Ein alter Seebär

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‚Hallo?‘ rufe ich laut über das leere Deck des uralten Heringsloggers im Emder Hafen. ‚Ist da jemand?‘ Nach einer Ewigkeit erscheint aus einer Bordluke ein bärtiges Gesicht. ‚Passen Sie mal auf. Das ist hier alles Baustelle!‘ Der Mann rückt sich die dunkelblaue Fischermütze gegen den Wind zurecht. Schwerfällig entsteigt er dem hölzernen Schiff und schüttelt mir die Hand. Er deutet ausladend über das gesamte Deck. ‚Bis zu 14 Mann waren hier 8 Wochen unterwegs auf Heringsfang.‘ Ich schüttele ungläubig den Kopf. Oh je, so lange. ‚Hier gibts doch weder Duschen noch Klos?‘ stelle ich fragend fest. Der alte Matrose nickt mit dem Kopf zum Rand der Reling. ‚Toilette ging alles übers Geländer.‘ Er zeigt mir die Befestigung an der die Fischernetze hingen. ‚Die wurden dann direkt eingezogen, die Fische ausgenommen, gesalzen und in Behälter gefüllt. Bis zu 600 Fässer haben im Laderaum Platz.‘ Die kühle Meeresbrise zaust an meinen Haaren. Es ist furchtbar frostig auf dem Wasser. Ich ziehe Strickweste und Jacke so gut es möglich ist zusammen. Der Mann blickt mir ins eisige Gesicht und grinst. ‚Ist kalt hier, was? Sie müssen sich immer mit dem Gesicht in Windrichtung stellen. Dann ist es nicht so frisch.‘ Ich lächle verlegen. ‚Ich bin das einfach nicht gewohnt. Bei uns waren gestern noch über 20 Grad.‘ Er steckt die Hände in die Taschen. ‚Hier geht das manchmal ganz schnell. Wir sind ja in Ostfriesland.‘ Das muss als Erklärung reichen.

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Über eine morsche Holztreppe betreten wir den Bauch des Schiffs. ‚Wenn das Boot dann voll war mit Fisch fuhr die Mannschaft nach Hause. Der Logger hier ist sehr schwer zu lenken und kommt gegen den Wind so gut wie garnicht voran. Ein reines Segelschiff eben. Manchmal musste man dann warten bis der Wind sich drehte um überhaupt voran zu kommen. Die Insulaner auf den Ostfriesischen Inseln haben das damals wirklich ausgenutzt. Sie verkauften den Seeleuten Frischwasser und Lebensmittel zu extrem überhöhten Preisen.‘ Ich nicke. ‚Klar, das war dann ein gutes Geschäft.‘ Der alte Seemann nickt. ‚Wie sind Sie denn dazu gekommen so ein altes Schiff zu renovieren?‘ frage ich interessiert. Begeisterung flackert im Blick des Mannes. ‚Leidenschaft.‘ sagt er dann ‚Einfach Leidenschaft. Man sieht das Schiff, man spricht die Leute dort an. Schon ist man drin im Verein.‘ Er zuckt die Achseln, sieht aber überaus zufrieden aus. ‚Probleme mit Nachwuchs gibt es ja immer.‘ Wir betreten die Mannschaftkabine. 12 Fischer lebten hier auf engstem Raum, kochten und schliefen an diesem Ort. Jeder Platz wurde genutzt. Die Kojen sind gerade mal 1,70m lang. Reicht gerade so für mich, denke ich. Aber die Menschen waren früher ja nicht so groß.

