Ein Turm der Sinne

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Ich steige die hölzerne Treppe des kleines Turms in Nürnberg hinauf, in dem sich das überschaubare Museum ‚Turm der Sinne‘ befindet. Die Räume sind alle recht schmal und die verschiedenen Ausstellungsstücke zur menschlichen Wahrnehmung verteilen sich über 5 Etagen. Es ist überaus spannend wie einfach alle diese Wahrnehmungsvorgänge im Körper erklärt werden können. Sodass es wirklich jeder versteht, sogar ich. Gespannt rieche ich an der ersten Dose. Der eingesogene Duft ist mir überhaupt nicht bekannt und lässt mich abrupt die Nase rümpfen. Ich versuche das süßlichen Aroma zuzuordnen, habe aber keine verbundenen Erlebnisse oder Erfahrungen. Mein Kopf bleibt völlig leer. Ich habe keinen Erfolg. Dann blicke ich unter die lederne Abdeckung, die das besondere Parfum verschweigt und schiele auf die geschriebene Lösung. Ein mir ungeliebtes Duftwasser von Chanel. Das erklärt die Sache.

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Die folgende Brise beißt schmerzhaft in der Nase. Erinnert mich auf jeden Fall an alte Kirchen. Dose 4 riecht wiederum wie die Seife meiner Oma. Zum Glück kann man auf den Auflösungen sehen, was man eingeatmet hat. Erstaunlich, dass sich durch die Dufterlebnisse Situationen und Bilder in meinen Gedanken manifestieren. Mit Wintergewürzen verbinde ich z.B. Weihnachten, mit manchen auch Erkältungen. Zu einigen Gerüchen habe ich überhaupt keine besondere Gefühlsregung verknüpft. So funktioniert unser Geruchssinn. Und auch der Geschmack. Wir haben einen vergleichsweise schlechten Zugang zu Düften, da wir es nicht gewohnt sind, sie losgelöst von ihrer Entstehung genau zu benennen. Sehr häufig verbinden wir Aromen unbewusst mit starken Emotionen. Ursache dafür ist, dass Geruchsreize ohne Umweg auch an einen stammesgeschichtlich älteren Teil des Gehirns weitergeleitet werden, das Limbische System. Neben der Verarbeitung von Gerüchen ist dieser Bereich für allem für unsere Gefühle zuständig.

Turm der Sinne 2Geruchliche Reize als positiv oder negativ einzustufen war in der langen Geschichte der menschlichen Entwicklung für das Überleben notwendig. Daher entscheidet unser Riechsinn heute noch mit, ob wir einen Menschen oder eine Situation als angenehm empfinden und diese oder jenen riechen können. Je nach Übung können wir zwischen 4.000 und 10.000 Odeurs unterscheiden. Verschiedene Menschen bewerten diese auch unterschiedlich. Sogar für dieselbe Person kann ein Bouquet je nach Situation variieren. Der Duftsinn ist immer mit einem genauen Gedächtnis für Situationen und Umstände verbunden. Um verschiedene Nuancen zu schmecken benötigen wir ebenfalls unsere Nase. Über die Zunge können wir lediglich die Empfindung ’süß, sauer, salzig und bitter‘ wahrnehmen. Mit den verschiedenen Stäbchen, die ich an der Museumskasse erhalten habe, kann man das gut testen. Ich halte mir die Nase zu und lege das süße Blättchen auf die Zungenspitze. Dann reibe ich mit dem kleinen Papier herum bis ich einen süßlichen Geschmack im Mund habe. Die für Fruchtaroma verantwortlichen Sinneszellen befinden sich im Nasenraum.

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Durch meine mit den Fingern zusammengedrückten Nasenflügel kann die Luft aus dem Rachenraum nicht nach oben entweichen und wird gestaut. Erst bei Öffnung meiner Nase gelangen die Zellen zum Riechepithel. Deshalb schmeckt uns Essen bei Schnupfen auch nicht, weil wir nicht richtig riechen können. Geschmackserleben ist also ein Zusammenspiel mehrerer Sinne. Bereits 1909 glaubte der japanische Wissenschaftler Kikunae Ikeda eine weitere Geschmacksrichtung gefunden zu haben und gab dieser den Namen ‚umami‘ (köstlich). Bestätigt wurde diese neue Geschmacksqualität erst vor einiger Zeit. Zu diesem Zeitpunkt waren Sinneszellen auf der Zunge entdeckt worden, die auf Glutamat reagieren. Dieser Stoff ist eine häufig vorkommende Aminosäure in unserer Nahrung und die Ursache des ‚umami‘-Geschmacks. Sie kommt in eiweißreichen natürlichen Nahrungsmitteln vor, z.B. in Käse, Fisch und Fleisch. Darüber hinaus wird sie aber auch vom Körper selbst hergestellt. Glutamat wird im Gehirn z.B. als Botenstoff zwischen den einzelnen Hirnzellen benötigt.

