Schweigen ist manchmal Gold

Ich lege beide Handflächen aneinander und warte auf den Gong. Dreimal schlägt ihn die buddhistische Nonne. Sie sitzt ganz allein am Tisch gegenüber. Sanft streichen die zarten Klänge durch den Raum und läuten auf angenehme Art das Frühstück ein. Ich blicke auf den Teller mit Essen vor mir. Die Ordensschwester stimmt ein kurzes Gebet an. Ich schließe die Augen und wiederhole die Worte in Gedanken. Diese Lebensmittel sind ein Geschenk der Erde und die Frucht harter Arbeit. So selbstverständlich wie wir diese auch konsumieren, hat es jemanden viel Mühe gekostet diese herzustellen. Alles was ich esse wurde mit Anstrengung geschaffen und verarbeitet. Dafür lohnt es sich auch mal dankbar zu sein. Erneut ertönen die leisen Töne des Gongs. Die Gäste des Buddhistischen Klosters essen nun allesamt 10 Minuten schweigend. Alle verstummen. Ich auch. Die Hintergrundgeräusche um mich werden dadurch furchtbar laut. Ich höre wie meine Gabel auf den Teller trifft und mein Sitznachbar sein Glas abstellt. Jedes Echo weitet sich aufgrund der gezwungenen Stille in einen durchdringenden Lärm aus. Ein lauter Widerhall, der kaum zu ertragen ist.

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Ich sage einfach nichts. Das ist ungewohnt, aber irgendwie auch erholsam. Der gewöhnliche Smalltalk ist jetzt nicht nötig und auch nicht erwünscht. Ich konzentriere mich auf meinen Salat. Langsam schiebe ich Blatt für Blatt zwischen die Lippen. Ich wende diese im Mund herum auf der Suche nach Geschmack. Wie schmeckt das? Wie fühlt sich das Essen auf der Zunge an? Kann ich das überhaupt noch wahrnehmen? Es ist eben einfach nur Nahrungsaufnahme oder? Ich finde es unheimlich schwer achtsam zu sein. Erneut ertönt der Gong der buddhistischen Nonne. Gesprächsgeräusche umfangen mich plötzlich wie eine dicke undurchdringliche Decke. Jeder hat etwas zu sagen. Ich bleibe stumm. War es am Anfang schwierig und unangenehm den Mund zu halten und nichts zu sagen, empfinde ich den aufstrebenden Lärmpegel der herumfliegenden Wort- und Gesprächsfetzen jetzt als stark tönende Unruhe. Ich beziehe mein Zimmer im Gästehaus. Eine allgegenwärtige Stille umfasst mich in dem kleinen Raum. Ich setze mich auf das schmale Bett. Kann man Geräuschlosigkeit eigentlich hören? Ich fühle die Tonlosigkeit als Rauschen in meinem Ohr. Ich kann in der Ruhe mein Blut zirkulieren hören.

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Es gibt im Raum keinen Fernseher, Telefon, PC oder Radio. Ein Internetzugang ist vorhanden, aber quälend langsam. Es gibt nichts was kurzweilige Ablenkung oder betäubende Unterhaltung verspricht. Nur die völlige Auseinandersetzung mit sich selbst. Keine Hektik. Nur Hier und Jetzt. Ich atme auf und blicke aus dem Fenster. Im Zengarten des Klosters zwitschern die Vögel. Außer Naturgeräuschen dringt keine Melodie an mein Ohr. Ich fühle mich völlig frei von den Zwängen meines Alltags. Ohne Ablenkung. Ohne Verpflichtungen und Erwartungen von meiner Umwelt oder mir selbst. Ich befestige am Wunschbaum innerhalb der Gartenanlage einen kleinen Zettel, der eine für mich wichtige Bitte enthält. Er ist an ein Geschenk gebunden. Ein zierlicher Perlenanhänger in Form eines Engels, den ich selbst einmal in einer besonderen Situation geschenkt bekommen habe. Ich trinke in der Klosterteestube einen Tee. Im kleinen Schwimmbecken in der Mitte des Raumes tummeln sich weiße und orangefarbene Koikarpfen. Als ich mich setze schwimmen diese schwerfällig auf mich zu. Die Bewegung ihrer Flossen kräuselt das durchscheinende Wasser und lässt den Blick auf die Kiesel am Grund des Beckens verschwimmen. Gemächlich und mit Genuss schlürfe ich den weißen Tee aus der kleinen asiatischen Trinkschale. Es erfordert Geduld nichts zu verschütten. Aus dem schmalen Ausguss der Teekanne strömt lediglich ein feiner, zarter Strahl der goldgelben Flüssigkeit.

