Nürnbergs Unterwelt im Dunkeln…

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‚Ich führe Sie jetzt in riesengroße Kelleranlagen.‘ meint unser Führer namens Rolf. Über der zarten Silhouette der Nürnberger Altstadt mit den schmucken Fachwerkhäusern hat sich bereits die Dämmerung gelegt. ‚Momentan sind alle Lampen dort aus und es ist stockfinster. Auch für uns Kellerführer ist es eine Herausforderung jetzt die richtigen Wege zu finden. Deshalb weiß ich leider nicht genau, wann unser Rundgang zu Ende sein wird. Das hängt von Ihrer Tagesform ab. Diese Führung unterscheidet sich auch noch in einem anderen Punkt von unseren sonstigen. 80% von dem was ich Ihnen heute erzähle sind erstunken und erlogen. Gerade mal 20% sind wahr.‘ Ich grinse. Egal, denke ich. Hauptsache rein in die Unterwelt der Kasematten. ‚Suchen Sie sich einfach aus, was Sie mir glauben wollen.‘ fährt der Mann fort. Als Überlebensausrüstung drückt er mir eine Lampe in die Hand. Ich setze mir einen Plastikhelm auf den Kopf um bei den niedrigen Decken keinen Dachschaden davon zu tragen. ‚Gehen Sie einfach so weit in die unterirdischen Gänge hinein wie Sie können.‘ Das klingt gut. Ich spaziere ins Dunkel. Unser Reiseführer fährt fort. ‚Diese Wände bestehen aus Sandstein und sind vor etwa 600 Jahren von Menschenhand mit Hammer und Meißel erschaffen worden.‘ Das war bestimmt eine mühsame, anstrengende Arbeit! Die Kellersysteme sind riesig und weitläufig.

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Unser Tourguide weckt unseren Forscherdrang. ‚Stellen Sie sich einfach mal vor wir wären ein Team aus Wissenschaftlern und müssten jetzt herausfinden was sich hier früher ereignet hat. Am besten wir suchen Informationen die uns Hinweise zur Geschichte dieser Keller geben. Schwärmen Sie ruhig aus. ich gehe derweil nach oben und trinke 3 Bier.‘ Der Mann dreht sich um und geht den Gang zurück. Neugierig auf die felsige Umgebung laufe ich wie von ihm vorgeschlagen einfach los. In der dämmrigen Szenerie haben die verlassenen Tunnel etwas geheimnisvolles. So richtig sicher kann man sich nie sein, was hinter der nächsten Ecke wartet. Mit einem Hauch von Abenteuer in der schwach erhellten Unterwelt streifen wir durch die Gänge. Wir sammeln uns alle an einer Glasvitrine. ‚Diese Keller wurden ursprünglich gegraben um hier Bier zu lagern. Ebenso Wein. Der Boden ist deshalb auch gepflastert, da man die Fässer darauf gut rollen kann. Das Wasser sickert gut durch den Sandstein der Wände und wird dadurch gereinigt. In Schächten wurde dieses dann aufgefangen und wieder für das Bier brauen verwendet.‘ Er deutet auf den vor uns ausgestellten Baumstamm mit einem Loch in der Mitte. ‚Durch diese Leitungen konnte das Wasser dann an beliebige Orte transportiert werden. Vom Quell draußen im Wald z. B. zum Brunnen in der Stadt.‘

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Aus dem Nichts taucht ein Portal in der Düsternis vor uns auf. ‚Das ist eine Bunkertür aus dem 2. Weltkrieg erklärt der Nürnberger Museumsmitarbeiter. Die Bierbrauer sind aus diesen Kellern im 19. Jhd. ausgezogen, da ab 1870 bereits Kühlmaschinen das Bier kalt hielten. Während des Krieges wurden diese Keller dann erneut wichtig für die Bevölkerung. Das gesamte System diente damals als Luftschutzbunker. 91% aller Häuser wurden zerstört. Nur Dresden lag mit 92% noch mehr in Schutt und Asche. Während der Bombenangriffe starben dort 25.000 Menschen. In Nürnberg waren es durch die unterirdischen Kasematten, die den Menschen Schutz boten, nur etwa 800 Todesopfer.‘ Unser Spaziergang geht vorbei an den vergitterten Türen der Keller, in denen heute noch Bier gelagert wird. Dunkel schimmert das grüne Glas der Flaschen in der undurchdringlichen Finsternis. ‚Ein Gefängnis war das hier nie, auch wenn die Gittertüren derart anmuten. Aber vielleicht kennen Sie das Lochgefängnis in der Stadt?‘ fragend sieht der Reiseführer uns an. ‚Eigentlich galt es als ausbruchssicher. Ein Insasse hat es jedoch geschafft zu entkommen. Er saß damals in der Todeszelle. Diesem Räuber war es gelungen ein Messer mit hinein zu schmuggeln. Sandstein ist zwar fest und solide, dennoch bröckelt er wenn man mit einer Klinge daran kratzt und lässt sich sehr gut bearbeiten.

