Der eingefrorene Schatten

 

 

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Unser Schatten ist uns aus unserem täglichen Leben nicht wegzudenken. Er ist unser zuverlässigster Begleiter und macht jede unserer Bewegungen mit. Ich betrete den dunklen Raum im Museum Experimienta in Freudenstadt. Meine Hände tasten an der kalten blassgrauen Wand entlang und suchen den Lichtschalter. Zögerlich drücken meine Finger zu. Ein grelles Blitzlicht zerreißt kurz darauf die Düsternis. Ich schließe die Augen gegen das intensive Leuchten. Hinter den geschlossenen Lidern tanzen die hektischen Strahlen weiter. Ich blicke auf und trete von der Raumseite zurück. Mein Schatten ist deutlich sichtbar als dunkler Umriss auf die Wand eingebrannt. In Starrheit eingefangen hebt sich meine Silhouette von der grauen Mauer ab. Jeder Mensch kann seinen Schatten überlisten und gefangen nehmen. Möglich ist dies durch das Prinzip der Phosphoreszenz. Ich war vor einer phosphoreszierenden Fläche gestanden. Die Bereiche der Wand, die ich verdeckte, wurden vom Blitzlicht logischerweise nicht erfasst und leuchten daher auch nicht nach. Im Gegensatz zu den unverdeckten Teilen der Wand, die das flackernde Licht wieder abgeben. Dadurch erscheinen verdeckte Flächen als Schatten, die sich nicht bewegen, als eingefrorene Konturen der Umgebung.

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Licht breitet sich nicht immer nur als Welle, sondern unter bestimmten Umständen auch als Strom von winzige Teilchen (Photonen) aus. Treffen die Lichtteilchen auf die Oberfläche nachleuchtender Materialien, stoßen sie mit den Molekülen in deren Schicht zusammen. Dabei übertragen sie ihre Energie an deren Elektronen. Die Moleküle geraten durch diesen Vorgang aus ihrem Grundzustand in einen energetisch angeregten Zustand. Sie geben die kurzfristig gespeicherte Energie beim Übergang in den Ausgangszustand wieder ab. Bei nachleuchtenden Materialien geschieht dies aber erst nach einer gewissen Zeit, weil der angeregte Zustand nachdauert und eine bestimmte Lebensdauer besitzt. Liegt diese bei nicht nachleuchtenden Materialien im Bereich einer Milliardstelsekunde, beträgt sie bei den nachleuchtenden mehrere Tausendstelsekunden bis hin zu einigen Sekunden. Das bedeutet, das hier die Rückkehr in den Grundzustand viel später stattfindet. Die winzigen Lichtteilchen, die auf mich gestoßen sind, leuchten also auch dann noch, wenn das ursprünglich eingestrahlte Licht schon lange wieder aus ist. So ist es möglich von der Wand zurückzutreten und den eigenen Schatten immer noch an der Wand zu sehen.

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Dieser Vorgang heißt Phosphoreszenz und die nachleuchtenden Materialien dementsprechend phosphoreszierende MaterialienDer Effekt des Nachleuchtens wird in unserem Alltag häufig benutzt. Dank phosphoreszierender Materialien können wir selbst im Dunkeln noch die Uhrzeit von einer Uhr oder den Hinweis auf einem Schild lesen. Es ist ein tolles Gefühl, den eigenen Umriss an die Mauer gebannt zu sehen und zu betrachten. Die dunkelgrauen Konturen an der Wand schaffen eine spannende, surreale Atmosphäre und tauchen das Zimmer des Museums in ein unwirkliches Empfinden. Ich hänge gespannt an meinem Ebenbild und mustere mein Schattenprofil. Mit dem schemenhaften Abbild vor mir passiert natürlich nichts. Ich bin ja in einem wissenschaftlichen Museum und nicht am Set eines Mysterythrillers. Starr und reglos blickt das Schattenbild zurück. Langsam verblasst die Silhouette auf dem rauen Untergrund, als wäre dort niemals mein Schatten eingefroren gewesen. Die wohlbekannten Züge schmilzen ein in die nachleuchtende graue Umgebung. Fast als wäre ein Bekannter zu Besuch gewesen und dann wieder gegangen. Einer, der immer da ist, aber den man trotzdem nie beachtet.

 


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