Eine imaginäre Bootsfahrt

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Es regnet in Strömen. Riesige Wassertropfen platschen an die Fensterscheibe. Sie zerspringen in einer Heftigkeit, als ertöne bei jedem harten Aufprall ein Schuss. Ich fühle mich fast, als müsste ich eigentlich in Deckung gehen. Der Himmel liegt in hellem Grau, welches sich fast weißlich in einer nebeligen Brühe über die Dächer von Koblenz hinzieht. Auf den Straßen steht das Wasser in ausladenden Pfützen. Deren Oberflächen liegen in ständiger Bewegung durch das Hineintauchen der neuen Regentropfen. Die Gesichter der Passanten sind vermummt von Jackenkapuzen oder völlig versteckt unter einem weitläufigen Schirm. Betrübt presse ich die Nase an die Fensterscheibe. Mein Spiegelbild verschwimmt im Strom des herab prasselnden Wassers. Das Rauschen des Windes fährt durch die winzigsten Wandfugen. Die Bäume auf der gegenüberliegenden Straßenseite biegen im Wind ihre mächtigen Äste. Wild peitschen die Zweige in den Böen innerhalb der Luft, als wären diese nur dünnes Gehölz. Heute ist kein Wetter für eine reale Rheinschifffahrt. Aber zumindest für eine imaginäre, überlege ich. Ich schlendere durch das trübe und nasse Wetter zum Romanticum. Dieses Museum kann man schließlich bei jedem Wetter besuchen.sdr

Die gesamte Ausstellung ist einer Ausflugsfahrt zum Rhein nachempfunden. In der kleinen Eingangshalle steht ein abgestelltes Fahrrad. Koffer stapeln sich vor einer Litfaßsäule mit den neuesten Plakaten zur Rheinreise. Neben einer Wartebank hängt einsam ein rot-weißer Rettungsring. Bunte Wimpel flattern über dem Bahnsteig. Eine breite Treppe führt hinunter in einen ausladenden Salon mit feinen Jugendstilmöbeln. Der an der Decke baumelnde vielarmige Bronzeleuchter verströmt ein grelles, gelbes Licht. Noch bis ins 18. Jhd. war für Reisende das Obere Mittelrheintal nur Durchgangsstation auf ihrem Weg nach Südeuropa. Für die urwüchsige, nicht immer gefahrlose Landschaft hatte man wenig übrig. Die Szenerie erschien rau und wild. Der Rhein barg tückische Untiefen und scharfe Felsen in seinem Flussbett. Nur mit Glück konnten diese heil umschifft werden. Eigentlich war jeder Reisende froh, diesen Teil seiner Fahrt gesund gemeistert zu haben und am Leben zu bleiben.

davErst als bekannte Dichter und Maler die Schönheit des Gebiets für sich entdeckten und in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellten, wurde die Gegend auch für die übrige Bevölkerungsschicht interessant. Die Anreise war bis zur Erfindung des Dampfschiffes und der Eisenbahn sehr beschwerlich. Doch durch diese angenehmeren  Fortbewegungsmöglichkeiten wurde das Rheintal das erste bedeutsame touristische Reiseziel in Deutschland. Rund eine Million Gäste kamen bereits Mitte des 19. Jahrhunderts. Zuvor reiste man auf unbequeme Art in einer Postkutsche oder per pedes. Waren vorher geordnete, genau strukturierte Barockgärten das Maß aller Naturschönheit gewesen, so zeigte sich mit in der Romantik ein Wandel hin zur Ursprünglichkeit. Plötzlich gehörte die ungezähmte Natur in all ihrer natürlichen Stärke und Urwüchsigkeit zum ästhetischen Ideal. Die Erscheinung des Oberen Mittelrheintals passte perfekt in das neue Bild einer rauen, wilden Landschaft. Hier fand sich keine liebliche Idylle nach klassischem Vorbild. Die Felsen waren schroff, die Hänge steil, und oben auf saßen wie alte Adlerhorste eine Vielzahl von Burgruinen.

