Besuch auf Norderney

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Der kräftige Wind reißt an der Fähre. Unruhig und heftig schaukelt diese hin und her. Wahrscheinlich wird sie gleich zerspringen und wir kentern, denke ich. So fühlt es sich zumindest an. Dann war dieser Tagesausflug nach Norderney auf der aufgewühlten, lebendigen Nordsee meine letzte Fahrt. Immer wieder spritzen weiße Schaumkronen über die Reling im unteren Teil des Schiffes auf die Deckplanken. Die raue Naturgewalt des Meeres trifft mit wuchtigem Schlag permanent auf das blanke Metall des Bootsrumpfes. Ich sitze im überdachten Teil der Touristenkabine und beobachte die sich windenden Wassermassen der offenen See. Unser Kapitän fand das Wetter in dieser Zeit des Jahres für die Ostfriesischen Inseln durchaus noch moderat. Die Stärke des Windes wäre nichts ungewöhnliches in dieser Gegend. Der Himmel liegt in eintönigem Grau und verschwimmt undeutlich mit der quirligen Wasseroberfläche. Der Horizont ist von den wogenden Wellen kaum zu unterscheiden. Ich rutsche auf meinem Sitz im Pendel der stürmischen Gezeiten unfreiwillig hin und her. Langsam wird mir durch das ständige Auf und Ab flau im Magen. Frühstück hatte ich bereits. Nun wird sich zeigen, ob diese Entscheidung gut war oder schlecht.

Ein Schiff namens Windspiel fährt vorbei und macht seinem Namen heute alle Ehre. Der kleine Bug hebt und senkt sich in schnellem Hoch und Nieder. Es sieht so aus als würde das zierliche Boot jeden Moment untertauchen um sich halb ertrunken im nächsten Moment doch noch zu fangen. Auch ein Muschelfänger bietet der tobenden Nordsee trotzig die Stirn. Eigentlich wollte ich heute zum Wrack am Ostende von Norderney laufen, wo ein Heringslogger vor etlichen Jahren strandete. Bei schönem Wetter ist dies ein beliebtes Fotomotiv. Bei diesem starken Wind ist dies keine gute Idee. Zumal der Weg dorthin wahrscheinlich völlig überschwemmt ist. Planlos stehe ich am langen Sandstrand. Der Wind pfeift durch jede noch so kleine Kleiderritze in meine Jacke und hüllt meinen ganzen Körper in eisigen Schauer. Eine junge Strandmöwe stürzt neben mir aus einem Busch. Hektisch schlägt sie mit den Flügeln. Mit dem Fliegen klappt es noch nicht so richtig. Sie schwankt nach links und rechts, gewinnt aber nicht an Höhe. Kopfüber landet sie im Sand. Die trainiert noch, denke ich mitfühlend und warte kurz, ob der Vogel sich verletzt hat. Die Möwe rappelt sich auf, schüttelt kurz das Gefieder und stakst weiter durch den Strand. Ich verliere diese aus den Augen. Hoffentlich wird sie bald flügge und es klappt mit dem Fliegen. Womöglich ist dies einfach das falsche Wetter um zu üben. Heute bläst Windstärke 6. Da ist das nicht so einfach.

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Der Sturm peitscht mir die Regentropfen ins Gesicht und reißt an der Kapuze meiner Regenjacke. Sie bläht sich auf wie die Frisierhaube beim Friseur und steht steif von meinem Kopf ab. Kitesurfer ziehen auf der wilden See in den heftigen Windstößen elegant ihre Runden auf den Wellen. Überall riecht es nach Schwimmbad und Thalasso-Anwendung. Dem Meeresschlick werden besondere gesundheitliche Eigenschaften zugeschrieben. Die Kapuze meiner Regenjacke schlackert derart im Wind, dass sie laute, kontinuierliche Schnalzgeräusche erzeugt. Der Rückenwind bläst meinen Mantel so stark auf, dass ich mir mit den geweiteten Ärmeln voller Luft vorkomme wie das Michelinmännchen. Bleibe ich stehen treibt die zugige, kühle Frische in meinem Rücken mich wieder an. Ich gebe auf und beuge mich den Gezeiten. Den Tag auf Norderney werde ich zur Hälfte sicher im Kaffee verbringen. Ich biete den Böen einfach viel zu wenig Angriffsfläche. Aber dieses Naturschauspiel und die Stärke und Kraft des Windes einmal miterlebt zu haben, ist ein besonderes Erlebnis. Dafür hat sich mein Ausflug allemal gelohnt.

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2 Gedanken zu “Besuch auf Norderney

  1. Gerade beneide ich Dich wieder einmal.
    Wie habe ich es immer geliebt, dieses Wetter!
    Dann kurz vor dem Abheben, in Borkum im „Sturmeck“ einen steifen Grog trinken, mit Blick auf die brodelnde Nordsee! 🙂 …
    …denn kolle Fäut und Nordenwind, gewen een krusen Büddel und een lütten Pint. 😀

    Liebe Grüße,
    Werner

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