Auf dem Sofa eines Musikers

Schwerfällig öffnen sich die Türen des Zuges. Müde taumele ich aus der Bahn. Mein kleiner Handgepäckkoffer springt über das unebene Pflaster des Bahnsteigs und zieht polternd hinter mir her. ‚Wann kommst Du, bist Du schon in der Nähe?‘ die Neonbuchstaben auf meinem Handydisplay zeichnen sich klar gegen den dunklen Hintergrund ab. Schemenhaft schleichen die Schatten der Häuser durch die dunklen Straßen. Gelegentlich verschwimmen diese mit dem grellen Licht einer Straßenlaterne und tanzen über den grauen Bordstein. Nur die Fahrgeräusche weniger Autos zerreißen die nächtliche Stille. Die Fußgängerzone vor mir liegt düster und menschenleer da. Ich bin allein. Neugierig hebe ich den Kopf und blicke suchend die Straße entlang. Die Zugfahrt nach Paderborn hat über 4h gedauert. Um mich herrscht eine undurchdringliche Finsternis. Es ist bereits mitten in der Nacht. Erst im Abteil war mir aufgefallen wie lange eine solche Fahrt nach einem zermürbenden Arbeitstag ist. Mein Körper und Geist fühlen sich unheimlich müde an. Ich sehne mich nach einem Bett, um am liebsten sofort einzuschlafen. Oder besser gesagt, nach der Couch, die ich hier gemietet hatte.

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Unerbittlich drückt mein Zeigefinger auf die Klingel. ‚Hallo‘ meldet sich eine schwache Stimme. ‚Ich hab Euer Sofa gemietet.‘ sage ich übermäßig laut, damit der Besitzer der Couch am anderen Ende der Sprechanlage mich auch versteht. Mit einem metallischen Summen öffnet sich die Tür. ‚Meine Freundin schläft schon.‘ sagt der sympathische junge Mann, der mich einlässt. ‚Sie fährt morgen ganz früh mit ihrer Familie an die Nordsee.‘ erklärt er mir. ‚Und Du?‘ will ich wissen. ‚Begleitest Du sie nicht?‘. Die Vorfreude entlädt sich auf seinem Gesicht mit einem breiten Grinsen. ‚Ich komme einen Tag später nach. Ich habe Morgenabend noch einen Gig mit meiner Band.‘ erklärt er mir. Ich bin in der Wohnung eines Musikers gelandet. ‚Machst Du das hauptberuflich?‘ erwartungsvoll sehe ich ihn an. ‚Nein.‘ er schüttelt den Kopf ‚es gibt nichts Größeres für mich als auf der Bühne zu stehen. Ich bin der Sänger meiner Band. Aber ich studiere BWL. Ich habe mich gegen die Musik und für meine Freundin entschieden. Sie will Kinder und Familie. Da ist der brotlose Musikerberuf nicht das richtige.‘ seine Augen glänzen als er über die Musik spricht. Dennoch liegt in seiner Stimme ein Hauch von Bedauern und Melancholie.

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‚Ok. Verstehe.‘ murmle ich. Eigentlich begreife ich aber nicht. Sein Ideal aufgeben für jemand anderen? Kann das gesund sein? Vermutlich wären die beiden kein Paar, wenn der junge Musiker sich anders entschieden hätte. Durch die Berufswahl hätte das Mädchen keine Basis, die ihr Sicherheitsbedürfnis stillt. Das leuchtet mir ein, denn ich bin ähnlich gestrickt. Selbstständigkeit könnte ich mir deshalb nie vorstellen, weil die Ungewissheit der Einkommensverhältnisse schwer auf meinem Alltag lasten würde. Die Menschen sind eben unterschiedlich und das ist auch gut so. Aber was, wenn der junge Mann vor mir seine Entscheidung nach einiger Zeit bereut? Weil er eingesehen hat, dass es hoffnungslos ist, sich für jemand anderen zu verbiegen. Ebenso wie es keinen Sinn macht dem Partner seine Meinung und Lebenswünsche aufzuzwingen. Ich denke an eine meiner Beziehungeen, die mir genau aus diesem Grund im Gedächtnis geblieben ist. Selten habe ich so einen ungesunden Umgang zwischen zwei Menschen erlebt wie in diesen wenigen Monaten. Es jemand anderem Recht machen zu wollen gegen die eigenen Bedürfnisse kann eine seelische Tortur sein. Für beide Seiten. Aber diese Lektion muss jeder für sich selbst lernen.

