Dünen auf der Spur…

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Ich stehe mitten im Sandstrand auf der Insel Norderney. Meine Schuhe versinken bei jedem Schritt im weichen Untergrund. Was wäre die Nordsee ohne Dünen? Sie gehören hier zum Urlaub wie Wellen, Sonne und die sandige Küste. Innerhalb weniger Stunden bläst der Wind den Sand hier zu einer kleinen Erhebung zusammen, aus der eine Sanddüne entstehen könnte. Wasser und Winterstürme fegen die Auftürmungen beständig wieder fort. Ein Lebensraum für Tiere und Pflanzen im Wattenmeer, der einem besonderen Wechsel unterliegt. Die Pflanzen hier widerstehen dem starken Wind durch ihre meterlangen Wurzeln und halten so den Sand unter sich fest. Wenn Böen diese zuschütten wachsen sie einfach an der Oberfläche wieder heraus. Erst durch die langen Sprosse kann sich aus losem Sand eine Düne bilden. Im Laufe der Zeit wächst diese durch neue Sandanlagerungen zu mehreren Metern Höhe. Wer einmal versucht hat seine Sandburg gegen herannahendes Hochwasser zu verteidigen, weiß wie schwer dies ist und welche notwendige Aufgabe zum Inselschutz die Erhebungen erfüllen. Dazu müssen diese dicht bewachsen und verwurzelt sein. Wobei bereits nach einer Sturmflut die mühevollen Aufbauarbeiten durch die Pflanzen schon wieder zerstört sein können. Kleinere Minidünen findet man häufig schon hinter einzelnen Muschelschalen oder angeschwemmtem Treibgut. Die kennt wahrscheinlich jeder vom Sommerrlaub.

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Ich lasse meinen Blick über den Strand schweifen. Dieser ist menschenleer. Zornig peitschen die Wellen an die felsige Uferpromenade von Norderney. Die Dünen sind ein natürlicher Küstenschutz. Sie beherbergen seltene, gefährdete Pflanzen und Tiere. Hier brüten bevorzugt Vögel. Und sie sichern auch den Menschen! Solange es die Sandaufwehungen gibt, brauchen die Insulaner keine Deiche bauen. Dünen sind höher und breiter, allerdings auch viel empfindlicher. Durch Böen und Wellen wandern diese kontinuierlich nach Osten. Sie brauchen besonderen Schutz. Sand, der nicht vom Meerwasser durchfeuchtet wird, verliert seinen Zusammenhalt. So wird er vom stetigen Wind mitgenommen und irgendwo abgelagert. Kaum bietet sich ein kleiner Widerstand, lässt dieser seine Fracht fallen. Mit der Zeit wächst so ein Sandhäufchen heran. Hier macht sich erstmal eine Pflanze namens Strandquecke breit. Ihre kleinen, angewehten Wurzelstücke siedeln sich im Sand an und halten diesen mit ihrem Stock fest. Der Salzgehalt im Boden stört sie nicht. Hinter, vor und neben ihr wachsen zierliche Sandfahnen zu bis zu 1 Meter hoch. Dieses Gebilde nennt man Primärdünen. Die Blätter der Dünenpflanzen sind mit einer harten Schicht umgeben, die sie gegen Austrocknung durch den Wind und die Hitze, die auf dem Sand schon mal 50 Grad Celsius erreichen kann, schützt.

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Wird die Minidüne nicht mehr vom Meer überspült, wäscht der Regen ihren Salzgehalt langsam aus. Weitere Pflanzen siedeln sich an und festigen den jungen Sandwall. Der stete Wind bläst unaufhörlich weiter Sandkörner über die Düne und weht die Gewächse auf dieser immer wieder zu. Das macht dem robusten Gras nichts. Im Gegenteil, immer wieder schiebt es seine Blätter nach oben, bleibt aber unten fest verankert. So bildet die Pflanze ein stabiles Gerüst, an dem sich der Sand bis zu 20 Meter auftürmen kann. Meerseitig wird immer neues Material herangetragen, landwärts kommt die Sandanhäufung langsam zur Ruhe. Viele Nährstoffe gibt es im Boden hier nicht. Trotz der mageren Bedingungen schmückt eine bunte Blütenpracht die Dünenlandschaft Norderneys mit ihren leuchtenden Farben. Zumindest im Frühjahr und Sommer. Aber selbst jetzt im einsetzenden Winter biegen sich die Stengel des zartgrünen Sandhafers im Wind. Meine Finger gleiten über die orangeroten Sanddornbeern, die an den dicken Ästen der Sträucher hängen. Auf den Ostfriesischen Inseln gibt es im Laden alle erdenklichen Produkte daraus zu kaufen. Bonbons, Tee, Likör und Schnaps oder Wein. Ein kleines Fläschchen Sanddornsekt wartet auf mich nach meiner Dünentour im Hotel. Ich bin schon überaus gespannt auf den Geschmack.

