Die erste Nacht in der Wildnis

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Mit in der Luft rudernden Armen renne ich die Sanddüne runter. Nicht so schnell wie ich könnte. Dafür etwas eleganter als es bei höherer Geschwindigkeit vermutlich ausgesehen hätte. Dann erklimmen wir den nächsten Hügel dieser Miniwüste im Death Valley Nationalpark. Meine Turnschuhe sinken tief in den graugelben Sand. Die heißen Strahlen der Mittagssonne brennen sich unerbittlich in jede Stelle meines Körpers, die nicht mit Stoff bedeckt ist. Bei dieser Hitze ist das Aufsteigen auf die Dünen eine echte Plackerei. Nach wenigen Schritten rinnen mir bereits kleine Schweißperlen von der Stirn über den Hals. Die Tropfen suchen sich lautlos ihren Weg bis zu den schmalen Trägern meines Tops. Haltlos versinken diese im bereits nass geschwitzten Stoff. Mein Mund ist trocken. Die heiße Luft über den Mesquite Flat Sand Dunes brennt sich beim Einatmen schmerzhaft in meine Lungen. Ich wechsle mich ab zwischen Luft anhalten und hektischen Atem. Mein Gewicht drückt mich immer wieder in den rutschigen Untergrund. Beim Aufstieg verliere ich das Gleichgewicht und  stütze mich mit beiden Händen vor dem Fallen ab. Witzigerweise kann man beim Herabrennen auf keinen Fall umfallen. Beim Anstieg schon.

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Ein frischer Windhauch weht die kleinen Sandkörner über das unebene Areal. Wie bewegte Bilder aus einem Kaleidoskop formieren sich die Grau-, Weiß- und Gelbtöne immer neu. Jede neue Windboe schafft so für Sekunden ein besonderes Gebilde. Leichte Sandkieselchen rieseln über meine Haut als ich auf dem weichen Boden Platz nehme. Es ist kein Tourist zu sehen. Dazu sind wir zu weit in die Umgebung hinaus gelaufen. Ich fühle mich fast wie im Ägyptenurlaub in der Wüste von Gizeh. Allerdings ohne die Pyramiden. Der kühle Wind tut mir gut. Eine angenehme Kälte streift für einen kurzen Moment über dieses heiße Land und hilft dem wenigen was hier leben kann zu existieren. Weiß und wie festes Gestein erheben sich unregelmässig schneeweiße Salzstellen aus dem rieselnden Sand. Ich schmecke das salzige Aroma der Umgebung auf meinen Lippen und auf meiner Haut bildet sich ein trockener Salzfilm. Die winzigen Tierspuren der letzten Nacht sind auf dem Untergrund noch erkennbar. Kleine Pfotenabdrücke oder das konstante Rinnsal eines hinterher ziehenden Schwanzes. So lange bis am nächsten Morgen die Touristen kommen und alles zertrampeln. Ich schaue auf meine Schuhsohlen, an denen inzwischen so ziemlich jede Substanz des Nationalparks klebt. Weißes Salz, gelber Sand und kleine braune Steine.

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Auf dem Weg zum Yosemite Nationalpark halten wir am Monolake an. Durch hohes Schilf bringt uns ein kleiner Pfad zum türkisblauen Wasser. Am fernen Seeufer taucht der Schatten einer Wolke das Grün der Grasflächen in einen dunklen Fleck. Das Krächzen der Möwen dringt zu uns herüber. Mit ihren kleinen Krallen wirbeln diese den Seegrund auf der Suche nach Nahrung auf, um sogleich mit ihren Schnäbeln das schwimmende Futter aufzugreifen. Am Horizont verlieren sich wilde Felsformationen im azurblauen Dunst des sonnigen Mittags. Die Berge entlang unserer Strecke sind mit einzelnen Tannen bewachsen und geben in ihren Zwischenräumen die Sicht auf glitzernde dunkelblaue Seen und schroff geschliffene graue Felsen frei. Kleine Erdmännchen spielen im frischen Tau der Wiesen. Schneebedeckte Berghöhen umrahmen dieses wunderbare Stilleben in einer paradiesischen Harmonie und Gelassenheit. Es wird merklich kälter. Auf dem Tioga Pass sind es gerade mal 12° C. Ich ziehe den Saum meines Mantels zusammen. Schilder mit einem lächelnden Wanderer laden inmitten der moosgrünen Wälder zu Spaziergängen ein.