Im Laderaum klafft ein großes Loch. Es riecht modrig. Das Holz in der Mulde ist nass und Wasser schwappt sacht in den Schiffsbauch. ‚Wir mussten hier alles öffnen, weil wir einen Wassereinbruch hatten.‘ meint der Seebär. Er zeigt mir eines der Treibnetze mit denen früher gefischt wurde. Mehrere wurden zusammen ausgeworfen und waren somit insgesamt 3-4m lang. Der Kapitän des Heringsloggers wusste immer wo sich die Fischschwärme in etwa aufhalten. Man erkannte diese am Glitzern an der Wasseroberfläche oder an der großen Ansammlung von Mücken über dem Wellen. Das Schiff überholte den Schwarm und warf das Fangnetz aus. Die Maschengröße ist so gewählt, das nur der Kopf des Herings durchpasste, nicht der Körper. Kleinere Fische, die man sowieso nicht fischen wollte, entkamen daher durch die Netzmaschen. Bei größeren Fischen wie Dorschen, Barschen, Haien oder Delfinen zerriß das Seil sofort. Das Einzelnetz konnte man dann einfach austauschen, deshalb fischte man mit mehren aneinander. ‚Man nutze also damals schon nachhaltige Fischerei. Dann waren die ja fast weiter als heute, wo mit den Schleppnetzen soviel kaputt gemacht wird.‘ sage ich bewundernd. Der Matrose nickt. ‚In der Nachhaltigkeit ja. Man wollte aber auch den Beifang vermindern. Das war ja alles Extraarbeit. Wenn man sowieso schon einen 18 Stunden Tag hat überlegt man sich das.‘

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Er zeigt mir ein paar Fotografien aus den 30er und 40er Jahren und erklärt mir die damalige Lebensweise. ‚Die Frauen haben zum Beispiel Netze geflickt oder in den Fischfabriken gearbeitet. An Bord durften diese ja auf keinen Fall. Damenbesuch auf dem Schiff bringt nämlich Unglück.‘ Er winkt ab und schmunzelt. ‚Heutzutage sind wir da etwas aufgeklärter. Wir leben ja jetzt im 21. Jahrhundert.‘ Ich nicke. ‚Ach so! Da hab ich ja wirklich Glück gehabt.‘ sage ich dann laut und wische mir in gespielter Erleichterung die Stirn. Ich erwidere sein Lächeln. ‚Wie wurde dieses Schiff denn eigentlich gefunden?‘ Der Matrose sieht mich nachdenklich an. ‚Also bis 1931 fuhr es für die EAHG und hat Heringe gefangen. Dann wurde es nach Norwegen verkauft und hat als Küstentransporter bis 1960 Stahl befördert. Eigentlich wollte man danach in Bremen ein Restaurant daraus machen. Das wurde allerdings nichts und der Logger lag daher 20 Jahre rum bis dieser von einem Emder Bürger gekauft und restauriert wurde. Derzeit wollen wir das Boot komplett instand setzen und darauf eine Ausstellung eröffnen. Ich bin jetzt seit 2013 an Bord. Inzwischen sind wir sogar Teil des Emder Weihnachtsmarktes. Das Schiff wird dann weihnachtlich geschmückt und wir schenken Glühwein aus. Auf Deck friert man sich zu dieser Jahreszeit Hände und Füße ab. Dafür brennt hier unten dann ein gemütlicher Ofen. Da kann man sich dann wieder aufwärmen.‘ stolz blickt der Mann sich im Schiffsrumpf um.

Ich folge seinem Blick. ‚Na das ist doch ein prima Tipp für die Adventszeit.‘ Er lächelt. ‚Klar, Du bist herzlich willkommen. Ich darf doch Du sagen? Es wird Dir auf jeden Fall gefallen. Eine ganz herzliche Atmosphäre. Es wird viel geredet und gelacht. Wohnst Du jetzt hier in Emden?‘ Ich schüttle den Kopf. ‚Ich bin nur zu Besuch. Aber ich fahre gerne in den Norden. Ich mag es hier.‘ Der ältere Mann stubst mich am Arm. ‚Ja dann lade ich Dich schon mal für Anfang Juni zum Matjesfest ein. Oben an Deck haben wir dann jeden Tag etwa 5 Shantichöre. Da gibts leckeren Wein und original Emder Matjes auf dem Schwarzbrot.‘ Das klingt wirklich gut. Ich werde mir diese Termine auf jeden Fall merken. Der Seebär fährt fort. ‚Ich nutze diese Veranstaltungen auch immer um über das Schiff zu erzählen. Ich bin dafür bekannt, dass ich auch Menschen, die einfach nur am Logger vorbeilaufen, mit Details zum Boot zuschwätze. Nicht jeder will immer gleich alles wissen. Aber ich bin hartnäckig.‘ Mir macht das nichts aus. Der Matrose hat eine sehr sympathische Art und Weise sein Wissen loszuwerden. Auch wenn man nicht viel zu Wort kommt. Er klopft auf eines der Fässer im Laderaum und macht eine ausholende Handbewegung. ‚Früher hatten die hier ihre Lebensmittel gelagert. Man musste ja den Stauraum so gut als möglich nutzen.‘ Er führt mich in einen kleinen Raum unter Deck, in dem Taue und Seile gelagert sind. Alle sind in der chaotischen Ordnung eines Seemanns gestapelt.

