Los Angeles in 24 Stunden

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Los Angeles in Kalifornien ist wunderbar lebendig. Ich schlendere von meinem Hotel in Chinatown zum ältesten Teil der Stadt, der Olvera Street. Die belebte Straße bietet einen lohnenden Besuch der Ursprünge von Los Angeles, auch wenn diese nur spärlich vorhanden sind. 1930 wurde das Gebiet angelegt um das mexikanische Erbe Kaliforniens zu würdigen. Hier steht auch das älteste Haus der Stadt namens ‚Avila Adobe‘ aus dem Jahr 1818. Los Angeles wurde 1781 von spanischen Siedlern gegründet, also viel früher. Genau genommen waren dies 11 Familien, 44 Männer, Frauen und Kinder. Die engen Gassen und Gebäude durch die ich gerade spaziere stammen hingegen aus dem 19. Jahrhundert.Das Areal beherbergt eine wunderschöne Rotunde, eine überschaubare katholische Kirche und wird eingerahmt vom Blick auf den historischen Bahnhof von Los Angeles. Links vom farbenprächtigen Consulado de Mexico verläuft die rund 200m lange Straße immer kerzengerade fort. Diverse Verkaufsstände teilen die hübsche Fussgängerzone in zwei Gehstreifen. Ich quetsche mich durch die engen Wege. Den Kopf immer neugierig gereckt, um den gesamten Verkaufstrubel mit gezielten Blicken auszukosten. Die Nase im Wind, um die Gerüche der mexikanischen Speisen wie Tortillas und Tacitos aufzunehmen.

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Schon vormittags quillt der Platz über von den Touristenmassen. Ich halte mich an einem großen, weißen Steinkreuz vor der Kirche kurz fest um etwas Überblick zu gewinnen. Überall sehe ich nur die sehr überladen aussehenden Stände der Händler. In erster Linie kann man hier Taschen und Tücher erstehen. Meine Augen fliegen über die sich nähernde Menschenmenge. Es wird Zeit den vollen Platz zu verlassen. Ich setze mich auf eine himmelblaue Bank. Überall ein Schwall von Hüten, Taschen und Masken. Die Olvera Street wird als Geburtsstätte von Los Angeles bezeichnet. Heute sind hier traditionelle Restaurants und Läden mit mexikanischem Kunsthandwerk untergebracht. Dennoch hat die Straße für mich etwas furchtbar romantisches und verträumt historisches wie aus einer anderen Zeit. Daran können auch die Besucherhorden nichts ändern. Mariachi-Musiker zupfen am Straßenrand an ihren Gitarren und verstärken das Gefühl einer wohltuenden Entspannung. Tief atme ich den Duft der frischen Tortillas und heißen Churros ein. Die ganze Luft ist erfüllt von diesem Aroma.

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Obdachlose haben rund um die Arcadia Street ihre Zelte aufgebaut. Sie übernachten auf den Gehsteigen. Immerhin schlafen diese damit nicht direkt auf dem kalten Steinboden des Gehwegs. Das sauberste Viertel von los Angeles ist der Financial District. Hier gibt es so gut wie keine Bettler. Die Luft in den weitläufigen Straßen und zwischen den hohen Wolkenkratzern ist völlig frei vom Geruch ungewaschener Menschen und nie gereinigter Kleidung. Mein Spaziergang führt durch die mit Lampions geschmückten Straßen Little Tokios. Nach einer kurzen Fahrt mit der U-Bahn öffnen sich die Türen und ich betrete Hollywood. Die Buntheit dieses schrillen Viertels macht mich sprachlos. Wortlos stehe ich vor dem U-Bahn Ausgang und sehe mich um. Nach der Nüchternheit und Eleganz des Bankenviertels scheint mir der unterirdische Bahnschacht wie ein Tor zu einer anderen Welt. Die verrückte Dimension der Berühmtheiten und Dekadenz. Eine Gruppe Chinesen läuft an mir vorbei. ‚Jesus ist der Lord und Heiland‘ singt einer der Personen vor. Die Gruppe wiederholt den Passus monoton, inbrünstig, apathisch und beständig. Auch in Hollywood sieht man keine Obdachlosen. Vielleicht gehen diese aber auch im Trubel der vielen Menschen völlig unter.