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Vielleicht hat die Musik ja doch keinen übermäßigen Stellenwert im Leben des jungen Sängers und die Zukunft meiner Gastgeber wird sehr positiv laufen. Eine prägende Erfahrung wird dadurch allemal erstehen. Und wenn es nur die Gewissheit am Ende ist, dass man sich für jemand anderen auf Dauer nicht verstellen kann. Und dass es gut ist,  wie man ist. Selbstakzeptanz lernen und die Zuversicht, dass man in erster Linie eine Verpflichtung sich selbst gegenüber hat. Dieses positive Gefühl kann man dann auch an andere weitergeben. Hat man diese emotionale Weisheit erst einmal verinnerlicht, findet man mit Sicherheit auch die besondere Person, die genau zu einem passt. Den Menschen für den man keine schauspielerischen Künste an den Tag legen muss. Der einen so akzeptiert und sein lässt, wie man ist. Mit einem herzlichen Händedruck wünsche ich meinem Gastgeber viel Erfolg für sein Konzert.

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Paderborns Schönheit und Zauber lebt durch die Überschaubarkeit der Stadt. Die Pader durchzieht mit kleinen Quellläufen das Stadtzentrum. Der Fluss ist nur 4Km lang und der kürzeste in ganz Deutschland. Ich schlendere am träge plätschernden Wasser entlang zum Schloss Neuhaus. Die kleine Großstadt Paderborn ist schnell entdeckt. Leise glucksend ziehen die Wellen des Flusses dahin. Grünlich schimmert das Wasser wie ein schwimmender Teppich aus sattem Moos. Die Sommersonne streichelt mein Gesicht und das leichte Rauschen des Blätterdaches über mir unterstreicht die frische über dem Wasser tänzelnde Brise. Strähnen lösen sich aus meinem Pferdeschwanz und fliegen über meine Wangen. Ich genieße das warme Gefühl der Sonnenstrahlen und schließe sanft die Augenlider während mein Spaziergang mich am Fluss entlang bis hin zum kleinen Wasserschloss führt. Für den dort stattfindenden Weinmarkt bin ich ein paar Stunden zu früh. Alle Buden sind noch geschlossen. Gemächlich schlendere ich den Weg durch die grüne Natur zurück zum Bahnhof.

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Ich fahre mit dem Zug nach Soest. Die engen verwinkelten Gassen der Altstadt geben bald den Blick auf das Rathaus frei. Ein Brautpaar steht davor und duckt sich unter den fliegenden Reiskörnern hinweg. Zu beiden Seiten des knallroten Gebäudes stehen knallrote Feuerwehrwagen. Die Feuerwehrskollegen stehen um das Hochzeitspaar Spalier in schicken Berufsuniformen. Ihre Löschfahrzeuge vor dem Standesamt bedeuten heute nur Gutes, sind sie doch sonst eher ein Omen für ein Unglück. Mit einer Handpumpe löschen die frisch Vermählten ein kleines Feuer auf den unregelmäßigen Steinen des Kopfsteinpflasters. Der Mann pumpt und die Frau hält den Wasserschlauch in der Hand. Kurz schlagen die Flammen im Kampf gegen die drohende Vergänglichkeit um sich. Mit einem Zischen erlöscht das letzte Flackern. Dann liegt sich das Brautpaar lächelnd in den Armen. Die Kapelle der freiwilligen Feuerwehr setzt ein. Der musikalische Marsch setzt die Gäste in Bewegung und alle steuern auf den Ratskeller zu.

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Ob die Braut so angetan war, dass diese ein Feuer löschen musste und alle Kollegen ihres Mannes bei der Trauung dabei waren? So ein Fest kann ja leicht den finanziellen Rahmen sprengen. Im Grunde gehört aber eben auch der Beruf des Partners zum Menschen mit dazu. In Erwartung auf die eintretende Stille lasse ich mich auf einen der Stühle des Ratskellercafes fallen. Und wieder geht es auch hier um gemeinsame Kompromisse, wie in jeder Beziehung. Ich betrachte die sich mit feierlicher Miene entfernende Prozession, die die chaotische Menschenmenge zu formen versucht. Gereinigt vom Besucherauflauf des Brautpaares wirkt der Platz nun menschenleer und fast einsam. Ich begrüße die willkommene Isolation und bestelle ein Glas Wein. Ob ich wohl jemals heirate? ‚Bis dass der Tod Euch scheidet‘ erscheint mir ziemlich lang. Nachdenklich nippe ich an meinem Glas. Vielleicht. Mit den richtigen Zugeständnissen und einem Ehevertrag.

 

 

 


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