitzubieten. Das Holz war zu diesem Zeitpunkt aber bereits unter den Inselbewohnern aufgeteilt und der Preis schon festgelegt. Gab einer vom Festland nun ein Gebot ab, kümmerten sich die Einheimischen auf Langeoog darum diesem klarzumachen, dass er nichts zu sagen hatte. Nach der Versteigerung gab der Strandvogt an den Landesherren den Preis, der durch die Auktion erzielt wurde, weiter. Natürlich hatte er dann leider nicht viel eingenommen. Strandvögte gab es bis 1940. Dann wurden diese durch die Containerschiffe überflüssig, weil es kaum mehr Strandgut gab.‘

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‚Was wurde denn alles so an den Strand gespült?‘ frage ich neugierig. Der alte Mann sieht mich nachdenklich an. ‚Naja, so ziemlich alles. Mal Wein- oder Bierfässer. Aber auch z.B. Rasierklingen. Die wurden dann in Schweineschmalz eingelegt um sie möglichst lange haltbar zu machen. Während des 1. Weltkriegs gab es auf Langeoog kein Leuchtmittel und auch noch keinen Strom. Damals wurden Kisten voller Stearin angeschwemmt. Die Insulaner konnten daraus Kerzen ziehen und sogar in diesem Jahr einen beleuchteten Weihnachtsbaum aufstellen. Die letzte der Kisten wurde 1948 auf einem Dachboden gefunden. Man hat dann wieder Kerzen daraus gefertigt und diese nach Berlin geschickt. Den Menschen dort ging es zu dieser Zeit garnicht gut. Anstatt die Lichter anzuzünden haben diese ihre Pfannen damit ausgerieben, da sie kein Fett hatten.‘ Nachdenklich reibt der Mann sich übers Kinn. ‚Und vor drei Jahren wurden auf Langeoog sogar mal Nike-Turnschuhe angespült. Das war eine blöde Angelegenheit. Bei uns hier wurden nämlich nur die linken Schuhe angetrieben. Wir haben dann bei Ebay eine Kleinanzeige geschaltet ‚Suche für meinen linken Sportschuh einen Rechten, wer kann mit mir tauschen?‘. Die Anzeige hat tatächlich ein Journalist aus Süddeutschland gelesen, der einen Artikel über das Strandgut geschrieben hat. Wir machten im Inselmuseum dann eine Ausstellung über Strandgut und stellten auch die linken Turnschuhe aus. Kurz darauf meldete sich der Zoll bei uns. Der Zeitungsbeitrag war von einem süddeutschen Zollbeamten gelesen worden. Dieser hatte die Oberdirektion in Stuttgart informiert und schließlich waren die Angaben auch in Langeoog gelandet. Der Beamte schauten sich dann das Elend der unzähligen linken Sportschuhe an.‘ Er schaut mich lächelnd an. ‚Wissen Sie was der dann gesagt hat? Er meinte nur: Oh Gott, oh Gott. Hoffentlich gibt das keinen Vorgang.‘

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2 Gedanken zu “Leben auf Langeoog

  1. Also ich liebe ja deine Art zu schreiben 🙂 Durch deine vielen Gespräche mit den Menschen vor Ort bekommt man Einblicke, die man so nicht erhalten hätte. Wer hätte gedacht, dass die Inselbewohner der Nordsee in der Vergangenheit so draufgängerisch unterwegs waren? Es ist immer spannend, ein Stück Geschichte aus dem Munde eines Einheimischen zu hören… Liebe Grüße, Kasia

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