Hinabgestiegen in das Reich des Todes

Mit der Zahnbürste im Mund signalisiert mir mein Freund, dass er zum Waschbecken muss. Ich trete einen Schritt zurück in die Dusche des winzigen Bades unseres Nests in Montparnasse in Paris. Für zwei Personen ist in dem überschaubaren Raum kein Platz. Geduldig warte ich bis der letzte Tropfen Zahnpasta ausgespült ist und den Abfluss hinunter läuft. Mit einem kleinen Schritt stehe ich dann schon wieder im Schlafzimmer unserer kleinen Ferienwohnung. Kaum zu glauben, dass dieser zierliche Raum Platz für eine Küchenzeile bietet. In der französischen Hauptstadt wird so ziemlich jeder Raum als Wohnung angeboten und vermietet. Das Angebot von Wohnraum ist immens knapp und die Mietpreise sind furchtbar teuer. Viele junge Familien können sich ein Heim in Paris nur selten oder gar nicht leisten. Sie ziehen daher in die Vororte oder ganz aus dem Großraum der Hauptstadt hinaus, obwohl sie in der Stadt arbeiten. Für Paris schafft das durch den Pendlerverkehr wieder neue Probleme. Da fast viermal so viele Pendler nach Paris hinein fahren, als aus der Stadt heraus, kommt es regelmäßig zum Verkehrsinfarkt. Das gilt nicht nur für die Straßen. Auch die Metro ist zu Stoßzeiten regelmäßig völlig überlastet. Ein totaler Verkehrsgau, der nicht einzudämmen ist.

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Unsere Unterkunft hatte ich über Airbnb gebucht. Etwa 60.000 Wohnungen werden in Paris über diese Plattform angeboten. Leider entziehen die Unterkünfte für Touristen den Anwohnern vor Ort zusätzlichen Wohnraum. In den vergangenen fünf Jahren entgingen dem ohnehin angespannten Pariser Mietmarkt dadurch schätzungsweise 20.000 Wohnungen. Das Fass zum Überlaufen brachte eine Kreditkarte, die Airbnb seinen Wohnungsbesitzern ausstellte. Ihre Einkünfte aus der Vermietung konnten sie damit direkt auf ein Konto in Gibraltar überweisen. Seit 2017 geht die Stadt Paris daher gegen das Angebot von Plattformen wie Airbnb vor. Der Wohnungsvermittler stellte danach die Payoneer-Karte ein. Den Vermietern wird neuerdings vorgeschrieben, ihre Wohnungen maximal 120 Tage pro Jahr als Unterkunft für Touristen anzubieten. Seit Dezember 2017 brauchen Privatleute, die in der französischen Hauptstadt gelegentlich Zimmer oder Wohnungen über Vermittlungsportale anbieten, eine Registrierungsnummer von der Stadtverwaltung. Bisher führen aber nur gut 16 Prozent der Pariser Anzeigen auf Airbnb eine entsprechende Nummer auf. Die Stadt zieht nun seit April 2018 gegen die Unterkunftsvermittler wimdu und Airbnb vor Gericht. Das Verfahren soll die Anbieter zwingen, Anzeigen ohne Registrierungsnummer nicht mehr zu veröffentlichen. Bei Nichteinhaltung sollen die Plattformen 1000 Euro pro Tag für jede Anzeige zahlen, die dort ohne Registrierungsnummer steht. Ebenso zusätzlich 5000 Euro pro Tag für jedes neue Angebot ohne Nummer.

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Die Probleme von Paris können wir in unserem Urlaub gut nachvollziehen. Von unserem winzigen Zimmer ohne wirklichen Platz für Privatsphäre führt unser heutiger Morgen in die überfüllte Metro. Dafür erwartet uns am Platz Denfert-Rocheau der Eingang zu den weitläufigen Katakomben unter der französischen Hauptstadt. Obwohl sich erst in 30 Minuten die Türen zum Reich des Todes öffnen schlängelt sich bereits eine menschliche Linie von wartenden Besuchern bis weit hinter das Museum. Wir stehen 2,5 Stunden an bevor wir schließlich eingelassen werden. Die unterirdischen Tunnel waren anfangs Teil eines Steinbruchs. Im 13. Jahrhundert wurde unter der Stadt Kalkstein als Baumaterial abgebaut. Jahrhundertelang trieb man hier Bergbau. Es entstand ein unterirdisches System von Gängen, welches über 330 Kilometer lang ist. Auch Jahrhunderte später lieferten die Steinbrüche das Material für Prachtbauten wie Notre-Dame und den Louvre, aber auch für viele Stadthäuser der rasant wachsenden Metropole Paris. Beim Abbau des Baumaterials hatte niemand jemals daran gedacht, die Gänge zu sichern. Erst als im 18. Jhd. ein paar Straßenzüge mitsamt Gebäuden und Pferdefuhrwerken einstürzten, erinnerte man sich wieder an das unterirdische Tunnelsystem. König Ludwig XVI rief daraufhin eine Behörde ins Leben, die sich darum kümmerte die Stollen unter der Erde wieder Instand zu setzen.

