Die Frechheit

Irgendwann kommt der Zeitpunkt nach einem Wochenende am Rhein, an dem man einfach keine Burgenführung mehr mit machen will und kann. Es gibt hier einfach zu viele schöne Schlösser zu besichtigen. So leid es mir um das hübsche Städtchen Braubach und die imposant darüber thronende Marksburg tut. Das Einzige, was ich nach dem kurzen Aufstieg hinauf hier mache, ist mich auf die Sonnenterrasse der Burgschänke zu setzen. Ich genieße den herrlichen Ausblick auf den langsam und träge dahin ziehenden Rhein. Der überschaubare Ort hat sogar gleich zwei Burgen. Die andere heißt Philippsburg und liegt direkt am Rande der winzigen Altstadt. Sie beherbergt heute einen Weinkeller. Der Himmel ist von den Regengüssen des gestrigen Tages wunderbar rein und blau gewaschen. Einzelne dunkelgraue Wolkenfetzen prangen trist im azurblauen Firmament. Immer wenn eines der düsteren Wolkenbilder vorbeizieht erschaudere ich kurz. Es wird dann merklich kühler und ein leichter Wind erhebt sich. Eisige Böen zausen frostig durch meine fliegenden Haare.

sdr

dav

Steil fallen hier die Felsen ab und gehen nahtlos in das Hellgrün des zarten Laubes der Bäume an den bergigen Gesteinshängen über. In der Ferne leuchten die ersten Sprossen der Weinreben, die jetzt bereits austreiben. Vereinzelt schippern längliche Frachtschiffe gemächlich auf den dunkelgrünen Wellen des Rheins im Tal dahin. Ruhig trennt deren metallener Bug das stille blaugrüne Wasser des Flusses. Alles ist völlig unaufgeregt. Auch in der kleinen Pension, die ich bewohne, habe ich aus meinem Fenster den Blick auf eine einsame, kleine Gartenanlage. Diese zieht sich direkt bis zum Beginn der schroff aufsteigenden Felswände. Ich öffne das Fenster. Gleich unter dem Fenstersims zieht rauschend ein zierlicher Bach vorbei. Weißer Gischtschaum sprudelt sanft empor und umspielt in zärtlichem, wenn auch raschem Spiel die Kiesel auf dem Flussgrund. In den Baumwipfeln zwitschern fröhlich kleine Vögel ein immerwährendes Lied. Ich kann diese nicht sehen. Aber ich höre die freundliche, angenehme Melodie. Sanft flattern frisch gewaschene, weiße Bettlaken an einer straff gespannten Wäscheleine in Wind. Das leise Plätschern des Bächleins zerreißt wohltuend die Stille und mischt sich lediglich mit dem munteren Vogelgesang. Kein Auto ist zu hören. Ebenso auch kein Zug. Es ist einfach ruhig.

sdr

Ich spaziere durch die winzigen Gassen des überschaubaren Dörfchens Braubach. Die älteste Wirtschaft im Ort liegt in einem Eckhaus. Ich setze mich auf den freien Stuhl, der mir am nächsten steht. Eine jüngere und eine ältere weibliche Bedienung mustern mich. Beide begrüßen mich mit einem Kopfnicken. Es scheint, dass keine Willens ist meine Bestellung aufzunehmen. Ich bleibe einfach sitzen und schaue mich im Lokal um. Die Wände sind komplett mit dunklem Holz vertäfelt. Auch den Boden bedecken dunkelbraune Dielenbretter. Die Einrichtung ist angenehm alt. ‚Hier kommen gleich vier Leute, die haben reserviert.‘ sagt beim Abräumen eines Tisches mürrisch die ältere Frau, die wohl die Wirtin des Gasthauses ist. ‚Wie viel?‘ die jüngere der zwei, ein Mauerblümchen mittleren Alters, hat ihre Vorgesetzte wohl nicht verstanden. In einiger Entfernung sammelt sie gerade leere Gläser ein. ‚Na vier.‘ erwidert ihre Chefin barsch und ungehalten. Sie blickt ihre Angestellte mit durchdringendem Blick ärgerlich an. ‚Ist ja gut.‘ zur Beschwichtigung hebt diese die Hand.