Ständig zieht mir der Rauch von Gras in die Nase. Es scheint als hätten einige Passanten Joints angezündet. Ich kann diese jedoch schwer ausmachen, die Menschenmenge ist einfach zu dicht. In Kalifornien ist der Verkauf, Besitz und Konsum von Haschisch seit Januar 2018 auch ohne medizinische Indikation legal. Die Mehrheit der kalifornischen Staatsbürger stimmte in einem Volksentscheid im November 2017 für die Legalisierung. Auch Menschen aus anderen US-Staaten dürfen in Kalifornien Marihuana erwerben. Für medizinische Nutzer, die Cannabis bisher schon auf Rezept erwerben konnten, drohen durch die erlaubte Nutzung für alle finanzielle Nachteile. Die Droge wird mit 15% versteuert und dadurch etwa um ein Drittel teurer als bisher. Für das Jahr 2018 rechnet Los Angeles mit 50 Millionen Dollar Steuereinnahmen aus Cannabis-Verkäufen. Wer ein vom Arzt ausgestelltes Attest vorlegen konnte, durfte in Kalifornien seit 1996 die Droge bereits kaufen. Ab diesem Jahr darf das jeder, der 21 Jahre alt ist. Bis zu 28,5 Gramm Pot kann man dann besitzen und zu Hause bis zu sechs Marihuanapflanzen anbauen. Diese dürfen allerdings von außen nicht einsichtbar sein.

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Ziel der Legalisierung ist es, die Betreiber des hiesigen, riesigen Schwarzmarktes zu ermutigen, in das Rechtssystem einzutreten. In der Öffentlichkeit ist das Rauchen, wie auch bei Tabak, grundsätzlich verboten. Dieses Verbot schließt ein Umkreis von 300 Metern von Schulen und Kindertagesstätten ein. Ebenso darf während des Autofahrens nicht geraucht werden. Konsumiert werden kann in Verkaufsläden, die auch als Cannabis-Cafés oder Lounges bezeichnet werden.  Nur in drei Bundesstaaten, Idaho, South Dakota und Kansas, gelten noch strikte Marihuanaverbote. Neben den zahlreichen Apps, die sich hier immer stärker etablieren wie ‚High There!‘ (die Kiffer-Variante zu Tinder) und ‚SpeedWeed‘ (ein Unternehmen, das Marihuana-Produkte nach Hause liefert) gründen sich mehr und mehr Unternehmen, die auf den erfolgreichen, alternativen Verkauf von Gras abzielen. Die Marken ‚Lowell Farms‘ oder ‚Canndescent‘ bieten z. B. vermeintlich organisch-hippes Weed an.

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Der Rodeo Drive mit all seinen luxuriösen Geschäften ist ebenfalls völlig frei von Obdachlosen. Vor den Läden von Dolce & Gabbana oder Chanel betteln keine Menschen, obwohl hier doch eindeutig Geld zu holen wäre. Wahrscheinlich achtet Los Angeles penibel darauf dieses Viertel sauber zu halten. Wer möchte schon während er seinen Reichtum ausgibt an die permanente Armut in der unmittelbaren Nachbarschaft erinnert werden. Andererseits würde dann vielleicht der ein oder andere Dollar etwas lockerer sitzen. Meine Gedanken schweifen zum Abflug Morgen. Ich habe keine Ahnung wie ich ohne kanadischen ETA nach Deutschland kommen soll, weil ich in Toronto eine Zwischenlandung habe. Das Gegenstück zum amerikanischen ESTA-Antrag ist zur Ein- und Ausreise aus Kanada neuerdings nötig. Die Internetverbindung ist im Hotel zu schlecht um das Formular auszufüllen. Das Personal an der Rezeption ist zu unfreundlich um mir zu helfen. Ich habe zum Glück ein gesundes Urvertrauen. Ich verlasse mich einfach aufs Universum. Irgendwie wird es schon klappen. Und das tut es auch.

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