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Zur gleichen Zeit kam es in Paris zu schweren Seuchen und Hungersnöten.Die Friedhöfe waren überfüllt und viele Gräber waren doppelt und dreifach belegt. An einigen Stellen lagen menschliche Überreste sogar an der Oberfläche. Die Ruhefristen für Verstorbene verkürzten sich zusehends, weil dringend Platz für neue Tote geschaffen werden musste. Das Exhumieren nur halb verwester Leichen führte zu katastrophalen hygienischen Zuständen. Der Verwesungsgeruch war teilweise so stark, dass die Bewohner in der Nähe der Friedhöfe in Ohnmacht fielen. Durch die Überfüllung der Beinhäuser entstanden erhebliche Gesundheitsrisiken für die Bevölkerung. Damals wohnten die Lebendigen und die Toten so eng beieinander, dass viele Pariser behaupteten, ihr Wasser und Brot schmecke nach Leichen. Daher kam die Idee gerade recht, die Knochen einfach in den restaurierten, unterirdischen Durchgängen zu stapeln. Innerhalb weniger Monate wurden die Friedhöfe aufgelöst. Die Gebeine der Millionen Toten stopfte man einfach in das Labyrinth unter der Erde. Diesem Gedanken kam man kontinuierlich nach und schichtete die Gebeine aus allen Pariser Kirchhöfen übereinander.

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Das macht die Katakomben zur größten Totenstadt der Welt mit über 6 Millionen Skeletten. Das gesamte Areal umfasst etwa 11.000 m2 und enthält Knochen von mehr als 150 Klöstern, Kirchen und Friedhöfen. 130 Stufen führen 30 Meter unter die Erde in das Totenreich. Erst im Jahre 1809 wurden die menschlichen Überreste in der kunstvollen Weise aufgestapelt, in der diese heute noch zu besichtigen sind. Das ganze nennt sich ‚funerary decor‘-Friedhofsdekor. Zu Beginn des 19. Jhds wurden außerhalb des Stadtzentrums von Paris neue Friedhöfe eröffnet, die genug Platz als letzte Ruhestätte boten. Heute ist nur noch der zwei Kilometer lange Trakt der Katakomben offiziell zugänglich, der schon im 19. Jahrhundert als touristische Attraktion eingerichtet wurde. Damals galt es in Paris als schick, am Wochenende mit der ganzen Familie Ausflüge in die Unterwelt zu machen. Es gab Konzerte und Lesungen inmitten der liebevoll angeordneten Gerippe.

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Heute sind die Katakomben eine der am häufigsten besuchten Sehenswürdigkeiten der Stadt. 2015 wurde die Totenruhe von der Stadt Paris gnadenlos vermarktet. Man vermietete die unterirdischen Tunnel zu Halloween an Airbnb, um dort ein Bett für Gruselfans aufzustellen. Das dürfte nach dem gerichtlichen Vorgehen gegen das Vermittlungsportal allerdings in Zukunft wohl nicht mehr der Fall sein. Hier unten sehe ich Knochen, wohin ich auch schaue. Zu beiden Seiten türmen sich die Skelettteile und ragen auf bis zur steinernen Decke in 2m Höhe. Frech grinsen die Besucher gelblich braune Schädel an, die kunstvoll drapiert aus den Knochenbergen ragen. Verschiedene Tafeln informieren, von welchem Friedhof die Gebeine stammen, die ringsum aufgeschichtet sind. Mich würde eher interessieren, was für Geschichten hinter den menschlichen Überresten stecken. Wer die Menschen waren, wie sie gelebt haben und wie sie gestorben sind. Die akkurat gestapelten Knochen können keine Einzelschicksale mehr erzählen. Vielmehr sind alle Überreste zu einem makaberen Kunstwerk verbunden, in einem großen Ganzen. Die gesellschaftliche Schicht ist unwichtig. Unbekannte liegen gemeinsam mit berühmten Persönlichkeiten in den unterirdischen Tunneln nahe der Seine.

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2 Km führt der Spaziergang durch die Ansammlung von Schädeln, Rippen und Beckenknochen. Stützwände aus Oberschenkeln, Ellen und Speichen verbergen die Reste der Gerippe. Knochen wohin man sieht. Feine Tropfen von Wasser nieseln von der Decke und benetzen mein Gesicht. Kühl ist es hier unten. Ob Sommer oder Winter, hier sind es immer konstante 14 Grad. Es riecht feucht und muffig. Der Geruch der Vergänglichkeit. Ich vermisse den kalten Frühlingswind der Pariser Straßen. ‚Halt ein, hier ist das Reich des Todes.‘ prangt in altertümlicher Schrift über dem Eingang. Die Beleuchtung taucht die Knochenberge der Umgebung in ein Dämmerlicht. Unstet flackert mein länglicher Schatten über die grinsenden Totenköpfe, wenn ich mich bewege. Eine feine Gänsehaut überzieht mein Gesicht und meine Arme. Ein mulmiges Gefühl lässt mich die schattigen Plätze in den Ecken der Tunnel genau betrachten. Da bewegt sich doch was im Dämmerlicht! Natürlich täusche ich mich. Die Knochen liegen starr und reglos da, wie auch schon einen Moment zuvor. Dennoch fühle ich mich beobachtet. 45 Minuten dauert der Weg entlang der Knochenreihen. 45 Minuten, in denen ich gezeigt bekomme, wie begrenzt das Leben ist. Der Tod ist unausweichlich. Wir verdrängen diesen Gedanken nur gern. Ich kann allerdings nicht glauben, dass dies alles ist. Energie vergeht nicht, sie wandelt sich nur um. Die Vorstellung, dass man einfach nur tot ist, kann ich nicht begreifen. Dass der eigene Körper vergänglich ist schon. Ich werde es erfahren. Früher oder später.

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