Freigeist trifft auf Selbstzerstörung

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Regen setzt ein. Feine Tropfen schweben unbarmherzig auf uns herab und hinterlassen einen kalten Film auf unseren Gesichtern. Klamm zieht die Feuchtigkeit in den Saum meiner Jacke. Ich schlage den Kragen des Mantels nach oben und halte mit beiden Händen den Stoff fest. Der Wind peitscht eisig durch die schmalen Gänge zwischen den Gräbern. Ein kühler Hauch raschelt in den Baumwipfeln der Kastanienbäume und wirbelt einzelne Blätter durch die steinernen Gassen. Die Gehwege sind gesäumt von rosanen Blütenknospen. Grau und stumm ragen die Grabsteine in den ebenso grauen dunklen Himmel. Manche Gedenksteine sind durch die Witterung der Zeit fast schwarz gefärbt. Ein dicke Schicht dunkelgrünes Moos überzieht die alten Friedhofsteine wie ein dicht gewebter samtiger Teppich. Feucht zieht die Verwitterung in jeden Spalt des Gräberfelds. Die Ruhe der Vergänglichkeit lastet schwer und erdrückend auf den alten Mauern. Auf dem Cimetière du Père-Lachaise in Paris liegen viele bedeutende Persönlichkeiten wie die Komponisten George Bizet und Frederic Chopin oder der Schriftsteller Oscar Wilde. Ich entziffere die teilweise kaum lesbaren Inschriften auf den altertümlichen Ruhestätten. Die kalte Einsamkeit und Isolation des Todes umgibt uns.

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Kein Grab auf diesem Friedhof wird so kontinuierlich von Touristen frequentiert wie das von Jim Morrison. Das meistbesuchte der 70.000 Gräber des Père Lachaise. Bis zu 1,5 Millionen Touristen besuchen den Grabstein pro Jahr. Der Frontsänger der ‚Doors‘ starb 1971 an einem gefährlichen Gemisch aus labiler Gesundheit, jahrelangen Alkoholexzessen und einer Überdosis Heroin in seiner Wohnung in Paris. James Douglas Morrison wurde 1943 in Florida geboren. Er war der Sohn eines Marineoffiziers. Sein Vater hatte das Kommando auf einem Flugzeugträger, der eine wichtige Rolle bei den Kampfhandlungen im Vietnam-Krieg spielte. Jim besuchte seinen Vater auf diesem Schiff. Familie Morrison war streng katholisch und bestrafte auch die kleinsten Verfehlungen ihrer Kinder mit religiöser Strenge. Jim galt als kreatives, aber eigenbrötlerisches und rebellisches Kind. Seine Eltern brachten nur wenig Verständnis für seinen Charakter auf. Mit zunehmendem Alter verstand Morrison sich immer weniger mit seine Eltern, schließlich kam es zum vollständigen Bruch. In den letzten sechs Jahren seines Lebens hatte er keinen Kontakt mehr mit ihnen.

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Seine Songtexte waren von den damaligen banalen Liebesliedchen der Popindustrie in den 60er Jahren weit entfernt. Er wollte immer Dichter werden. Rocksänger wurde er nur aus Gelegenheit und um seine Texte besser präsentieren zu können. Dazu gründete der Student 1964 zusammen mit seinem Kommilitonen Ray Manzarek die Band mit dem Namen ‚The Doors‘. Jim war durch das permanente Umziehen der gesamten Familie wegen des Militärjobs seines Vaters gewohnt keine festen Bindungen auf Dauer einzugehen. Er vergrub sich lieber im anspruchsvollen, geschriebenen Text. Morrison war intelligent und entwickelte sich zum Bücherwurm. In der Schule erreichte er stets gute Ergebnisse. Ein Text von Schriftsteller Willaim Blake lieferte seiner Band daher auch ihren Namen (‚If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is, infinite.‘ ‚Wenn die Pforten der Wahrnehmung gereinigt würden, würde jedes Ding dem Menschen so erscheinen, wie es ist, unendlich.‘).

