Gutenbergs Stadt

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Nach etwa einer Stunde erscheinen die ersten steil aufsteigenden Weinberge im Zugfenster. Gemächlich ziehen diese an der Glasscheibe der Regionalbahn in der ich gerade sitze vorbei. Durch den kleinen Spalt des geöffneten Zugfensters zieht ein kühler, eisiger Windhauch. Ich ziehe den Kragen meiner Jacke vor der näher kommenden Kälte fest zu. Die Blätter an den Rebstöcken haben sich in einem satten Orange- und Rotton auf den herannahenden Herbst eingestellt und begrüßen die kürzeren Tage. Es ist Anfang November und mein heutiges Ziel ist die Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz. Ich fahre mit dem Zug nach Mainz. Auf dem zentralen Platz inmitten der kleinen Großstadt herrscht beim Marktfrühstück ein reges Treiben. Menschen stehen in lebhaften Grüppchen auf dem grauen Kopfsteinpflaster. Die einen mit einem guten Glas Pfälzer Wein, andere mit einer Wurst in der Hand. Hier gibt es Spezialitäten aus aller Welt und genauso vielseitig sind die Nationalitäten der Besucher. Ich wühle mich durch die dicken Menschenmassen und schrecke auch vor Ellbogeneinsatz nicht zurück um mein Ziel zu erreichen. Mit aller verfügbaren Kraft kämpfe ich mich zum Eingang des Gutenbergmuseums.

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In Mainz hat Johannes Gutenberg 1444 die Buchdruckkunst mittels einer Buchdruckpresse erfunden. Diese Innovation reicht definitiv um ihm ein ganzes Museum zu widmen. Mit seiner Erfindung hat der Mainzer den Weg zur modernen Vervielfältigung von Schriftstücken und Büchern in höheren Auflagen ermöglicht. Bislang wurden einzelne Bücher in mühevoller Handarbeit abgeschrieben und hergestellt. Gutenberg erfand als Alternative bewegliche Lettern, die aus Metall gegossen wurden. Seine revolutionäre Art des Bücherdrucks breitete sich innerhalb kürzester Zeit in der gesamten Welt aus. Damals wurde Papier aus alte Netze, Seile und Säcke und Lumpen angefertigt. Alle diese Stoffe sammelte die Berufsgruppe der ‚Lumpensammler‘. In einer Papiermühle zerschnitt man die angehäuften Materialien in überschaubare Stücke. Die aufgeweichte Masse wurde danach unter Zugabe von Wasser etwa 2 Tage in noch kleinere Teile zerstampft. Am Ende des Prozesses kamen die Fasern in große Holzwannen. Diese waren etwa einen Meter tief und mit Blei ausgeschlagen. Von unten wurden sie mit Feuer erwärmt, damit sich die hinein gegossene Lösung nicht so schnell aufwärmen konnte. Aus dieser Bütte schöpfte ein Geselle der Mühle eine dünne Schicht des Papierbreis heraus in ein Sieb. Durch leichtes Schütteln bewirkte dieser eine Verfilzung der Fasern und den Ablauf des überschüssigen Wassers. Das nasse Blatt wurde etliche Male ausgepresst und schließlich getrocknet. So entstand in anstrengender Arbeit eine Seite Papier. Um dieses schreibfähig zu machen wurde es abschließend mit tierischem Leim bestrichen.

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Nach der Erfindung der Druckpresse durch Gutenberg stieg logischerweise der Bedarf nach Lumpen zur Papierherstellung sprunghaft an. Das Sammeln wurde in ganz Europa zu einer behördlich geregelten Angelegenheit, um den Schwarzmarkt einigermaßen in den Griff zu bekommen. Und man suchte natürlich nach neuen Rohstoffquellen aus denen man evtl. auch Papier herstellen konnte. Bald experimentierte man mit Flachs und letztlich auch mit Holz. Gutenberg verwendete bereits vorhandene Ideen, Techniken und Verfahren aus Europa und Asien um seine Erfindung zu realisieren. Er entwickelte die Druckpresse nicht nur, um schneller Abzüge herstellen zu können. Man hatte so auch erstmals die Möglichkeit beidseitig zu drucken. Der Mainzer nutze am liebsten Pergament aus Tierhaut als Druckmaterial. Dieser Stoff stand allerdings selbstverständlich nur begrenzt zur Verfügung und so musste er bald zur Herstellung größerer Auflagen auf Papier zurückgreifen.