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Clemens Brentano und sein Dichterfreund Achim von Arnim ebneten mit ihren literarischen Werken den Weg für das sich langsam entwickelnde Gefühl der Rheinromantik. Die schöne blonde Loreley, die auf einem hohen Felsen sitzt und mit ihrem betörenden Gesang Schiffer in den Tod führt, gelangte zu großer Berühmtheit. Diese ist bis heute erhalten geblieben. Der Widerhall am Loreleyfelsen war im 19. Jhd. eine große Attraktion. Die Dampfschiffe hielten dort immer für einen Moment an. Den Gästen wurde mithilfe von Böllerschüssen das Echo demonstriert. Friedrich Silcher vertonte 1837 das bereits 13 Jahre zuvor veröffentlichte Gericht von Heinrich Heine über die schöne Loreley. Das Volkslied wurde über Deutschlands Grenzen hinaus weltweit bekannt. Leider ist der Nachklang seit etwa 100 Jahren aufgrund der verkehrstechnischen Erschließung nicht mehr zu hören. Unter den Feriengästen waren damals zahlreiche bis heute berühmte Persönlichkeiten. Karl Baedeker ließ sich 1827 in Koblenz nieder um hier einen Verlag zu gründen. Schon bald wird dieser zum Inbegriff des Reiseführers schlechthin. 1849 veröffentlichte der Verleger seine Empfehlungen für eine Rheinschifffahrt mit dem Titel ‚Rheinreise von Basel bis Düsseldorf‘.

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Ebenso an Bord ist im Jahre 1818 Mary Shelley, die Verfasserin des Buches ‚Frankenstein‘. Es ist die Geschichte des jungen Wissenschaftlers Viktor Frankenstein, der an der Universität in Ingolstadt einen künstlichen Menschen erschafft. Schockiert von seiner eigenen, unerwartet erfolgreichen Tat, flieht er vor der fürchterlichen Kreatur. Auf seiner Flucht fährt er mit einem Schiff den Mittelrhein hinunter. Bis heute ist dieses Buch ein absoluter Klassiker und die wilde Landschaft eine unheimlichen Kulisse. Entlang der neuen Eisenbahnstrecken entstanden im 19. Jhd. zahlreiche Bahnhofsbauten. So auch in Koblenz 1858 auf der linken Rheinseite. 20 Jahre später hielten die Züge der Moselstrecke Trier-Koblenz-Metz an einem zweiten Bahnhof innerhalb der Stadt. Wollte man zwischen beiden Zuglinien wechseln hatte man daher einen längeren Fußmarsch vor sich oder legte die Strecke mit der Droschke zurück. Mit diesem Umstand war man ziemlich unzufrieden und eröffnete in Koblenz 1902 einen neuen Hauptbahnhof.

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Der Bau der Schienen durch das enge Rheintal war nicht einfach. Es waren aufwendige Erdarbeiten, Anschüttungen und Felssprengungen nötig. Die gebauten Tunnel verzierte man mit Türmen und Zinnen ganz nach dem Vorbild der Burgen in der Nachbarschaft. Rund 40 Festungen und Schlösser gibt es entlang des Rheins zwischen Koblenz und Bingen zu sehen. Der Grund für die hohe Burgendichte liegt in der Geschichte. Die Region war im Mittelalter vor allem wegen der vielen Zolleinnahmen von strategischer Bedeutung. Mit den Trutzbauten sicherten die Grafen und Bischöfe ihr Gebiet gegen kriegerische Nachbarn und setzten ein weithin sichtbares Zeichen ihrer Herrschaft. Viele der prächtigen Gebäude wurden im Laufe der Zeit zerstört und erst im 19. Jahrhundert wieder aufgebaut. Heute können dennoch die meisten Burgen und Schlösser besichtigt werden. Die Eisenbahn löste im 20. Jhd. immer mehr das Dampfschiff als Transportmittel ab. Nobelzüge wie der Orient-Express lockten viele Reiche in die Züge. Der einzige deutsche Vertreter in der Luxusklasse war der Rheingold. Ab 1928 fuhr dieser mit Salonwagen in Blau und Violett am Rhein entlang. Er war das Aushängeschild der wenige Jahre zuvor gegründeten ‚Deutschen Reichsbahn.