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‚Das da ist unser Problemkind.‘ er deutet auf ein flaches Rinnsal, das sich seinen Weg über die Bodenplatten sucht. ‚Ein Leck, das wir gerade behandeln. Momentan haben wir oft Probleme durch Pilze. Die befallen immer mal wieder das Holz und das sieht man erst wenn diese sich ausbreiten. Dann ist es meistens schon zu spät. Die Planken modern schnell durch und werden zersetzt. Wir haben das damals gemerkt, als ein Besucher in den Holzboden eingebrochen ist. Das kann auf so einem alten Kahn schon mal passieren. Deshalb laufen wir immer etwas trampelnd über die Bohlen.‘ fährt der Schiffsrestaurateur fort und stampft demonstrativ mit dem Fuß auf. ‚Wenn diese kaputt sind, klingt der Schritt ganz anders.‘ Er deutet auf ein schuhgroßes Loch im Boden. ‚Da bin ich eingebrochen. Dann weiß man immerhin, da ist es morsch.‘ Gut zu wissen. Vorsichtig tapse ich über die hölzernen Balken. ‚Wenn ich einbreche, melde ich mich.‘ murmele ich im Auge des allgegenwärtigen Risikos. ‚Ist es eigentlich schwierig die Ersatzteile zu beschaffen?‘ Gequält sieht der Mann mich an und nickt zustimmend. ‚Man kann überhaupt nichts bestellen. Alles muss per Hand hergestellt werden. Das Birkenholz gammelt mit der Zeit und muss gepflegt werden. Wir arbeiten da bei manchen Teilen mit einer Behindertenwerkstatt in Emden zusammen. Die durften danach auch das Schiff anschauen um zu sehen für was ihre Arbeit verwendet wird. Eine wirklich schöne Idee.‘

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‚Das mit dem Ölofen hier ist bei dem ganzen Holz kein Problem?‘ frage ich ungläubig und deute auf den zierlichen schmiedeeisernen Herd. Der Seebär winkt ab. ‚Der Ofen steht ja nicht direkt an der Wand und hat von jeder Fläche einen gewissen Abstand. Er steht ja auch auf einem Metallblech. Eine enorme Hitze gibt er nicht ab, dafür eine gleichmäßige. Deshalb hat man auch Öl verwendet. Kohle oder Torf verströmen sehr viel Hitze auf einmal. Öl brennt eher ruhig und verbreitet eine wohlige Wärme, ohne dass es zu heiß wird.‘ Ich rolle einen Geldschein zusammen und werfe ihn in die aufgestellte Spendenbox. Toll, wenn man eine persönliche Führung von jemand bekommt, der eine solche Begeisterung für sein Werk hat. ‚Merk man das?‘ fragt der Emder lächelnd. Ich grinse verschmitzt. ‚Inzwischen schon. Ich erkenne eine gewisse Berufung für die Sache.‘ Im Norden hat wirklich jeder Zeit für ein Gespräch. Das ist unglaublich wohltuend und erholsam. Allerdings muss man sich als hektischer Großstädter auch erstmal an die Entschleunigung gewöhnen, um diese willkommen zu heißen. Ich reiche meinem Schiffsführer die Hand. ‚Danke für die vielen Informationen.‘ Ich drehe mich um und winke ihm noch einmal zu. ‚Und bis nächstes Jahr zum Matjesfest.‘


2 Gedanken zu “Ein alter Seebär

  1. Dein überaus interessanter Bericht und Deine tollen Fotos – haben in mir wieder einmal das Heimweh geweckt. Ich lebte lange Jahre auf Borkum und war naturgemäß sehr oft in Emden.
    Herzlichen Dank für das Wecken meiner Erinnerungen!

    Liebe Grüße,
    Werner

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    1. Hallo Werner, danke für Deinen Kommentar. Der Norden ist eine wirklich schöne Ecke und die Menschen sind alle so entspannt und freundlich. Da hab ich auch immer Sehnsucht, wenn ich wieder im Süden bin. Obwohl der Schwarzwald auch sehr schöne Orte hat. Liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

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