Über unserem Cabriolet schwebt eine Kumuluswolke mit dickem, dunkelgrauem Bauch. Es wird bald regnen. Ein eisiger Wind bläst in unser Verdeck je höher wir kommen. Wir lassen die Tannenwälder und wild reißenden Flussströmungen am Wegesrand zurück und unser Blick begegnet mehr und mehr schroffen Felsformationen. Selbst auf dem festen Gestein haben die wuchtigen Tannen ihre Wurzeln in die Erde getrieben. Wild schäumend stürzen Wasserfälle an den Bergen hinab. Die weiße Gischtkrone des aufprallenden Wassers peitscht unkontrolliert gegen den steinernen Grund. Von den Naturgewalten scheinbar mühelos umgeknickte Bäume liegen zersplittert im Wald zerstreut. Hilflos recken sich die kahlen Äste matt in den azurblauen Himmel. Der Asphalt der Straße glitzert in der Nachmittagssonne als würden fortwährend winzige Glühwürmchen darauf tanzen. Eine kühle Windbö zaust mein Haar und reißt einzelne Strähnen aus meinem Zopf. Eine leichte weiße Schneedecke ziert hin und wieder den moosigen Waldboden. Der Abgrund zur Straßenseite ist durch keine Absperrung von uns abgetrennt. Spitz und scharf fallen die Felsen hinab ins Yosemite Valley.  Nadelnde Tannegerippe säumen den Stein und verlieren sich in den grünen Hügeln am Horizont.

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Wir passieren ein völlig baumloses hügeliges Areal. Die zartgrünen Blätter der üppigen Büsche recken sich fast bis zu unserem Auto. Unschuldige weiße Knospen sitzen auf den jungen Zweigen. Waldbrände haben den Wald hier teilweise absterben lassen. Einzelne Baumstümpfe ragen trist und einsam aus dem rutschigen Boden. In unserem Zelt auf einem Campingplatz mitten im Nationalpark gibt es ein richtige Metallbettgestelle mit Matratzen. Damit die Bären der Umgebung nicht in unser Zelt kommen, schließen wir alle Vorräte, die wir nicht zum Grillen brauchen, in eine Metallbox vor dem Zelteingang ein. Im Zelt ist es furchtbar kalt. Die Wände sind klamm und überzogen vom frischen Tau der Wälder. Ich schließe den Reißverschluss meiner Jacke. Die Kohle auf unserem Grill liegt viel zu tief. Mit Stöcken schieben wir diese zusammen, damit sie endlich unser Grillgut erreicht. Immerhin verjagen der Rauch und die Funken der glimmenden Scheite die vielen Moskitos. Ich rutsche daher dichter zum Feuer. Der Wind dreht und der undurchdringliche Qualm zieht in mein Gesicht. Ich huste.

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In dieser Nacht schlafe ich unruhig. Ich träume von einem Bärenangriff und schrecke hoch. Mein Freund streicht mir beruhigend übers Gesicht. Eigentlich würde ich gerne Bären sehen. Ich denke, das würde ein schönes Video ergeben. Andererseits glaube ich kaum, dass Meister Petz so gern mit mir Arm in Arm posieren würde. Also wäre Abstand halten und sich unauffällig geben wohl das Beste. Mit einem dumpfen Plopp landet ein Regentropfen auf dem Stoff meines Schlafsacks. Ich schaue nach oben und setze mich wieder abrupt auf. Mein erstes Mal zelten nach meiner Pfadfinderzeit vor 20 Jahren und gleich ein undichtes Dach. Ich lege mich wieder hin. ‚Plopp‘ tropft es immer wieder von der Decke. Ich muss ins Bad und schlage den Schlafsack beiseite. Eine Hand hält mich auf. ‚Ich gehe mit Dir.‘ sagt mein Freund. ‚Ich finde das schon.‘ versichere ich. Er glaubt mir nicht. Erstaunlich wie gut er meinen Orientierungssinn einschätzen kann. Müde und schlaftrunken schleppen wir uns nach draußen. Die Gemeinschaftduschen sind zwar nicht weit. Aber es ist dunkel und alle Zelte sehen gleich aus. Ich bin froh und dankbar, dass er mit mir geht. Den Rest der Nacht schlafe ich durch. Meine erste Nacht in der Wildnis habe ich bestanden.


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