Ein Schloss für einen Komponisten

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Ein feiner Nebel liegt auf den Bergspitzen. Wie ein grauer durchscheinender Teppich wallt der sanfte Hauch um die Giebel des Schlosses. Die spitzen Türmchen ergeben sich schwach entschlossen dem zarten Dunst und sind für mich nach kurzer Zeit schon nicht mehr sichtbar. Leise und stetig tröpfelt der Regen auf meine leichte Jacke. Die Feuchtigkeit läuft in überschaubaren Tropfen an meinem Hals entlang und saugt sich klamm in den Stoff der dünnen Jeansjacke. Ich habe weder Schirm noch Regenjacke dabei. Doch der Anblick des Märchenschlosses drängt die Nässe in den Hintergrund. Ich ziehe den Stoff meiner Weste zusammen. Ein leichtes Frösteln bleibt zurück. Ich stehe in einer angenehmen Isolation. Mein Auto ist das Einzige auf der Straße, die Umgebung ist verlassen und menschenleer. Auf dem Berg vor mir thront Neuschwanstein. Die aufziehenden Nebelschleier verleihen der Szenerie etwas magisches und verwunschenes.

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1,5 Millionen Touristen besuchen die im 19. Jhd. erbaute Burg jährlich. Ich drängle mich durch Massen von Japanern und weiche den von Zeit zu Zeit hochschnellenden Fotoapparaten aus. Neuschwanstein wird in kleinen gruppen zu festgelegten Zeiten besichtigt. Die traumhafte Anlage gestaltete Ludwig II. als bewohnbare Theaterkulisse. Die Ausstattungen und Dekorationen aller Räume sind den vielen Werken Richard Wagners gewidmet, der das Schloss allerdings nie betreten hat. Ludwig wollte das Schloss eigentlich niemals der Öffentlichkeit zugänglich machen. Dennoch wurde es schon sechs Wochen nach seinem Tod für Besucher geöffnet. Durch den Bau seiner Paläste verschuldete sich der König stark. Mit den Eintrittsgeldern wurde ein Teil der Kredite abbezahlt. Die beiden Weltkriege überstand das abgelegene Schloss ohne Zerstörungen.

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Das langgezogene Bauwerk ist mit zahlreichen Türmen, Ziertürmchen, Giebeln, Balkonen, Zinnen und Skulpturen versehen. Es wurde als romantisches Ideal einer Ritterburg entworfen. Für eine Burg typische Merkmale wurden zwar aufgegriffen, auf echte Verteidigungsanlagen wurde aber verzichtet. 13:30 Uhr. Meine Besuchergruppe betritt das Torhaus, das von zwei gleichmäßigen, stämmigen Treppentürmen gerahmt wird. Die ganze Schlossanlage ist überaus symmetrisch angelegt. Die Gestaltung verströmt eine wohltuende Ästethik und Harmonie, weil diese Ausgeglichenheit dem Auge des Betrachters schmeichelt und gut tut. Täglich arbeiteten rund 200-300 Handwerker am Bau der Burg. Zum Zeitpunkt des Todes von Ludwig II. im Jahre 1886 war das Schloss nicht vollendet. Über 200 Innenräume hätte der gesamte Besitz umfassen sollen. Fertiggestellt und ausgestattet wurden nur rund 15 Zimmer und Säle.

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Vom Vorplatz des Schlosses, der mit Malereien altnordischer Sagengestalten verziert betreten wir den zweitgrößten Raum der Burg, den Thronsaal. Der gesamte Raum ist wie eine Kapelle gestaltet und mit religösen Gemälden dekoriert. Ludwig II sah sich nicht nur als König von Gottes Gnaden, sondern auch als Mittler zwischen Gott und der Welt in ihrer Gesamtheit. Die Farbenpracht der Wände und goldenen Verzierungen blenden die Augen. Ich halte den Atem an. Diese Räume sind so entrückt von dieser Welt, dass man sich eher wie in einem Paralleluniversum fühlt als in Oberbayern. Mein Blick gleitet über die vielen Bilder, die in einer Buntheit leuchten, als wären diese nicht real. Das kann nicht echt sein. Neugierig auf der Suche nach einem Beweis fasse ich an die Wände. Der kühle Stein unter meinen Fingern holt mich in die kalte Wirklichkeit zurück. Andächtig schleichen wir weiter durch das Schloss. Ich versuche jedes farbenfrohe Detail, jede noch so kleine Dekoration in mich aufzunehmen. Diese überbordende und überwältigende Schönheit möchte ich gerne in meinen Gedanken mit nach Hause nehmen.neuschwanstein-537034_1920.jpg