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Ich suche zwei fast gleiche Fotografien aus dem Senckenberg-Museum in Frankfurt aus einem Stapel verschiedener Motive und schiebe beide unter eine Kamera. Beim Blick durch die Linse sehe ich nicht die erwarteten zwei Aufnahmen, sondern nur ein Bild. Ebenso entsteht ein räumlicher Eindruck, obwohl beide Abbildungen flach sind. Ein Dinosaurier springt mir entgegen und reckt den Hals, das Maul mit den messerscharfen Zähnen weit aufgerissen. Dies geht natürlich nur mit gleichen Abbildungen. Bei verschiedenen Bildern erscheinen logischerweise zwei getrennte Szenerien. Genutzt wird dieser Effekt heute unter anderem bei 3D-Filmen in IMAX-Kinos. Unsere beiden Augen erhalten von der Netzhaut immer zwei Netzhautbilder, die sich geringfügig unterscheiden. Diese beiden Motive werden im Gehirn zu einer räumlichen Wahrnehmung kombiniert. Vertauscht man linkes und rechtes Bild, so müsste sich theoretisch ein ‚tiefenverkehrtes‘ Foto einstellen. Aus hinten wird vorne und umgekehrt. Bekannte Objekte wie Gesichter können wir jedoch nicht so wahrnehmen. Das Hirn sträubt sich gegen eine solche Interpretation, da diese all unseren Erfahrungen widersprechen. Dieser Hang zur Gestaltbildung hat seinen Sinn darin, auch Dinge als Ganzes zu erkennen, die tw. verdeckt oder nicht vollständig sichtbar sind.

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Auf einer beweglichen Abbildung stehen zwei Fotos eines Mannes auf dem Kopf. Beide unterscheiden sich kaum. Fasziniert drehe ich an der rotierenden Scheibe, an der diese befestigt sind. Erst jetzt bemerke ich, dass die Mimik der linken Fotografie gänzlich zu einer Monsterfratze entstellt ist. Gesichter, die auf dem Kopf stehen können wir nicht gut erkennen. Unser Gehirn benötigt hier ein Konzept, das auf Erfahrung beruht. Da uns auf dem Kopf stehende Gesichter nur selten begegnen gestaltet sich die Deutung dieser Darstellungen als ziemlich schwierig. Der auffallende Unterschied der Gesichtszüge wird erst bemerkt, wenn Köpfe in gewohnter Form betrachtet werden. Die Erfahrungen wie menschliche Gesichtszüge auszusehen haben hatten wir bereits millionenfach in unserem Alltag gemacht. Mittels einer Kamera kann ich meine eigene Mimik in die ‚Thatcher-Täuschung‘ übertragen (1980 verzerrte ein britische Psychologe die Miene der Premierministerin Margaret Thatcher und die Illusion ist heute noch so benannt).

 

Wahrnehmung wird vom Gehirn aus organisiert. Die Effekte im Turm der Sinne machen die aktive Rolle unseres Denkapparates beim Sehen, Schmecken, Hören und Riechen deutlich. Auch das Fühlen und Tasten wird vom Hirn aus gesteuert. Der gesamte Fühlende Körper ist dort repräsentiert. Das bedeutet: Wenn man eine Stelle am Leib berührt, werden in einer ganz bestimmten Gehirnregion Nervenzellen aktiv. Tastsignale, die die Sinnesorgane der Glieder zu den grauen Zellen senden, treffen im sensorischen Feld der Großhirnrinde ein. In experimentellen Untersuchungen kann man dadurch eine ‚Körperlandkarte‘ erstellen, die zeigt welche Regionen im Gehirn für die Verarbeitung von Signalen aus welchem Körperteilen zuständig sind. Die Größe des zuständigen Bereichs in der Hirnrinde entspricht dabei nicht immer maßstabsgetreu dem betreffenden Körperareal. Stellt man die Größenverhältnisse des menschlichen Körpers entsprechend der Größe der zuständigen Hirnbereiche dar, entsteht ein verzerrtes Abbild des Menschen: der Homunkulus. Entdeckt wurde dies von Wilder Penfield, der die ‚Körperlandkarte‘ durch die Reizung am offenen Hirn von Patienten ausmaß, die sich einem chirurgischen Eingriff unterziehen mussten. In der Ecke sitzt ein für das Museum angefertigter Homunkulus. Er hat einen riesigen Kopf, übergroße Lippen und monströse Hände. Arme, Beine und Rumpf sind hingegen eher schmal. Verloren sitzt er da auf seiner kleinen Bank und sieht an sich hinab.

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Bei der erfolgreichen Lösung von Aufgaben ist die Anpassungsfähigkeit des Gehirns an veränderte Umweltbedingungen erstaunlich. Unsre grauen Zellen lernen oft innerhalb kürzester Zeit, mit dem klarzukommen, was die Umwelt ihnen als Rückmeldung zur Verfügung stellt. Selbst wenn Teile des Denkapparates beschädigt werden (z.B. bei einem Schlaganfall), kann dieser Schaden manchmal noch durch andere Regionen ausgeglichen werden. Benachbarte Hirnteile übernehmen die Aufgaben des betroffenen Areals. Unsere Wahrnehmung ist im Laufe der Evolution entstanden. Sie dient uns zur Orientierung und liefert uns ein schnelles Bild, eine eindeutige Interpretation. Meistens trifft diese zu, immer allerdings nicht. Unser Hirn sucht ständig die Ordnung. Es erfindet diese sogar dort wo keine ist. So wird die Sinnsuche im Grunde zur Sinnsucht. Musterbilder ordnen dabei unsere Eindrücke und gestalten eine ‚erste Wahrheit‘. Täuschungen sind hier oft die Nebenwirkung einer nützlichen Funktion unseres Wahrnehmungsapparats. Denn der bildet die Welt nicht einfach ab – er legt diese für uns aus. Wir sind alle täuschbar – und dies hat auch seinen Sinn. Da hilft nur die eigene Impression und Vorstellung immer wieder kritisch zu prüfen.

 

 


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