Wozu gibt es Feuerschiffe?

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Beim Verleih gegenüber meiner winzigen Pension in Borkum miete ich ein Fahrrad. Das bringt mich ziemlich schnell in den Borkumer Hafen. Ich habe nämlich Rückenwind. Radler, die mir entgegen kommen, treten durch den starken Wind fast auf der Stelle. Die Heimfahrt wird wohl etwas anstrengender ausfallen, wenn die Windrichtung gleich bleibt. Mitten im Hafen liegt ein altes Feuerschiff, das man besichtigen kann. Eingesetzt werden diese auf Borkum seit 1875 als schwimmende Leuchttürme. Die hier liegende Borkumriff ist original erhalten und heute immer noch fahrbereit. Ich schlendere über die metallene Gangway hinauf aufs Deck. Feuerschiffe fungierten als Seezeichen immer dort, wo man keine Leuchttürme errichten konnte. Auf ihrer Seeposition wiesen sie den passierenden Frachtern einen sicheren Weg. Bei Tag waren die Boote schon von Weitem an ihrem knallroten Anstrich zu erkennen. Nachts fielen diese durch ihr helles, gleisendes, grelles Leuchtfeuer auf. In den ersten Leuchtsschiffen brannte in einer petroleumgeränkten Lampe ein Docht, ein richtiges Feuer also und daher auch der Name. Zwei Besatzungen zu je 13 Mann wechselten sich an Bord in ihrem jeweils Wochen dauernden Dienst immer ab. Zur Ablösung und Versorgung mit Proviant kam regelmäßig ein Versorgungsschiff aus Emden. Das Feuerschiff selbst verlies nur etwa alle 3 Jahre zu Überholung und Werftarbeiten seine Position.

Auf dem Vordeck des Dampfers befindet sich eine Glocke. Um bei Nebel nicht gerammt zu werden warnte diese passierende Schiffe durch einminütiges Läuten alle 3 Minuten. Eine Unterwasserglocke gab es auch, deren Signal von anderen Schiffen mit Mikrofonen angepeilt werden konnte. Der hintere Mast trägt ein Nebelhorn aus dem bei schlechter Sicht im Rhytmus von 2 Minuten die Morsebuchstaben ‚BF‘ ertönen. Dieser Code steht als Verschlüsselung für den Standort des Schiffs, damit jeder Seemann weiß wo er gerade rumfährt. Vor Borkum liegen sich verändernde Inseln aus wandernden Sandbänken. In einer Zeit ohne Echolot, Radar oder Satellitennavigation strandten hier überaus viele Boote bei Sturm oder Nebel. Von den Tragödien zeugen die Wracks am Meeresgrund und die Erzählungen der Seeleute. Allein von 1854-1861 verunglückten 84 Schiffe vor den ostfriesischen Inseln. 1860 war darunter das Frachtschiff ALLIANCE. Alle 9 Besatzungsmitglieder wurden in den Tod gerissen. Leider mussten die Bewohner Borkums und deren Badegäste die Ereignisse vom Strand aus mit ansehen und die Hilferufe der Ertrinkenden hören. Man konnte nicht eingreifen und sah hilflos zu, wie die Menschen starben. Drei weitere Katastrophen mussten ebenso tatenlos betrachtet werden. Also verlangte die Inselbevölkerung  immer lauter nach einem Feuerschiff. Dieses wurde im Laufe der Zeit realisiert und immer wieder modernisiert. Auf dem aktuellsten stehe ich gerade, die BORKUMRIFF.

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Das Schiff diente als Ansteuerung für die Ems und die großen Schifffahrtswege in der Deutschen Bucht. Mit Hilfe der eigenen Bordradaranlage oder der Peilung des Seefunkfeuers nahmen die Schiffe zunächst Kurs auf das Feuerschiff und wichen kurz vor dem Erreichen aus. Das Funkfeuer der Borkumriff sendete dafür in 14 Sekunden dreimal die Abkürzung BF. Bei der nächtlichen Orientierung half das Leuchtfeuer. Die Position wurde mittels der eigenen Funkpeilanlage regelmäßig überprüft. Schließlich könnte das Boot ja durch Wind und Seegang vertrieben werden. Die Schiffslage war in den Seekarten eingetragen. Um passierende Dampfer auf einem Bildschirm überwachen zu können befand sich eine Radaranlage an Bord. Im modernen Zeitalter der Seefahrt gibt es elektronische Seekarten und Satellitennavigation. Dies machte die Feuerschiffe letztlich entbehrlich. Die Borkumriff IV wurde am 15. Juli 1988 Außerdienst gestellt.

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Dennoch hatten diese Schiffe nicht nur für Menschen eine besondere Bedeutung. Besonders im Frühjahr und Herbst waren die Lichter des Feuerschiffs Anziehungspunkt für Schwärme von Zugvögeln, die dann mit großem Spektakel die Laterne umkreisten. Doch auch im Sommer dienten Mast und Deck als Notlandeplatz für erschöpfte, teilweise vom Wind abgetriebene Vögel. Vogelbeobachtungen von Feuerschiffen aus haben interessante Informationen über die Natur geliefert. Nicht selten verirrte sich die ein oder andere Schwalbe durch ein Bullauge in die Schiffsmesse und musste dann von der Mannschaft wieder freigelassen werden. Im Museum heute passiert das natürlich zum Glück nicht mehr, da alle Fenster geschlossen sind. Allerdings ist das Borkumer Riff für zahlreiche Meeresvögel wie Enten oder Gänse immer noch ein bedeutendes Rast- und Nahrungsgebiet. Deshalb wurde dort auch ein Umweltschutzgebiet geschaffen um die Tiere zu schützen.

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Nach dem Besuch des Feuerschiffs setze ich mich auf meinen Drahtesel und radle los. Der Wind bläst unbarmherzig in mein Gesicht, zieht meine Wangen glatt zurück und strafft so ziemlich jedes Fältchen. Elegant segeln Seeschwalben über die Salzwiesen der Umgebung und lassen sich grazil durch die eisigen Böen gleiten. Ein paar schmunzelnde Radfahrer, denen meine hilflosen Tretversuche in die Fahrradpedale nicht entgehen, schießen, aus der Gegenrichtung kommend, mit zügigem Rückenwind an mir vorbei. Keuchend strample ich in die Pedale so fest ich kann. Gefühlt stehe ich auf der Stelle und komme nicht voran. Mein Gesicht wird durch die Anstrengung so rot wie das Feuerschiff hinter mir. Der starke Wind und mein sportliches Engagement nehmen mir den Atem. Jetzt müsste man wirklich ein Vogel sein und sich einfach vom Wind tragen lassen. Der Rest muss leider wie ich unbarmherzig weiterzappeln.

 

 

 


2 Gedanken zu “Wozu gibt es Feuerschiffe?

  1. Habe selbst im Museumshafen Hamburg ein altes Feuerschiff besichtigen können. Das Schiff wird von einem Verein gepflegt und als ich kam, war gerade ein Mitglied am Streichen. Der Mann hat mir und meiner Freundin damals dann eine kleine Privatführung über das Boot bis hinunter in den Maschinenraum gegeben. War eine der besten Führungen, die ich bisher erleben durfte 🙂

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    1. Ja, das ist immer ein Glücksgriff, weil die Begeisterung am Schiff spürbar ist und sich auch überträgt. Für viele Mitglieder ist die Arbeit in solchen Vereien ja eine Berufung und nicht nur ein Hobby. Eine bessere Führung gibt es kaum. 🙂 LG

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