dav

sdr

‚Haben sie schon bestellt?‘ meint die Besitzerin des Restaurants nach einer Ewigkeit. Ich blicke auf das leere Tischtuch vor mir und schüttele zur Bestätigung den Kopf. ‚Nein könnten sie mir bitte die Karte bringen? Ich würde gern ein Glas Wein bei Ihnen trinken.‘ meine Frage ist freundlich formuliert. Dennoch erhalte ich als Antwort nur die knappe Information ‚Wein haben wir mild, feinherb und halbtrocken.‘ Die Wirtin hat wohl klar entschieden, dass ich keine Speisekarte brauche. ‚Und auch trocken?‘ hake ich hoffnungsvoll nach. ‚Klar, Riesling.‘ ertönt die Auskunft ebenso rasch und bündig. Fast als wäre man froh, wenn ich einfach aufstehen und gleich wieder gehen würde. Die Bedienung begibt sich hinter die Theke. ‚Ein trockener Wein und ein Wasser.‘ befiehlt sie ihrer Mitarbeiterin. ‚Spülen kannst du ja später.‘ setzt sie dann noch hinterher. Die Stimmung hier drinnen ist wirklich äußerst hervorragend, denke ich. Stumm stellt mir die hier beschäftigte Kellnerin schließlich Wein und ein Glas Mineralwasser hin. Was für ein überaus angenehmer Empfang. Da fühlt man sich ja gleich wohl. Und welch Kundenorientierung und Geschäftssinn in diesen alten Mauern doch steckt!

Ich hebe die Hand. ‚Das ist stilles Wasser.‘ reklamiere ich auf höfliche Weise. ‚Nee, also bei uns ist das Mineralwasser.‘ kontert die Servicekraft des Wirthauses sofort kaum habe ich meinen Satz beendet. ‚Ganz normales Mineralwasser!‘ Ich schwenke das Glas und keine einzige Sprudelblase steigt auf. ‚Hm, da muss ich jetzt mal nachfragen, meint sie dann.‘ Die Bedienung schlurft davon. Ich ziehe ob dieser ungewohnten Unfreundlichkeit erschreckt den Kopf ein. Ein neues Wasser erhalte ich nicht. Zahlen möchte ich daher natürlich nur den getrunkenen Wein. Nun zeigt sich der Wirt und Herr des Hauses. Er rudert in wilder Wut mit beiden Armen durch den Raum. ‚Komm lass sie doch Bezahlen und dann raus und ab. Seit 50 Jahren haben wir dieses Wasser. Das ist doch eine Frechheit.‘ schreit er in Richtung seiner Mitarbeiterin. ‚Also das finde ich von ihnen auch.‘ sage ich nüchtern. Beim Bezahlen meines Rieslings drücke ich der Angestellten ein paar Euro in die Hand. ‚Sie haben es echt nicht leicht.‘ sage ich mitfühlend und schüttle ungläubig den Kopf. ‚Ja!‘ die Antwort ertönt wie immer furchtbar kurz angebunden. Sie scheint mir dennoch zuzustimmen. Dann gehe ich. Und komme sicher nicht mehr wieder.

sdr

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Am nächsten Morgen frage ich die Vermieterin meiner Unterkunft nach dem unbeherrschten Kneipenbesitzer. ‚Ja.‘ sie nickt verstehend und winkt wissend ab. ‚Der Mann hat einfach den Absprung verpasst. Er ist schon über 80. Vor zwanzig Jahren wollte seine Tochter den Laden übernehmen, da hat er sich geweigert. Er konnte einfach nicht loslassen und dadurch geht alles den Bach hinunter. Und heute hat das Mädchen ein eigenes Geschäft und keine Lust mehr auf das alte Gasthaus. Eigentlich ist es ja eine schöne, ursprünglich eingerichtete Wirtsstube und sehr schade darum. Zudem ist die Wirtsfrau nervlich am Ende. Man weiß nie genau, ob sie einem gleich eine klebt. ich würde nie einen meiner Gäste zum Essen hinschicken, das besteht dort völlig aus Fertigprodukten. Nur vielleicht um einmal hineinzuschauen, weil das Lokal so urig ist.‘ Zum Glück sind die anderen Bewohner der hübschen, entspannten Örtchen entlang des Rheinufers so freundlich, überlege ich. Da fällt so ein einzelner Miesepeter zum Glück nicht ins Gewicht.


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