Bei den Waldriesen

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Ein kleiner Specht schlägt seinen spitzen Schnabel in den Baumstamm und zieht sich elegant an einem Ast entlang. Ich sitze auf einem abgesägten Baumstumpf und genieße mein Frühstück. Die Luft ist belebend und angenehm kühl. Auf dem Gras des Waldbodens liegt der frische Morgentau. In zierlichen Tropfen perlt dieser langsam von den schmalen Grashalmen. Die eisige Luft einzuatmen macht augenblicklich lebendig. Über den Felsgipfeln der Yosemite Falls liegt ein zwielichtiger dichter Nebelteppich und hüllt die steinerne Bergspitze in ein hauchfeines gräuliches Tuch. Das klare Wasser am Fuß der Wasserfälle plätschert reisend dahin und sucht sich seinen Weg über die bunten Steine im Flussbett. Kleine Eichhörnchen turnen durch die Äste der Ahornbäume und Tannen in der Umgebung. Neugierig recken diese ihre kleinen Gesichter in den neu beginnenden Morgen. Ohne Eile löffle ich meinen Joghurt in der kalten Umgebung.

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Auf dem Weg nach San Francisco halten wir im Muir Woods Nationalpark. Wir waren völlig unbedarft losgefahren und hatten vermutet es würden ausreichend Parkplätze für Besucher zur Verfügung stehen. Leider musste man sich seinen Parkplatz vorab im Internet reservieren. Ungläubig sehe ich meinen Freund an. Mein Blick spricht Bände. ‚Das ist echt Mist.‘ sage ich dann. In der Umgebung des Parks gibt es kein Internet um sich den nötigen Stellplatz schnell zu buchen. Und selbst wenn, gäbe es erst in drei Stunden wieder freie Plätze. Dass in einer Metropole wie San Francisco so schlecht organisiert wird, ist enttäuschend. Ich ziehe die Autotür auf. Mein Partner bleibt im Wagen und holt mich in einer Stunde wieder ab. Mit offenem Mund lege ich den Kopf in den Nacken. Beeindruckt gleitet mein Blick an der knorrigen, rissigen Borke der massigen Sequoiastämme entlang. Es bräuchte mindestens 4 Lisas um einen der gewaltigen Bäume zu umarmen. Ich betaste die morsche Rinde mit den vielen unregelmäßigen Rillen, die das mächtige Alter der Mammutbäume erahnen lassen. Die Oberfläche ist rau und zerfurcht wie das Anlitz eines Greises. In diesem Moment fühle ich mich unscheinbar und winzig klein. In beachtlicher Entfernung schaukeln die ausladenden Äste der Baumkronen im sanften Wind. Sie trennen den Waldboden von jedem Lichtstrahl und tauchen meine Gestalt in einen wohltuenden kühlen Schatten.

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Fast wehmütig kehre ich nach der Stunde wieder zurück zum Parkplatz. Ich hätte gerne mehr Zeit gehabt die stummen Riesen zu betrachten. Zu schön war das Gefühl sich einfach einmal als völlig unscheinbar und bedeutungslos wahrzunehmen. Es hatte eine erholsame Einsicht, wenn man die für einen selbst so bedeutsamen Probleme als absolut unwichtig fühlen kann. Über die Golden Gate Bridge fahren wir nach San Francisco. Unter uns ziehen die ruhigen Wellen des Pazifik dahin. Das Wasser ist durch die rote Stahlkonstruktion kaum zu sehen. Meine Erinnerungen hängen bei meiner Oma, deren Englisch eher als schlecht einzuordnen war. Den Namen der Brücke hatte sie daher wie geschrieben ausgesprochen und auch das e bei ‚Gate‘ betont. Ich muss lächeln. Leider ist meine Großmutter schon seit 30 Jahren tot. Sie starb als ich noch klein war.

