Im Wandel der Nacht

Angestrengt starrt die Zigeunerin in die Kaffeetasse. Ihre dunklen Haare umschlingt ein buntes Tuch. Bei jeder Handbewegung klirren die goldenen Armbänder aufeinander. Der Daumen der alten Frau presst sich intensiv an den Porzellanrand der Tasse. ‚Ich sehe, dass Du bald einen Mann treffen wirst.‘ beschwörend faltet sie ihre linke Hand zur Faust. Eindringlich mustert sie den braunen Kaffeerest im Becher. ‚Er kauft Dir ein elegantes Auto und baut Dir ein schönes Haus.‘ Theatralisch fliegen die Zigeunerhände in die Luft untermalt vom klingenden Konzert der Armreifen. ‚Ich sage nur was ich erblicke. Gott macht dann das es wahr wird.‘ Neugierig verfolge ich das Schauspiel. Der Blick der Wahrsagerin richtet sich an die Zimmerdecke. ‚Innerhalb der nächsten 5 Jahre wird meine Vorhersage eintreffen.‘ Ich schlucke nervös. Der Zeitraum bis zu meinem persönlichen Wohlstand dauert also noch länger.

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Abergläubisch bin ich nicht. Und an Wahrsager glaube ich auch nicht. Ich hatte beim ‚Nachtwandel‘ im Mannheimer Jungbusch nur meinen Kaffee bezahlen müssen. Die Lesung meiner Zukunft erhielt ich gratis dazu. Sonst hätte ich dieses Angebot niemals genutzt. 30.000 Menschen kommen jedes Jahr zu diesem Stadteilfest. Eintritt kostet es hier nicht. Spenden sind aber sehr willkommen. Mannheim hat im Grunde aus touristisches Sicht nichts zu bieten. Schon wenn der Besucher aus dem Bahnhofsgebäude kommt erschlägt ihn die Hässlichkeit der Stadt. Graue Architektursünden, die nach dem Krieg schnell hochgezogen wurden, um Wohnraum zu schaffen. Die Innenstadt war völlig zerbombt worden und musste komplett wieder aufgebaut werden. „In Mannheim weint man zweimal. Einmal, wenn man ankommt und das zweite Mal, wenn man geht.“ ist ein durchaus wahres Sprichwort. Die Stadt hat einen schlechten Ruf. Um hier schöne Plätze zu finden, muss man wissen, wo man diese suchen muss.

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Ich mag die Stadt dennoch und habe lange in diesem hässlichen Entlein gewohnt. Wenn ich an Mannheim denke, erinnere ich mich an den interessanten multikulturellen Mix der Einwohner. An den entspannten Kaffee in einem der gemütlichen Bistros am Wasserturm. Ich entsinne mich an ausgiebige Einkaufsbummel in den Quadraten der Innenstadt. An die vielen durchzechten Nächte in den Kneipen des Jungbusch und den Morgen danach. Aber auch an schlechte Luft, Straßenlärm und nach der Arbeit Autostaus durch die gesamte Innenstadt. In Mannheim ist alles vertreten: Studenten, Arbeiter, Geschäftsleute, Sozialhilfeempfänger. Christen, Juden, Moslems oder Atheisten. Arme und Reiche. Spießer und Verrückte. Und auch ganz normale Leute. Wie in jeder Großstadt gibt es Gegenden, die man besser meiden sollte. Wer mag findet aber auch schöne Plätze und Alleen voller Jugendstilvillen. Gibt man Mannheim eine Chance, wird man vielleicht überrascht. Und sei es nur beim Kaffeesatzlesen im ‚Nachtwandel‘. Auf den netten, reichen Herren warte ich seither immer noch.

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