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Vom Ärmelkanal-Fährhafen Hoek van Holland und von Amsterdam ging die Reise entlang des Rheins über Köln und Karlsruhe bis nach Basel und gelegentlich weiter bis Luzern am Vierwaldstättersee. Nach dem sagenhaften Nibelungenschatz im Rhein benannt, trat der Rheingold gegen eine internationale Konkurrenz von Luxuszügen an, die quer durch Europa unterwegs waren. Es war die letzte Blütezeit der Lokomotive, als sie noch das unangefochtene Verkehrsmittel Nummer eins war. Eine Zeit, die jäh durch den Zweiten Weltkrieg beendet wurde und danach mit dem Siegeszug von Auto und Flugzeug nicht wiederkommen sollte. Der Rheingold fuhr nur zwölf Jahre lang, bis 1939. Die rund 12-stündige Fahrt verbrachten die Passagiere mit allem Komfort. Alle Abteile waren geschmackvoll ausgestaltet und die Sitze bequem gepolstert. Breite Fenster ermöglichten einen umfassenden Ausblick auf die vorbei ziehende wunderbare Szenerie. Während heutige Fahrgäste ganz leger im Freizeitlook in den Zug steigen, hatte die Reichsbahn damals einen ganz speziellen, durchaus nobleren Markt im Visier. Auf den Britischen Inseln lebte eine vermögende Klientel der Upperclass, die mit der Fähre auf den Kontinent übersetzte. Diese nutze die Nobelzüge um mit allen Annehmlichkeiten in die Luxushotels der Schweiz weiterzureisen. Kaufen konnte man lediglich Erste- oder Zweite-Klasse-Fahrkarten. Eine Holzklasse für die gewöhnlichen Leute gab es nicht. Mit dem teuersten Fahrausweis gab es in jedem Fall einen Fensterplatz in Form eines frei beweglichen Sessels.

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Mit dem Angebot des Fluges fand der Luxusexpress sein Publikum nur noch unzureichend. Für die Reichen und Schönen gehörte die Bahn nicht mehr zu den bevorzugten Beförderungsmitteln. Die betuchte Zielgruppe nahm lieber den Flieger. Als die Bundesbahn dann in den 1970er-Jahren den Intercity-Taktverkehr im Stundentakt mit zweiklassigen Zügen aufnahm, war die Zeit des Rheingold endgültig abgelaufen. Reisen ist eben längst nicht mehr das Privileg einiger Begüterter, sondern für jedermann erschwinglich geworden. Im Wettbewerb mit Auto und Flugzeug verzichten die Bahnen heute zwangsläufig auf Glanz und Glamour und setzen auf Zweckmäßigkeit und Tempo. Man versucht sowohl dem Geschäftsreisenden als auch dem Familienurlauber zu genügen. Und das zu marktfähigen Preisen. Dies bedeutet das Ende des großzügigen Komforts für eine bestmögliche Umsatzsteigerung mit mehr Sitzen in jedem Abteil. Heute nimmt sich ein Kölner Förderkreis den alten ‚Rheingold‘ Waggons an und hält diese in Stand. Der Verein organisiert immer wieder Sonderfahrten mit dem restaurierten Luxusexpress. Die Ersatzteilbeschaffung wird für den alten Zug aber immer schwieriger. Daher ist nicht absehbar wie lange es diese noch geben wird. Früher war eine Reise mit der Bahn eben noch ein Erlebnis. Heute will man einfach nur schnell von A nach B kommen. Schade.


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