Weihnachtsmarkt auf der Burg Hohenzollern

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Die spitzen Turmdächer der Burg Hohenzollern liegen in einem dichten zähen Nebelteppich. Ein riesiges undurchdringliches Wolkenband wogt in dunkles Grau gehüllt und jegliches Licht verschluckend über der gesamten Anlage dahin. Es regnet heftig. So sehr, dass die dicken Tropfen nach einem Aufprall auf die asphaltierte Strasse in einem feinen wässrigen Sprühnebel sogleich wieder nach oben spritzen. Wie ein fast durchsichtiger, filigraner Hauch schweben diese für Sekunden über dem Boden. Herrschaftlich thront die Schlossanlage auf einem überschaubaren Felselsvorsprung. Die Mauern sind von einem kleinen Waldstück umgeben und liegen vor dem Stadtgebiet des Ortes Hechingen. Im starken Regenguss ist der Weg über den Waldboden beschwerlich. Dennoch laufe ich stramm bergan. Ich bin sehr gespannt, was mich auf dem Weihnachtsmarkt im Inneren des Burghofs erwartet. Klamm zieht die Feuchtigkeit des Wetters in meine Kleidung. Mein Schritt wird um einiges schneller ob diesem Gefühl der nassen Kälte. Ich löse eine Eintrittskarte im kleinen Kiosk am Rande des Fussweges zum Schloss. 10 Euro finde ich als Gebühr etwas hoch. Widerwillig drücke ich der Kassiererin einen Geldschein in die Hand.

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Immerhin ist im Preis eine Busfahrt inbegriffen. Ich suche für den Rest des Weges in einem der Shuttlebusse Schutz. Mein Mantel trocknet während der Fahrt sogar minimal. Die Transferwägen sind völlig überladen. Einige Passagiere müssen in den Gängen stehen und sich festhalten. Sitzplätze sind eben nur begrenzt verfügbar. Eine undurchlässige Nebelschicht hat die Burgmauern fest im Griff. Die Umgebung ist in völliges hermetisches Weiß getaucht. Trist ragen die Äste der laublosen Baumgerippe in das dichte, winterliche Grau. Im Kontrast dazu leuchten die Blätter am Fusse der Bäume gegen den dunklen Untergrund nur noch bunter in Gelb, Orange und hellem Braun. Es geht auf das Ende des Jahres zu. Der Zerfall und die Vergänglichkeit des Winters sind überall spürbar. Über die herunter gelassene Zugbrücke marschieren alle Besucher in den Innenhof des Schlosses. Ein gewundener Weg aus unebenem Kopfsteinpflaster führt in die altertümlichen Mauern. Der Wind heult laut hörbar durch die windigen Ritzen zwischen den mittelalterlichen Steinen. Fast reißt die Heftigkeit der Böen mir meinen Schirm aus der Hand. An etlichen Stellen tröpfelt lautstark das Regenwasser an dem alten Gemäuer zu Boden. Mein Atem steht bei jedem Luftholen als weißlicher filigraner Hauch kurz vor meinem Gesicht bevor die Lebendigkeit des nahenden Windes diesen zerreibt.