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Heute feiern wir Buddhas Geburtstag. In der großen Meditationshalle wiederholen die Mönche des Ordens eindringlich und kontinuierlich ein Gebet. Wie ein sonores Echo klingt das ständige Gemurmel von den hohen Wänden wieder. Ein alter Mönch, dem das Niedersitzen in den Lotussitz sichtbar Mühe bereitet beginnt zu sprechen. ‚Wir benötigen Harmonie in uns selbst in unsicheren Zeiten wie diesen.‘ meint er bedächtig. ‚Egal wo wir hinblicken, unsere Welt ist aus dem Gleichgewicht. Sei es beim Klima oder in der Politik. Daher ist es so wichtig die eigene innere Ausgeglichenheit zu bewahren, um diese auch in die Welt tragen zu können.‘ Er gießt über die rechte und linke Schulter einer kleinen Buddhastatue mit einer Schöpfkelle klares, durchsichtiges Wasser. Alle Gäste reihen sich vor dem zierlichen Brunnen ein und machen es ihm nach. Zu Ehren von Buddhas Geburtstag hat das Kloster ein richtiges Programm auf die Beine gestellt. Gäste können an den angebotenen Meditationen oder Vorträgen teilnehmen. Auf der ausladenden Klosterterrasse mit dem breiten Balkon warte ich auf einen weiblichen Naturcoach. Sie zeigt interessierten Teilnehmern wie man optimal Kraft durch achtsame Spaziergänge in der Natur schöpft. Immer wieder ermuntert sie mich, die Natur anzufassen und zu fühlen. Mich dabei von meiner inneren Intuition leiten zu lassen und genau zu betrachten. Den achtsamen Blick auch einmal eine kleine Weile länger ruhen zu lassen um mich inspirieren zu lassen von dem was ich sehe.

Wie sagte eine der Nonnen in einem Vortrag über Meditation und Achtsamkeit? ‚Ihr müsst zuerst euren Geist einladen und willkommen heißen gemeinsam mit euch zu Meditieren. Ihr dürft ihn nicht zwingen. Erst in diesem Zustand werdet ihr im Moment bleiben können. Ohne Wertung im Hier und Jetzt.‘ Ich höre auf die sanften Geräusche der Umgebung und schließe die Augen. Im geschlossenen Raum der Meditationshalle klingt die Musik weit entfernt und erschließt kaum meinen derzeitigen Ort. Ich konzentriere mich auf meinen Atem. Ein paar Sekunden bin ich im aktuellen Augenblick. Dann kommen die Gedanken. Wirr segeln diese durch mein Bewusstsein und sind doch so unwichtig und belanglos. Ich ertappe mich und komme wieder zurück auf meine Atemzüge. Das ist die Übung. Immer wieder. Hier ist der Weg durchaus das Ziel. Ich spüre das Pochen meiner Gelenke. Das lange Sitzen im Schneidersitz sind meine Beine nicht gewöhnt. Meine Zehen kribbeln, werden taub und fallen schließlich in den Schlaf.

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davEin Mönch reicht mir eine Kerze mit Teelicht. ‚Nehmt die Kerze in die Hand und führt sie auf Höhe des dritten Auges an die Stirn. Denkt an jemanden, der die Kraft dieses Lichtes nötig hat.‘ weist er uns an. Die Meditierenden erheben sich. Alle kennen so jemanden. Oder auch mehrere Menschen. Dann stehen alle auf und bringen im Gedanken an diese Personen die Kerzen zum Altar. Der Mönch fährt fort. ‚Euer Selbstbild ist wie ihr euch seht. Denkt daran, dass dies mit der Wahrheit nichts zu tun hat. Wenn ihr den Dunkelheiten in euch ausweicht, dann könnt ihr nicht den wahren Schatz und Buddha in Euch finden. So wie die kleine Kerze die Finsternis erhellt, könnt auch ihr Erkenntnis finden indem ihr Euch mit allen Schatten- und Sonnenseiten betrachtet. Ich wünsche euch viel Motivation und Disziplin um eurem Weg zu folgen.‘ Dann grinst er schelmisch und sein Lächeln zerrreißt die andächtige Stimmung. ‚Und bis dahin viel Gesundheit. Macht viel Sport und trinkt viel Wasser.‘

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5 Gedanken zu “Schweigen ist manchmal Gold

  1. Toller Schreibstil und schöner Erlebnisbericht zu einer Erfahrung, welche auch schon ne Weile auf meiner „Liste“ steht 😉
    Wir habe uns vor paar Tagen durch einen gemeinsamen Bekannten auf dem Vorfest in Karlsruhe kennengelernt und ich habe hier bei Dir mal reingeschaut und bin beeindruckt von deinen Inhalten. Weiter so!

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  2. Schön, dass hier einmal auch eine buddhistische Nonne erwähnt wird …

    Ich bin nämlich unlängst nach der Lektüre von V. Rationis „Warum Mönche meditieren müssen“ nachdenklich geworden, warum die Meditationslehrer fast immer Männer sind, die asexuell leben?

    Vielleicht eine Anregung für einen zukünftigen Blogartikel?

    LG Doris

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    1. Liebe Doris, vielen Dank für die Anregung. Das ist wirklich ein spannendes Thema und kam mir noch nicht in den Sinn. Hier in Karlsruhe wird das buddhistische Zentrum auch von einer Nonne geleitet. Ich überlege mir mal einen passenden Beitrag. Liebe Grüße Lisa

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