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Meine Schritte dämpft der zarte, weißgraue Sand. Ich halte mich als Tourist an die ausgeschilderten Wege um brütende oder rastende Tiere nicht zu stören. Auf einer Sandbank liegt träge eine Robbenkolonie. Ich erkenne die länglichen Shilouetten unscharf auf dem grauweißen Strand. Die Tiere halten Köpfe und Schwänze gekrümmt in den strahlenden Wintersonnenschein. Genüsslich baden diese hier das ganze Jahr in den gleisenden Strahlen. Sie brauchen das Vitamin D für den Fellwechsel. Nähert man sich zu sorglos schreckt dies die Seehunde auf. Wertvolle Energie geht diesen bei einer Flucht verloren, die dann nicht mehr für das Schwimmen oder die Jagd zur Verfügung steht. Im Juni und Juli gebären sie auf den geschützen Sandinseln ihre Jungen. Diese kommen mit einem schneeweißen Embryonalfell auf die Welt, das zwar warm hält aber mit dem sie nicht schwimmtüchtig sind. Sie müssen deshalb in den ersten Wochen an Land bleiben und warten bis ihre Mama vom Fischfang zurück ist und ihnen Milch geben kann. Ruhe und Rücksicht sind dann überlebenswichtig, damit die kleinen Robben ungestört und geschützt aufwachsen können. Erst nach einem Fellwechsel können sie ins Wasser. Mindestens 100m Abstand sind aus Toleranz gegenüber dem Lebensraum der Tiere Pflicht. Viele Besucher halten sich aus Neugier oder Desinteresse nicht an diese Regeln. Für dieses rücksichtslose Verhalten habe ich kein Verständnis. Warum können Tiere nicht einfach synchron neben den Menschen bestehen ohne gestört zu werden? Warum kann man diese biologische, bunte Vielfalt der Lebensformen nicht erhalten? Diese Achtlosigkeit macht traurig und wütend zugleich, da die Regeln doch recht einfach sind.

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Natürlich lässt sich die Natur, besonders die hier brütenden Vogeleltern, etwas gegen Störenfriede einfallen. Manche Vogelpaare simulieren sogar. Sie tun so, als ob sie sehr krank oder verletzt wären. So humpeln sie dramatisch vor dem bedrohlichen Eindringling her und spielen die leichte Beute. Sie locken den vermeintlichen Fressfeind damit vom Nest weg. Eigentlich eine schauspielerische Meisterleistung! Seeschwalben sind am direktesten. Sie fliegen sogar Angriffe gegen den Eindringling und schreien diesen ziemlich laut an zur Einschüchterung. Dies ist der Grund für Vogelforscher beim Kontrollieren von Schwalbenkolonien einen Helm zu tragen. Kehrseite dieses auffälligen Verhaltens ist, dass die Küken oder das Nest erst mal unbeaufsichtigt bleiben. So werden diese schnell Opfer von Überhitzung, Unterkühlung oder nachzüglichen Angreifern. Im gesamten Wattenmeer nutzen etwa eine Million Vögel von Anfang April bis Ende Juli Strände, Salzwiesen und Dünen zur Brut und Aufzucht ihrer Jungen. Ihre Nester liegen meist ungeschützt am Boden. Wenn man unbeabsichtigt als Tourist in ein Brutgebiet gerät, sollte man es daher schnell verlassen.