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Der Verurteilte ritzte also einen Tunnel in den Felsen. Er dachte sich, er müsste einen langen Gang graben. Falls dieser zu kurz wäre und er unter dem Rathaus hervor kommen würde, wäre er gleich wieder verhaftet. Durch die Dunkelheit hatte er allerdings keine Orientierung. Er wusste nicht in welche Himmelsrichtung er grub und buddelte geradewegs nach Norden. Nördlich des Rathauses geht es steil bergan zur Burg. Irgendwann dachte der Dieb, er wäre weit genug vom Gefängnis entfernt und wandte sich nach oben um ins Freie zu gelangen. Er befand sich tief im Berg und wurde immer schwächer. Schließlich stieß er in einen Bierkeller. Was tat er dann?‘ fragend sieht mich der Mann an. Ich zucke die Achseln. Keine Ahnung. ‚Na er trank erstmal ein ganzes Fass Bier. Dann sah er eine Treppe, die rannte er hoch. Er zog die Tür auf und saß in einem anderen Keller. Dieses Kellersystem hier geht über mehrere Stockwerke. Was tat er dann?‘ ‚Er trank ein Fass Bier?‘ erwidere ich. Diesmal ist die Sache ja ziemlich klar. ‚Genau.‘ unser Reiseführer nickt. ‚Sehr geil.‘ einer der Urlauber aus meiner Kellergruppe nickt begeistert. ‚Durch eine weitere Treppe (und noch eine) gelangt der Entflohene wieder in einen Keller. Jedes Mal trinkt er sein Fässchen Bier. Als er sich von seinem Rausch ausgeschlafen hatte, fragte der Flüchtende sich erschreckt, wieviel Zeit er denn schon in den Felsengängen verbracht hatte. In der Unterwelt verliert man so ziemlich jedes Zeitgefühl. Das werden Sie ja sehen, wenn wir morgen um halb Vier hier wieder rauskommen.‘ unser Guide hebt warnend den Zeigefinger, grinst aber gleichzeitig schelmisch.

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‚Erneut fand er weitere Stufen und krabbelte diese halb betrunken auf allen Vieren nach oben. Er stieß mit dem Kopf gegen Holz und stemmte eine Falltür auf. Der Verurteilte trat hinaus in einen breiten Hinterhof und wurde vom hellen Tageslicht durch die lange Zeit in der Dunkelheit geblendet. So stand er lange und konnte überhaupt nichts sehen. Leider hatte sich der Gefängnisausbruch derweil herum gesprochen und er wurde sofort erneut verhaftet. So völlig bedeckt mit Sandstein wusste man genau wer er war. Sein Ausbruch hat ihm also nichts genutzt. Aber wenigstens hat er noch 3 Fass Bier vor seinem Todesurteil bekommen.‘ Wir laufen gemeinsam ein Stück weiter in die Dunkelheit hinein. Abrupt bleibt Rolf stehen. ‚Hier vor meinen Füßen befinden sich zwei Steine, jeweils mit einem Kreuz. Das sind Gedenksteine für die beiden Gäste, die letzte Woche bei der Dunkelführung verschwunden sind.‘ Alle Besucher kichern nervös. ‚Es gibt aber auch noch eine andere Geschichte.‘ fährt unser Reiseführer fort. ‚1230 hat man auf dieser Seite des Flusses im Stadtteil St. Sebald angefangen eine riesige Kirche zu bauen, die Sebalduskirche. Auf der anderen Seite des Flusses im Stadtteil St. Lorenz wollte man gleichziehen und eine ebenso tolle Kathedrale, die Lorenzkirche bauen.