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Der neu entdeckte Buchdruck profitierte immens von den technischen und kulturhistorischen Leistungen der folgenden Jahrhunderte. Seit dem 18 Jhd. hatte die politische Selbstständigkeit und Wirtschaftskraft des städtischen Bürgertums kontinuierlich zugenommen. Diese Gesellschaftsschicht benötigte dadurch dringend eigene Schriftstücke. Mit der Teilhabe an öffentlicher Kommunikation ging die Kontrolle sozialer Machtmittel einher. Es bestand also seitens der finanzstarken Käuferschicht eine immense Nachfrage. Diese Lücke konnte der Buchdruck füllen. Nach einer gewissen Anlaufphase begeisterte sich die ganze Welt für die neuwertige Innovation. Die Möglichkeit Informationen massenweise und in identischer Form schnell und überregional zu verbreiten war damals eine Sensation. Der Buchdruck entwickelte sich rasch zu einer Massenproduktion. Die Menge, Aktualität und Verfügbarkeit von Medien stieg sprunghaft an. Neben den traditionellen religiösen und antiken Schriften etablierte sich ein Markt für profane Literatur wie Ratgeber, Lehrbücher oder Kalender. Der Informationsstand des Einzelnen und der gesamten Öffentlichkeit verbesserte sich enorm. Es entwickelten sich eigenständige Kommunikationssysteme, die von der Kirche und der Obrigkeit losgelöst waren. Das hatte es bisher noch nie gegeben. Nachrichten, Meinungen, politische oder religiöse Anschauungen und Botschaften wurden öffentlich publiziert, kommuniziert und debatiert.

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Spätestens mit Einsetzen der Reformation im 16 Jhd. zeigte sich, dass mit dem Buchdruck ein äußerst wirksames Instrument der Meinungsbildung entstanden war. Dieses erreichte große Massen des Bürgertums und verfügte dadurch über ungeahnte politische Sprengkraft. Die Bildung und Verbreitung grundsätzlicher Überzeugungen wie der Alphabetisierung, Säkularisierung, Aufklärung, Demokratie, Rationalität oder persönliche, wissenschaftliche oder künstlerische Autonomie sind ohne diese Erfindung undenkbar. Die Kaufkraft der neuen Leser belebte den Markt und zwang zu höherem Arbeitstempo und effektiveren Herstellungsmethoden. Dennoch geriet der Name des Erfinders innerhalb der nächsten Jahrhunderte in Vergessenheit. Und ebenso das Datum der Erfindung. Dies führte dazu, dass die unterschiedlichsten Personen oder Mitarbeiter Gutenbergs abwechselnd als Erfinder des Buchdrucks galten. Und deren Heimatstädte wollten diesen Erfolg natürlich für sich verbuchen und die ersten Buchdruckorte sein.

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Erst die Französische Revolution erkannte in Gutenberg den ‚ersten Revolutionär und Wohltäter der Menschheit‘. Obwohl niemand mehr wusste wie der Erfinder des Buchdrucks ausgesehen hatte wuchs die Begeisterung für den Mainzer beständig. Man errichtete ihm Denkmäler und feierte zu seinen Ehren Jubiläumsfeste. Bis heute produziert man im Rahmen des Buchdrucks eine Vielzahl von Souvenirs und Andenken. Obwohl man im Grunde eigentlich nur weiß, das der Schöpfer der Druckpresse um 1400 geboren und etwa 1468 gestorben ist. Mehr nicht. Im Jahr 2000 wurde Gutenberg sogar zum ‚Man of the Millenium‘ ernannt. Nur wegen der Erfindung des Buchdrucks und dem berühmten Mainzer bin ich allerdings heute nicht hier. Mich hat das eigenständige Herstellen von Ablassbriefen angezogen. Dieses findet heute im Gutenberg Museum statt. Jeder hat die Möglichkeit mitzumachen und an der mittelalterlichen Bruchpresse seinen eigenen Sündenerlass zu produzieren. Im hinteren Teil der Druckpresse wird das Papier eingespannt und die darunter befindlichen Metalllettern mit einer Rolle kräftig eingefärbt. Das Blatt wird dann auf die Farbe gelegt und unter die Pressvorrichtung geschoben. Mittels eines Hebels werden die Buchstaben fest aufs Papier gedrückt. Der hölzerne Griff lässt sich schwer bewegen. Das Gesicht des Mannes, der gerade seinen Ablassbrief druckt verzieht sich angespannt unter der Anstrengung. Ein rötlicher Hauch zieht sich über seine Wangen. Stolz hält er nach dem Aufklappen der Buchpresse seinen Brief in die Höhe, damit diesen alle Besucher sehen können.