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Was mir in den Straßen wieder einmal auffällt sind die vielen Obdachlosen. In der Hydestreet läuft ein Mann über die Straße und singt lautstark. In Pappkarton und alte Decken gehüllt liegen Frauen, Männer und Kinder auf den Gehsteigen. Ein Mann mit löchrigem, abgetragenem Hemd und Hosen wühlt im Abfalleimer nach Pfandflaschen und Essensresten. Sein Blick ist unstet und entrückt. Schwarzer Dreck klebt unter seinen Fingernägeln und auf dem Rücken seiner Hände. Die Begegnung mit den vielen Bettlern ist ein Schock. Die Menge der Menschen ohne Dach über dem Kopf ist einfach zu groß. In gefühlt jede Hausnische und jeden Türeingang kauern sie sich. Ihre wenigen Habseligkeiten sind in Plastiktüten verpackt. Die allgegenwärtige Armut in dieser Stadt trifft mich mit Wucht und Härte ohne das mein Blick Zeit hat dem zu entfliehen. Den hilflos gestrandeten Existenzen kann man im ansonsten schönen San Francisco nicht entkommen. Sie sind immer da. Unter den Städten in den USA hat die kalifornische Großstadt den höchsten Bevölkerungsanteil an Obdachlosen.

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Grund für die vielen Menschen, die auf der Straße leben, sind die immer wieder ansteigenden Mieten der Stadt. Technologiekonzerne wie Twitter oder Google beschäftigen Mitarbeiter innerhalb des Silicon Valley mit extrem gut bezahlten Gehältern. Für Normalverdiener werden die Appartementpreise unerschwinglich. Ganze Familien landen so plötzlich in der Armut. Der Durchschnittspreis für eine Wohnung liegt bei ca. 3770 Dollar. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen wegziehen – oder eben obdachlos werden. Anfang des Jahres wurden die Bettler sogar mit dafür entworfenen Robotern vertrieben. Ironischerweise nahm eine Tierschutzorganisation die Maschinen in Betrieb. Der „K9“ wiegt etwa 200 Kilo und ist mit vier Kameras ausgestattet. Diese können Autokennzeichen lesen und auch Menschen erkennen. Wird verdächtiges Verhalten oder etwas ungewöhnliches erspäht, ruft der Roboter Verstärkung in Form von Sicherheitskräften. Ebenso löst er ein Warnsignal aus, das die Polizei alamiert. Die Geräte fahren selbstständig durch festgelegte Zonen und sollen mit bestimmten Signalen Obdachlose vertreiben. Inzwischen wurden die Roboter wieder verboten. Für jeden weiteren Tag, an dem der Roboter auf öffentlichen Gehwegen gesichtet wird muss man Strafen in Höhe von bis zu 1.000 Dollar zahlen. Die Stadt San Francisco gibt Jahr für Jahr Millionen von Dollar für die Obdachlosen aus. Es wurden Streetworker eingestellt, die sich um die Menschen auf der Straße kümmern sollen. Die meisten der Vagabunden wollen allerdings mit niemandem reden und einfach in ruhe gelassen werden. Solange es sich nicht um einen Notfall handelt sind den Streetworkern daher die Hände gebunden.

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Es sieht nicht gerade schön aus, wenn man durch San Francisco geht und öfter als in anderen Städten dieser Welt, immer wieder die Obdachlosen zusammen gekauert am Boden sitzen sieht. Sie blicken auf den Pappbecher, der vor ihnen steht und warten darauf, dass jemand etwas dort hinein wirft. In der Stadt des Lichts leben unzählige Menschen auf der Schattenseite. Manchmal brabbeln sie unverständliches Zeug vor sich hin. Viele sind psychisch krank. Oft betäuben sie sich mit ein paar Dosen Billigbier. Von staatlicher Seite können sie keine Hilfe erwarten. Ronald Reagan, der von 1967 bis 1975 in Kalifornien Gouverneur war, strich sämtliche staatliche Förderungen für psychisch Kranke und schloss alle subventionierten Psychiatrien. Mit ihren Problemen sind die Menschen allein gelassen. Oft kommen Drogen und Alkohol ins Spiel, wobei man nie weiß, was zuerst da war: die Obdachlosigkeit oder die Sucht – ein Teufelskreis. San Francisco ist sich des Problems bewusst. Seit 2017 investiert man in den Neubau von Mikrowohnungen für Obdachlose. Leider werden diese Wohnungen von den auf der Straße lebenden Menschen nicht wirklich angenommen. Für die meisten Amerikaner gehören die Obdachlosen einfach zum Bild ihrer Stadt. Machen wir’s doch wie sie, helfen wir den Heimatlosen ein wenig wenn wir in den USA im Urlaub sind. Denn wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir, dass wir für jede Menge unnütze Dinge auch das Geld ausgeben würden. Hast Du mal nen Dollar?


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