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Daher sammelte man Spenden, was aber letztlich 20 Jahre dauerte, weil die Menschen hier viel ärmer waren. 1250 begann man mit der feierlichen Legung des Grundsteins und einem Fest. Der Bischoff von Bamberg, Würzburg, Eichstätt und viel Prominenz waren eingeladen. Während der Feier ließen die Arbeiter den Grundstein fallen, weil die Ochsen vor dem Karren einen plötzlichen Schreck durch die einsetzende Musik der Kapelle bekamen. Der Stein zerbrach in zwei Teile, was damals ein schlechtes Omen war. Alle Leute dachten daher Gott wäre gegen den Bau der Kirche. Sie schlugen vor für das Geld lieber 3 Monate zu feiern mit Freibier für die gesamte Bevölkerung. Da sprang der Bischof von Bamberg vor und wies die Menge an zu schauen wie der Grundstein auseinander gebrochen wäre. Mit zwei Kreuzen. Das ist eindeutig ein Zeichen Gottes die Kirche zu bauen. Die Einwohner Nürnbergs wollten aber lieber Freibier. Da rief der Klerus, wenn ihr diese Kathedrale nicht baut, kommt ihr alle in die Hölle. Die Leute gaben klein bei, vor dem Fegefeuer hatten alle ziemlich Angst. Ein Nürnberger Bierbrauer lag danach die ganze Nacht wach und dachte, wenn alle das ganze Geld für Bier ausgeben wollen, habe ich doch rosige Zeiten vor mir. Er kroch um 4 Uhr nachts aus dem Bett und versteckte die beiden Steine hier unten in den Felsengängen. Vielleicht würde die Kirche ja dann nicht gebaut, dachte er. Wurde diese aber doch. Und es gab kein Freibier. Es gibt heute immer noch keins. Eine blöde Geschichte nicht wahr?‘ Rolf trinkt anscheinend gerne Bier.

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Er scheucht uns eine schmale Treppe nach oben. Wir gelangen in einen großen Raum mit sehr hoher Decke. ‚Nehmen Sie Platz.‘ lädt uns unser Tourguide ein. Auf morschen Holzbänken rutschen wir in der Dunkelheit alle eng zusammen. Die breiten Holzplanken des langen Tisches sind voll Staub und Sandsteinkrümmel. Die Stimme unseres Reiseführers halt weit weg in dem großen Raum. Das Echo der Tonlage hängt schallend zwischen den Wänden. ‚1634 war Nürnbergs schlimmstes Jahr. Die Stadt wurde im
30-jährigen Krieg zwar nie angegriffen, aber es kamen total viele Flüchtlinge hierher. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Die Pest brach aus und wütete. Alle 10 Jahre seit 1349 kam die Krankheit damals über Europa und raffte die Leute dahin, manchmal starb sogar jeder 5. der Bevölkerung. 1634 wimmelten die Straßen von etwa 50.000 Menschen und innerhalb weniger Wochen starben davon 35.000. Das war mit Abstand die schrecklichste Pest, die es je in Nürnberg je gab. Immer wenn diese Seuche die Stadt heimsuchte, packten die Reichen alles zusammen und fuhren erstmal 4 Monate in Urlaub. Einige, die sich das nicht leisten konnten, kamen auf die Idee in die Unterwelt zu gehen. Flüssige Nahrung gab es dort ja genug, denn es war ja alles voller Bierfässer. Sie dachten sich also: Wir setzen uns zusammen, feiern und trinken bis die Pest wieder abgeflaut ist.

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Leider wurde am ersten Tag schon einer krank und starb. Man legte seinen Leichnam unter einen Luftschacht, verbrannte diesen und setze ihn dann unter dieser Platte bei.‘ Er deutet auf ein goldenes Rechteck hoch oben an der Fassade. Am nächsten Tag waren schon zwei weitere tot. Auch diese wurden hinter den Goldplatten bestattet. Einer war letztlich noch übrig, der sich die Treppen hochschleppte. Jedoch konnte er der Pest ebenfalls nicht entkommen.‘ Dann lacht er verschmitzt. ‚Eigentlich war hier vor einiger Zeit eine Kunstausstellung. Zurück geblieben ist die goldene Farbe an den Platten der Wand und die zierlichen Verzierungen durch Lorbeerblätter.‘ Sogleich wird er wieder ernst. ‚Kennt ihr die Geschichte vom Dudelsackpfeifer?‘ Ich schüttele stumm den Kopf. ‚Das war ein Musiker, der richtig gut spielte. Die Kneipen waren durch ihn zum Tanz immer voll und er war bei den Wirten beliebt. Für sein Spielen erhielt er kostenlos Speis und Trank. So lebte er gut und die Gäste steckten ihm zusätzlich für seine Musik Geld zu. Doch dann kam die Pest. Niemand wollte mehr ausgehen. Der Musiker hatte dennoch keine Lust allein daheim zu sitzen und ging in seine Lieblingskneipe. Irgendwann torkelte er betrunken nach Hause, stolperte auf dem Heimweg und schlief auf der Straße ein. Am nächsten Morgen um 5 Uhr brachen die Pestfuhrleute auf um die Leichen des vergangenen Tages aufzusammeln. Wenn jemand tot war legte man diesen für die Sammler vors Haus.‘