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Die Kälte ist zermürbend und umfasst mich überall. An den weihnachtlich geschmückten Ständen leuchten goldene Lichterketten hell in den dunkelgrünen Tannenzweigen. Es werden Holzspielzeug und -figuren sowie Adventsdekoration verkauft. In einem zierlichen Gewölbe singt ein übersichtlicher Chor inbrünstig Weihnachtslieder. Die festliche Stimmung wird von den Geschichten des Märchenerzählers untermalt, der in der Schlosskapelle sitzt. Im Burgcafe liegen zu Trauben gebundene rote Christbaumkugeln auf den Fensterbrettern. Stumme Engel mit ausgebreiteten Flügeln aus Birkenholz säumen den Sims zu beiden Seiten. Ich nippe an meinem Kaffee um die winterliche Kühle baldmöglichst aus meinen gefrorenen Gliedern zu vertreiben. An den Wänden des Restaurants hängen schwarz-weiß Fotografien der adligen Burgbesitzer. Die Bilder stellen die Prinzen und Prinzessinnen von Preußen dar. Die gesamte Palastanlage ist im Privatbesitz des Hauses Hohenzollern. Seit nahezu 1.000 Jahren hat die Familie hier ihren Wohnsitz. Schon deren Urahn Kaiser Wilhelm II kam durch die schöne Lage der Burg auf dem zierlichen Felssporn zu der Annahme der Rundblick vom Schloss wäre immer eine Reise wert. Zumindest steht dies so im Burgprospekt. Neugierig recke ich den Kopf zur Glasscheibe um gleich darauf enttäuscht den Kopf einzuziehen. Die momentane Nebelsuppe, die blickdicht vor den Fenstern vorbeizieht, hindert mich vehement daran die Bestätigung dieser These heute persönlich umzusetzen. Durch das dunkle Grau sehe ich nicht viel außer die Umrisse der nahe liegenden Festungsmauern.

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Ich sehe mir die festlich erleuchteten Holzbüdchen vor der Burgschenke genauer an. Bunte Töpferarbeiten liegen in den Auslagen neben Lavendelsäckchen und Wollpullis. Im Burgshop verkauft man Souvenirs und Postkarten. Ein Stand bietet gefilzte Sitzunterlagen und Taschen oder selbst gestrickte Socken. Das Schloss platzt aus allen Nähten. Auf engstem Raum schieben sich die Besucher aneinander vorbei. Regenschirme bleiben dabei aneinander kleben. Von den vielen Mützen und Kopfbedeckungen tropft in kleinen Rinnsalen die Nässe. Der Adventsmarkt ist über die gesamte Burganlage verteilt. Langsam lässt zum Glück der Regen nach. Im Innenhof kann man völlig überteuerten in Eigenregie hergestellten Schmuck erstehen. Am Nachbarstand gibt es selbst gebrannte Schnäpse und Liköre in allen Variationen. Kräuter, Nüsse und Obst wurden dabei zu Alkohol verarbeitet. Natürlich darf man auch probieren. Der Duft nach exotischen Gewürzmischungen wird durch die Luft herbei getragen. Die vielen fremden Gerüche mischen sich in einer sanften Windbrise zu einem würzigen Parfum.

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Überall riecht es nach Punsch, Glühwein und heißem Apfelsaft. Ein älterer Herr verschließt die Luke seines Standes mit einer durchsichtigen Plastikwand vor dem stärker werdenden Regen. Er bietet bemalten Christbaumschmuck aus Zinnfiguren. Weihnachtsschmuck aus Stoff steht neben Burgbaukästen aus Holz und Festtagsgebäck. Räuchermännchen blasen lustige Dunstkringel in die windige Umgebung. Gegen die an einem zehrende Kälte kann man Stirnbänder erwerben oder Schals, die durch einen Knopf fest um die Schultern zu schließen sind. Ich lausche einer A-capella-Gruppe, die im Ahnensaal des Schlosses Weihnachtslieder singt. Die Stimme der Sängerin durchdringt klar und hell die alten Mauern. Eine große Christtanne strebt mit ihrer dunkelgrünen Spitze bis an die Decke empor. Der rote und goldene Weihnachtsschmuck reflektiert im Licht der Kerzen farbige Kringel auf die bunten Ahnentafeln. Auf den Gesichtern der Besucher spiegelt sich die fröhliche Erwartung dieses Adventssonntags und die Hoffnung auf die nahen Festtage. Die wunderbaren Melodien legen sich wie ein musikalisches Band auf die feierlich erleuchtete Kulisse des Schlosses. Die herannahende Dämmerung verstärkt meine Vorfreude auf die dunkleren Tage der Weihnachtszeit. Mir wird andächtig zumute, beinahe ernst. Völlig durchnässt, aber angenehm weihnachtlich gesinnt steige ich in den Bus, der mich zu meinem Auto bringt. Und auch das schlechte Wetter kann meiner festlichen Stimmung nichts anhaben.

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