Der Ablass ist in der katholischen Kirche eine Tat, um Gottes Gnade zu erlangen nach einer begangenen Sünde. Das kann die Beichte sein, eine Wallfahrt oder ein Kirchenbesuch. Die Kirche stellt dann dafür einen Ablassbrief aus. Im 15. und 16. Jahrhundert wurden diese Dokumente missbraucht, um die Kirche zu bereichern. Um ihren wachsenden Geldbedarf decken zu können, entwickelte die Kirche durch den Ablassverkauf eines der einfallsreichsten Finanzierungsmodelle der Geschichte. Päpste finanzierten damit ihr luxuriöses Leben, die Kriege des Kirchenstaats und den Bau von Kathedralen, Straßen und Brücken. Das Prinzip ist simpel. Man konnte sich für eine bestimmte Geldsumme von seinen Missetaten freikaufen. Zahlen musste jeder, der das Fegefeuer vermeiden wollte. Und wer ganz auf Nummer sicher gehen wollte, der konnte auch gleich noch seine verstorbenen Verwandten und Freunde freikaufen. Der Ablassbrief macht es möglich. Wie eine Art Versicherungs-Police, die für ein paar Münzen gegen jegliche Konsequenz des eigenen negativen Handelns absichert. Je mehr Sünden man beging umso schlechter ging es einem logischerweise vor dem jüngsten Gericht. Das gesamte Geschäft war derart lukrativ, dass Ablassprediger zum Verkaufen der Briefe durch ganz Deutschland reisten. Ausgestellt wurden die Dokumente im Namen eines vom amtierenden Papst beauftragten Bischofs oder Kardinals.

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Die Kirche sicherte den Käufern einen Nachlass von Sündenstrafen für einen genau definierten Zeitraum oder einen vollkommenen Ablass der Sünden zu. Das gab den Gläubigen die Möglichkeit eine Reduzierung ihrer Strafen im Jenseits zu erwirken. Daher erfreuten sich die Papiere einer hohen Nachfrage. Auflagen für den Sündenerlass waren das Sprechen bestimmter Gebete wie der Rosenkranz oder gottgefällige Werke wie Spenden für den Bau von Kirchen. Ähnlich unserer heutigen Beiträge in die Krankenversicherung waren die damaligen Tarife hierfür nach Einkommen gestaffelt. Bezahlt wurde je nach Leistungskraft. Völlig Mittellose sollten zumindest beten und fasten. Das konnte schon einmal jahrelanges Fasten bei Wasser und Brot beinhalten. Die durch die reumütigen und sündigen Bürger finanzierten Geldsummen waren enorm. ‚Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt‘. Dieses Sprichwort war der Beginn der Reformation. Martin Luther prangerte die katholische Kirche für den Betrug durch den Handel mit Ablassbriefen an. Der Verkauf wurde erst um 1570 aufgegeben.

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Was aus heutiger Sicht völlig unverständlich erscheint, war in der Zeit des ausgehenden Mittelalters eine reale Angst der Menschen. Angesichts der hohen Sterblichkeitsrate, konnte einen jederzeit der frühe Tod ereilen. Und das noch ehe man für seine im Leben begangenen Sünden Buße tun konnte. Die Folge konnten je nach Schwere der begangenen Missetaten jahrelange Höllenqualen sein. Das Ablasswesen brachte den Menschen daher willkommene Erleichterung und verringerte die Angst sowohl vor Alltag und Leben als auch vor dem Tod. Nicht auszudenken wie unsere Gesellschaft funktionieren würde gäbe es die Möglichkeit sich von Straftaten und Sünden freizukaufen. Vermutlich überhaupt nicht. Wer genug Geld hat um seine schlechten Handlungen abzulösen wäre im Vorteil. Der Großteil der Menschheit wären den willkürlichen Entscheidungen und Launen einiger Weniger unterworfen. Ein Leben völlig ohne Fairness und Gerechtigkeit. Als Mensch mit Stärken und Schwächen verstehe ich die Faszination um dieses Themas. Womöglich hätte ich im Mittelalter aus Angst vor dem Fegefeuer auch einen Ablassbrief gekauft. Zum Glück haben die meisten Menschen in unserer Gesellschaft heute einen erweiterten Horizont. Ich glaube daran, dass man für sein eigenes Tun und seine Rücksichtslosigkeit irgendwann die Verantwortung übernehmen muss. Wenn nicht in diesem, dann im nächsten Leben. Und ich finde so sollte sich jeder verhalten.


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