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Ich stöhne entsetzt auf, die werden ihn doch nicht auf den Leichenwagen heben? Natürlich passierte genau das. Unser Reiseführer fährt fort. ‚Sie schmissen noch drei oder vier Tote auf ihn drauf bis er endlich aufgewacht ist. Er war so schrecklich eingeklemmt, dass er sich nicht herauswinden konnte. Aus den schwarzen Beulen der Verstorbenen trifte gelbliches Zeug und der Dudelsackpfeifer war bald am ganzen Körper verklebt. Er konnte gerade so das Mundstück seines Instruments erreichen um sich bemerkbar zu machen und blies kräftig hinein. Die Kutsche rumpelte in diesem Moment über Nürnbergs Hauptmarkt. Plötzlich fing der Leichenberg auf der Kutsche schrecklich an zu Kreischen und zu Heulen. Die Leute stoben entsetzt auseinander. Im nächsten Moment sprang sogar einer aus dem Leichenberg und rannte in die Stadt. Völlig verdattert stellten die Pestfuhrleute zunächst ihre Arbeit ein. Jetzt ist es aus mit mir, dachte der Dudelsackpfeifer, die Toten sind am aller ansteckendsten. Aber noch geht es mir ja gut. Einen Tag hat der liebe Gott mir noch geschenkt, den werde ich nutzen. Mein Geld kann ich ja schließlich nicht mit ins Grab nehmen. Er zog los, trank viel zu viel und torkelte in sein Bett. Am nächsten Morgen wachte er wieder ohne Fieber und Beulen auf und nahm an, der Herr hätte ihm einen weiteren Tag geschenkt. So ging es Tag für Tag.

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Die Bevölkerung Nürnbergs war fassungslos. Nur die, die eins und eins zusammen zählen konnten dachten: Sieh mal an, einer der so viel läuft bleibt gesund!‘ er macht eine ausholende Handbewegung. ‚Schaffen Sie es die Kerzen auszupusten? Sie haben ja Geld bezahlt, da müssen Sie auch etwas dafür tun.‘ Wir folgen Rolf durch die düsteren Gänge. Die kleine Lampe mit dem zierlichen LED in meiner Hand bringt bei der vollkommenen Finsternis um mich eigentlich gar nicht viel. ‚Die ältesten Räume hier sind von 1830, die jüngsten von 1450.‘ erklärt uns unser Tourguide während wir durch die weitläufigen Wege schweifen. ‚Einen ganz alten von 1380 gibt es leider nicht mehr. Wenn Sie hier durch das Gitter im Boden schauen können Sie sehen, dass unter uns noch ein Stockwerk ist. Da gehen wir auch jetzt gleich rein. Aber wir springen nicht hier durch, wir nehmen eine Treppe. Nicht erschrecken, wenn wir unten sind. Nach uns kommt nachher noch eine Gruppe. Sollten Sie verloren gehen haben Sie also immerhin die Chance heute noch rauszukommen.‘ Rechts und links des Ganges sehen wir die abgeschrägten Transportschächte auf denen die Wein- und Bierfässer hinunter gerollt worden sind. Wir steigen die steilen Stufen einer zierlichen Treppe hinab in den untersten Stock der Felsengänge. Meine Schritte knirschen einsam auf dem Sandsteinpflaster des Untergrunds. Es ist völlig still und sehr kühl, vielleicht gerade mal 10 Grad.

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In einem Veranstaltungsraum steht eine kleine Konzertbühne. Die Akustik muss hier einfach fantastisch und besonders sein. ‚Manchmal wird hier auch eine Leinwand gespannt und es werden Dracula Filme gezeigt. Dies war z. B. meine erste Begegnung mit den Kellern.‘ Rolf schwelgt in Erinnerungen. ‚Dann bringe ich Sie jetzt nach Vorne und dann alle um die Ecke.‘ Helles Lachen ertönt aufgrund des Wortspiels. ‚Wenn Sie hier nach Oben sehen können Sie wahrnehmen wie tief wir jetzt unter der Erde sind. Das ist übrigens ein Plumpsklo und wird immer noch benutzt.‘ Er deutet nach oben und ich folge seinem Finger bis zu einem spärlichen Lichtschimmer an der Oberfläche. ‚Eigentlich ist es ein Luftschacht.‘ sagt er dann, weil der ein oder andere Gast etwas erschreckt den Platz wechselt. ‚Was denken Sie wie tief wir jetzt unter der Erde sind?‘ er antwortet selbst. ’16 Meter und tiefer kommen wir auch nicht mehr.‘ Dann erklärt er uns, warum man damals kein Wasser getrunken hat, sondern eher Bier. ‚Der Brunnen war im Hof meistens direkt neben dem Plumpsklo. Die Wasser haben sich dort vermischt und dadurch mit Bakterien versetzt. Die Leute tranken es und wurden krank. Früher wusste man nicht, dass man Flüssigkeit abkochen muss. Um Bier zu brauen muss man das Wasser intensiv kochen. Davon wurde deshalb auch niemand krank, sondern eher lustig. Und kühles Bier schmeckt einfach besser. Daher sind die Keller hier ideal.‘