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Bevor er Rocksänger wurde studierte Jim Filmwissenschaften. Die ersten Auftritte seiner Band bewältigt Morrison unsicher und mit dünner Stimme. Den Rücken wendet er zum Publikum. Er ist mehr Dichter als Sänger. Die Konzertbesucher kann er mit seiner düsteren Poesie begeistern. ‚The Doors‘ werden zu Stars. Morrison geht in seiner neuen Rolle als Sexsymbol auf. Je größer der Erfolg der Doors wird, desto mehr leidet der Sänger allerdings unter diesem Image und träumt davon, als Dichter oder Filmemacher zu arbeiten. Auf der Bühne ruft er sein Publikum zu Rebellion und Widerstand auf. Es kommt regelmässig während seiner Konzerte zu Tumulten der Besucher. Wegen vermeintlicher Zurschaustellung seines Genitals auf der Bühne wird Morrison 1969 verhaftet und die Band durchläuft einen langen und kostspieligen Gerichtsprozess (Miami Prozess). Jim setzt sich ab nach Paris. Das Gerichtsverfahren ist ein abgekartetes Spiel. Der Sänger der ‚Doors‘ hat sich auf der Bühne nie entblößt.

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Dennoch wird er vom Richter zur Höchststrafe verurteilt. 60 Tage harter Arbeit im Miami-Dade-County-Gefängnis für den Tatbestand der vulgären Sprache in der Öffentlichkeit. Ebenso eine Geldstrafe von 500 Dollar und zusätzlich 60 Tage Arbeit aufgrund von öffentlicher Entblößung, obwohl dies von den Anklagevertretern nicht hatte bewiesen werden können. Nach seiner Verurteilung wurde darüber hinaus eine weitere zweijährige Bewährungsstrafe über Morrison verhängt. Seine Anwälte gehen die Berufung. Das Ende seines Prozesses hat der Sänger nicht mehr miterlebt. Seine Alkoholexzesse und sein Heroinkonsum steigen sprunghaft an. Mit Bart und aufgedunsenem Gesicht läuft er durch die Straßen. Er sieht sich immer noch als Dichter. 1971 stirbt er an einer Überdosis Heroin in der Badewanne seiner Wohnung in der französischen Hauptstadt. Dadurch hat er es zusammen mit Kurt Cobain und Amy Winehouse in den Club der 27 geschafft. Jener Gruppe von Rock- und Bluesmusikern, die bereits im erschütternden Alter von 27 Jahren das Zeitliche gesegnet hatten und somit zu Ikonen eines individuellen und freigeistigen Lebens wurden.

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Morrison verkörperte für seine Fans Sexsymbol, mutwillige Selbstzerstörung, als auch absoluten geistigen Freiheitsdrang in einer Person. Bis heute ranken sich um seinen Tod die wildesten Theorien. Sein ehemaliger Bandkollege Ray Manzarek geht davon aus, dass Jim seinen eigenen Tod inszeniert hat und heute irgendwo auf der Welt am Leben ist. Tatsächlich ist der Mythos dieser Person so groß, dass die meisten Menschen noch nicht mal hinterfragen würden, wenn der Sänger lebend wieder auftauchen würde. Ebenso hält sich die Annahme, dass Morrison ermordet wurde oder an einem anderen Platz als in seiner Badewanne starb. Da keine weitere Obduktion an seiner Leiche erfolgte, sind diese Thesen bis heute ungeklärt. Eine Todesursache in Form von Drogenmissbrauch war durch sein exzessives Leben so offensichtlich, dass kein Arzt eine weitere Abklärung für nötig hielt. Die besten sterben jung, so sagt man. Mir tut Jim Morrison eher leid. Seine eigenen narzistischen Selbstinszenierungen und die Manipulation seiner Gefühle und Kreativtät durch Alkohol und Drogen führten dazu, dass er den Boden unter den Füßen verlor.