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Die Beziehung von Tourismus und Naturschutz ist sicher zweispältig. Besonders hier an der schönen Küste. Massentourismus kann ganze Dünenstreifen verunstalten. Andererseits ist diese überaus idyllische Region und deren Einwohner auf die Einnahmen durch Besucher angewiesen. Ich blicke über den weiten Strand. Das Meer hat sich zurück gezogen. Vor mir liegt eine endlose Weite graubrauenen Sandbodens. Die Wellen kann ich soweit mein Auge reicht nicht mehr entdecken. Kleine Löcher, aus den immer wieder Sandspaghettis gedrückt werden, zeigen mir an, wo ein Wattwurm wohnt. In einigen Stunden wird die Nordsee wieder auftauchen und den gesamten Meeresboden überfluten. So herrschen an hier die Gezeiten im Wechsel. In den Ozeanen werden die Wassermassen von zwei wichtigen Kräften beeinflußt. Die Anziehungskraft des Mondes und die Fliehkraft, die durch die Drehung von Mond und Erde umeinander entsteht. Beide Kräfte sind genau gleich groß und wirken entgegengesetzt. Durch seine Anziehungskraft zieht der Mond das Wasser der Erde ein Stück zu sich. An der mondzugewandten Seite hebt sich der Spiegel der Ozeane. Ein Flutberg entsteht. Durch die Fliehkraft der Erde entsteht ein zweiter an der mondabgewandten Seite. So immer im Wechsel.

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Dadurch erleben die Küstenorte an der Nordsee zwei Mal täglich Ebbe und Flut. Der Puls des Weltalls schlägt also hier im Wattenmeer. Sandteilchen werden dadurch permanent mitgerissen und an verschiedenen Orten wieder angelagert. Neues Watt wird gebildet und formiert sich jeden Moment anders. Eine immer neue Landschaft entsteht dadurch kontinuierlich unangetastet. Wiederkehrende Muster malen die Gezeiten an den Küsten in den feuchten Sand. Ein Kunstwerk der Natur, dass sich regelmäßig selbst erschafft. Nie vollendet, aber unendlich schön. 192 Mio. m³ Wasser fließen zwischen Norderney und der Nachbarinsel Juist je Gezeitengang durch das Watt. Die gewaltigen Wellen tragen Sand von der Westseite der Insel ab und lagern diesen östlich wieder an. Dies geschieht so bis heute und verändert die Insel ständig. Eine enorme Menge Wasser! Ich kann mir genau vorstellen welchen Schreck Urlauber erfahren, wenn die Flut diese überrascht. So ausgetrocknet und leer der gewaltige Wattboden derzeit vor mir liegt, so schnell und rasch wird sich dieser in ein paar Stunden wieder füllen. Mir tut die Stille der Natur gut. Mein Respekt für dieses ausgeklügelte Ökosystem wächst während meines Aufenthalts jeden Tag. Ich höre den Wind über den Sand brausen. Gelegentlich zwitschert ein Vogel oder ich lausche einem Flügelschlag. Unter meinen Schuhen knirschen Muschelstücke. Die herannahende Flut überzieht den graugelben Sand des Nordseestrandes. Weiße Gischt zieht ein filigranes Netz über die farbigen Kiesel des Untergrunds und verwischt meine Fußpsuren. Bunte Muscheln werden von den Wellen angespült. Die graue Schaumkrone erreicht die Spitzen meiner Schuhe. Über die aufkommende See peitscht eine eisige Böe. Der wütende Sturm fegt über die Wassermassen und legt die Umgebung in ein bewegtes Bild. Ich ziehe die Jacke enger gegen die Kälte. Dann bücke ich mich nach einer farbigem Schneckenhaus. Ich lege es wieder zurück. Es gehört einfach hierher. Nicht alles darf und muss man mit nach Hause nehmen. Manches besitzt man besser im Herzen und in der Erinnerung.

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2 Gedanken zu “Dünen auf der Spur…

  1. Hat dies auf Werners Traumlounge rebloggt und kommentierte:
    Mit vielen Erklärungen und Wissenswertem bestückt gelingt es Wandervögelchen immer wieder, Reiseberichte interessant und lesenswert zu gestalten. Selbst mir, als langjährigen Inselbewohner von Borkum, kommen immer wieder Sachen unter, die ich entweder noch gar nicht kannte, oder einfach nicht beachtete. Lesenswert ist es immer, was Wandervögelchen zu berichten weiß! Überzeugt Euch selber.

    Liebe Grüße,
    Werner

    Liken

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