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Wie gut die Belüftung in den Kellern sieht man. Vereinzelt wachsen hier kleine Moospflanzen an den luftigen Sandsteinwänden. Hin und wieder hört man wie ein Wassertropfen den Weg zum Boden findet. Ansonsten ist es totenstill. ‚In diesen Kellern wird es nie wärmer als 13 Grad und auch im Winter nie kälter als 8. Da vorne ist eine Treppe, da haben wir doch direkt die Hoffnung, dass diese nach oben führt.‘ Er sieht mich an. ‚Fürchten Sie sich vor Spinnen?‘ Oh nein, ich wusste es. Spinnen mag ich nun mal gar nicht. Ein paar Besucher gehen voran und ich verstecke mich in der Mitte um den Krabbeltieren nicht generell die erste Angriffsfläche zu bieten. Direkt neben der Tür am Ende der Treppe klebt eine riesige Vogelspinnenattrappe. ‚Insgesamt erstreckt sich das Areal über 45.000qm. Alles wurde wirklich per Hand mit Hammer und Meißel aus dem Stein gehauen. Und das alles nur für Bier und Wein. Das haben übrigens alles Bauern gemacht. Im Winter wenn die Felder nicht zu bewirtschaften waren, haben diese für die Brauereien hier unten gearbeitet. Jeder Bierbrauer hatte seinen eigenen Keller. 1880 haben die großen Industriebrauereien ihre Keller verbunden. Wenn Sie heute ein Haus in der Nürnberger Altstadt kaufen, kann es Ihnen passieren, dass ein Teil der unterirdischen Gänge darunter in andere Grundstücke führt. Die Bierbrauer haben sich dann bei den Nachbarn noch Anteile gekauft um ihre Keller zu vertiefen.

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Nürnberg war im Mittelalter die zweitgrößte Stadt im heutigen Deutschland und wurde erst 1520 durch Augsburg abgelöst. Die größte Stadt war Köln, dort eigneten sich die Böden aber nicht zum Graben. Berlin war bis 1700 ein Kaff und Lübeck war sogar besiedelter als Hamburg. Die Brauereien verließen die Keller um 1900, dann lagerten hier die Gurken einer Fabrik. Im 2. Weltkrieg wurde das gesamte Areal als Luftschutzbunker geräumt. Nur Sauerkraut durfte hier weiter produziert werden wegen der Vitamine für die Kriegsmaschinerie. Wir gehen davon aus, dass während des Bombenangriffs im Januar 1945 hier schätzungsweise bis zu 50.000 Menschen saßen, alles war total überfüllt. Es gab elektrisches Licht und chemische Toiletten. Die Kinder wurden angehalten auf Handtücher zu beißen, damit diese nicht vor Angst schreien.‘ Rolf hält kurz inne. ‚So jetzt möchte ich nochmal bisschen Schwung hier in den Laden bringen. Wir machen jetzt eine Polonaise durch die Finsternis.‘ Ich lege meine Hand auf seine Schulter und lösche meine Lampe. Dann ist es richtig dunkel. ‚Verlieren Sie bitte nicht den Kontakt zum Vordermann. Es gibt hier irgendwo eine Treppe die abwärts führt. Wenn ich also abstürze dann lassen Sie meine Schulter bitte los. Da kommt die Treppe. Ach, diese führt ja nach oben. Macht aber auch nix. Dann können Sie die Lampen wieder anmachen. Jetzt sind wir gleich wieder draußen‘ Eine Schulklasse kommt uns mit Führung entgegen. ‚Ach schaut mal.‘ sagt deren Tourguide ‚die waren genau so jung wie wir als sie los gegangen sind. Da sieht man gleich, wie lange die hier unten waren.‘

 

 


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