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Sein ganzes Leben konnte der Sänger zu keiner stabilen Selbstwahrnehmung finden. Vielmehr glitt er seit seines Lebens ohne Halt und verloren durch die Welt. Seine Handlungen sind ein Ausdruck tief empfundener Einsamkeit und Verzweiflung. Genau dieses Selbstbild machte ihn zum Star. Die ständige Suche nach der eigenen Person und Sinnhaftigkeit traf in den 60ern auf das absolute Verständnis der gesamten jungen Generation. Die Sehnsucht nach Grenzüberschreitung und dem totalen Bruch mit den konservativen Vorstellungen der eigenen Eltern und der gängigen gesellschaftlichen Konventionen traf auf ein lautes Echo in den Reihen der Jugendlichen. Jim Morrison war nicht nur Sexsymbol, er wurde auch zum Idol einer ganzen Epoche, indem er den romantischen Rebell gegen das bestehende System verkörperte. Der Sänger war repräsentativ für die gesamtgesellschaftliche Krise in den 60er Jahren in den USA.

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Seine öffentliche Präsenz repräsentierte und reflektierte die Gefühlsebene der jungen Menschen. Frauen wollten ihn und Männer wollten sein wie er. Mit seiner aufmüpfigen Selbstdarstellung erzeugte er ein Bild von Stärke und Freiheit. Dieses Image verstärkte sich durch seine Abhängigkeit von Alkohol und Drogen. Der Sänger war damals noch überzeugt der Drogenmissbrauch steigere seine Kreativität. Durch den massiven Konsum bewusstseinserweiternder Substanzen war er immer weniger in der Lage Konzerte zu geben. Die Band musste immer mehr Veranstaltungen absagen, weil Jim nicht stabil genug für die Auftritte war. Er fing an mit Selbstmord zu drohen. Dem Dämon Alkohol konnte er niemals Einhalt gebieten. Gerade sein früher Tod machte Morrison unsterblich. Dennoch war er schon viel früher längst ein toter Mann.

‚Schmerz ist dazu da, uns aufzuwecken. Die Leute versuchen, ihren Schmerz zu unterdrücken. Aber das ist falsch, Schmerz muss man mit sich herumtragen, wie ein Kofferradio. Erst wenn man Schmerzen empfindet, beginnt man, die eigene Stärke zu spüren.‘ (Jim Morrison)

 


4 Gedanken zu “Freigeist trifft auf Selbstzerstörung

  1. Also, ein verkanntes Genie war j. Morrison wohl auch nicht; es gibt Konzertaufnahmen, auf denen er seine Hand in seiner Hose hatte… Auch seine Texte (*…kill the father, fuck the mother*, o.ä.) wollten provozieren…

    Liebe Grüße
    Kasia

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    1. Hey Kasia, provozieren ganz sicher. Auch durch die ganzen lasziven Bewegungen auf der Bühne. Ich denke trotzdem, dass der Mann auf keinen Fall blöd war. Deine Liedpassage ist inspiriert von der Tragödie Ödipus des griechischen Dichters Sophokles. Ödipus hat ohne es zu wissen seinen Vater im Kampf erschlagen und danach dessen Witwe (seine Mutter) zur Frau genommen (ebenfalls unwissentlich). Man kann leider nicht nachvollziehen, was aus ihm ohne den Ruhm und die ganzen Drogen geworden werde. Liebe Grüße zurück Lisa

      Gefällt 1 Person

  2. Das habe ich mir beinahe gedacht 🙂 Ich bin gestern durch eine Sendung auf Arte über einen Beitrag zu Morrison gestolpert und war dezent entsetzt 😉 vor allem weil mir nicht klar war, inwieweit dem Künstler die Sage bekannt war. Vielleicht hat er den Ruhm gesucht, vielleicht wollte er sich auf die eine oder andere Weise mitteilen…

    Lg Kasia

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