Überall ist das Wappentier des Königs eingearbeitet. In die Vorhänge und Sitzkissen sind Schwäne eingestickt. Selbst im Schlafzimmer des Königs ist der Wasserhahn einem Schwanenkopf nachempfunden. Durchschreitet man das Wohnzimmer steht man in einer kleinen Grotte, die sich mitten im Schloss befindet. Ein Bühnenbildner schuff hier eine künstliche Tropfsteinhöhle, die farbig beleuchtet werden konnte. Ursprünglich sprudelte hier auch ein kleiner Wasserfall. Dieser ist heute leider schon lange versiegt. Von der Grotte aus gelangt man durch eine im Felsen versenkbare gläserne Schiebetür in den Wintergarten. Seine großflächigen Glasscheiben bieten einen wunderschönen weiten Blick auf das gesamte Alpenvorland. Eine größere Grotte befindet sich auch in der Parkanlage von Schloss Linderhof. In ihr befindet sich mitten in der Tropfsteinhöhle ein seichter See mit einer geschmückten Gondel darin. Dieser Bau ist die königliche Villa von Ludwig II, ein überschaubares Palais und das kleinste seiner gebauten Schlossanlagen. Über 400.000 Menschen besuchen das modern ausgestattete Palais jährlich. Im Speisezimmer gibt es einen mechanisch absenkbaren Tisch. Dieser wurde in der Küche gedeckt und mit den Speisen wieder ins Esszimmer hochgekurbelt.

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CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=161302, Foto by Softeis_commonswiki

Wir betreten den größten Raum von Schloss Neuschwanstein, den Sängersaal. Dieser zieht sich über das komplette vierten Obergeschoss. Eine Seite des Raums wurde mit Themen aus Lohengrin und Parzival ausgeschmückt, beides Opern von Richard Wagner. Der König verehrte den Komponisten in jeglicher Hinsicht und widmete ihm das gesamte Schloss. Als direkte Vorlagen für die Ausgestaltung dienten jedoch nicht die Bühnenwerke Wagners, sondern jene Sagen des Mittelalters, auf die auch der Komponist zurückgegriffen hatte. Das weitläufige Zimmer war nie für Hoffeste vorgesehen. Ludwig II war ein menschenscheuer König, der sehr zurückgezogen lebte. Auf repräsentative Bedürfnisse vergangener Zeiten, als sich das Leben eines Monarchen noch weitgehend öffentlich abspielte, legte Ludwig II. keinen Wert. Der König errichtete Schloss Neuschwanstein nicht als Repräsentationsbau oder zur Machtdemonstration, sondern ausschließlich als seinen privaten Rückzugsort. Im krassen Gegensatz dazu steht die heutige Bedeutung des Schlosses als eines der wichtigsten Touristenziele Deutschlands. Wie kein anderer Bau zeugt Neuschwanstein von den Idealen und Sehnsüchten Ludwigs II. Hier flüchtete sich der König in eine Traumwelt – die poetische Welt des Mittelalters. In den Wandbildern des Schlosses werden Geschichten um Liebe, Schuld, Buße und Erlösung thematisiert. Könige und Ritter, Dichter und Liebespaare bevölkern die Räume.

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Als ich wieder auf den Parkplatz von Schloss Neuschwanstein stehe, reißt der Himmel vollends auf. Eine Wasserflut ergießt sich auf mich und mein Auto, ein richtiger Regensturm zieht auf. Ich öffne die Wagentür, der durchdringende Geruch von Feuchtigkeit und nasser Erde zieht in meine Nase. Ich ziehe die Frische der Natur tief ein. Die dunkel aufziehenden Wolken hauchen schwarze Schatten auf die Türme des Schlosses. Grelle weiße Blitze erhellen die kleinen Giebel und Erker. Die Szenerie ist so märchenhaft und mysteriös, dass ich ungläubig die Augen aufreiße. Alles ist merkwürdig still bis auf das leise und gleichmäßige Prasseln der Regentropfen auf das Autodach. Wenn jetzt ein paar Feen durch die graue Nässe der Umgebung schweben würden, ich würde mich kaum wundern. Dieses Bild ist wie geschaffen für Faune und Elfen. Langsam drehe ich den Autoschlüssel im Schloss. Die Realität hat mich wieder.

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