Die Entdeckung der Radioaktivität

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Ich lege die gespreizten Finger meiner Hand auf den eiskalten gelblichen Sandstein. Die Kühle der Mauern zieht sofort in meine Haut. Auf meinem Arm breitet sich eine wohltuend kitzelnde Gänsehaut aus. Auf dem steinernen Sarkophag vor mir liegt in durchsichtiger Folie eingepackt eine dunkelrote Rose. Ein ebenso rotes Band hält den zierlichen Gruß zusammen. Ich stehe vor dem Grab von Marie Curie im Pantheon in Paris. Trist und graue Schatten werfend, quälen sich wenige Sonnenstrahlen durch die vergitterten Fenster in den Katakomben und tanzen lieblos auf den Grabmalen. Es ist düster und kalt. Die sterile und isolierte Atmosphäre legt sich wie ein feiner Atem über jede Kammer, in der berühmte Personen die letzte Ruhestätte gefunden haben. Leer sind die Gänge, von denen die Grabkammern abzweigen. Ich sehe keinen Dekor oder Schmuck. Auf Bildschirmen flackern die nackten, dürftigen Lebensfakten der hier Bestatteten. Die berühmtesten französischen Persönlichkeiten aus der Regierungszeit von Ludwig XVI liegen in der Gedenkstätte. Die gefühllose Aufreihung der Särge geht einher mit einem Ruhmeslied auf deren Errungenschaften.

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1995 wurde Marie Curie als erste Frau im Pantheon beigesetzt. Durch ihre Heirat mit Pierre Curie 1885 fand sie Interesse an Wissenschaft und Forschung. Ab 1897 analysierte das Paar gemeinsam die Eigenschaften von Uranium und der dadurch entdeckten Strahlungen. Trotz der Geburt ihrer Tocher Irene im selben Jahr forschte Marie weiter. Das Ehepaar Curie suchte nach anderen, dem Uranium ähnlichen Substanzen, die Strahlen aussendeten. Nach langwierigen Untersuchungen gelang es ihnen schließlich 1898, ein Element mit charakteristischen Eigenschaften abzusondern. Marie taufte es Polonium zu Ehren ihrer Heimat Polen. Ebenso setzte man den Begriff der radioaktivität aus den lateinischen Wörtern ‚radius‘ (Strahl) und ‚activus‘ (Tätig, wirksam) zusammen, also ‚Strahlungsaktivität‘. Im Herbst 1898 litt Marie Curie an Entzündungen der Fingerspitzen, welches die ersten bekannten Symptome der Strahlenkrankheit waren, an deren Folgen sie später auch verstarb. Nach einem gemeinsamen Urlaub an der französischen Küste nahm das Ehepaar die Forschungen wieder auf.

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Kurz darauf entdeckten beide ein weiteres Element, das eine noch stärkere Strahlungsaktivität hatte und deshalb ‚Radium‘ (das Strahlende) genannt wurde. 1903 erhielten Marie und Pierre dafür ihren ersten Nobelpreis für Physik. Bei ihren Untersuchungen war das Ehepaar Curie auch auf die medizinische Anwendbarkeit des Radiums aufmerksam geworden. Die Substanz strahlte 900 Mal stärker als Uranium. Als einer der ersten hatte Pierre in gefährlichen Selbstversuchen die physiologische Wirkung des Radiums erprobt, aus der die Strahlentherapie (auch Curie-Therapie) entstand. Bei einer Rede in Stockholm wies der Forscher auf die schwerwiegenden biologischen Effekte hin, die das Ehepaar bei seiner Forschung bemerkt hatte. 1904 wurde die zweite Tochter der beiden Wissenschaftler Eve geboren. Leider währte das Familienglück nicht lange. Zwei Jahre später geriet Pierre Curie unter die Räder eines schweren Pferdefuhrwerks. Er starb noch am Unfallort.

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Pierres Tod stürzt seine Frau in Verzweiflung und Depression. Der Verlust traf Marie unvorbereitet und schwer. Sie verlor sowohl ihren Ehemann als auch ihren wissenschaftlichen Forschungskollegen. Dennoch forschte sie allein weiter und wurde 1911 für die Entdeckung der radioaktiven Elemente Polonium und Radium mit ihrem zweiten Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges wandte sie sich der Radiologie zu und begann damit, in Krankenhäusern mit Röntgenapparaten zu arbeiten. Ihre Tätigkeit in den Spitälern inspirierte sie dazu, mobile Röntgenwagen ausstatten zu lassen, um den verwundeten Soldaten trotz des Personalmangels an der Front helfen zu können. Ihr tatkräftiger und mutiger Einsatz im Krieg brachte ihr auf internationaler Ebene großes Ansehen. Ihre Arbeit setze sie gemeinsam mit ihrer älteren Tochter Irene fort, die als Physikern in die Fußstapfen der berühmten Eltern getreten war. Diese heiratete 1926 den Assistenten ihrer Mutter Frederic Joliot. Das Ehepaar erhielt 1935 ebenfalls einen Nobelpreis für Chemie zur Entdeckung von künstlicher Radioaktivität.

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Nach dem Tod ihres geliebten Mannes ging Marie Curie vorübergehend eine Beziehung zu Paul Langevin, einem ehemaligen Schüler Pierre Curies ein. Die Verbindung führte zu einem Skandal und wurde als ‚Langevin-Affäre‘ von der Presse ausgeschlachtet. Die Forscherin sah sich veranlasst, die Beziehung zu dem 5 Jahre jüngeren und verheirateten Mann aufzugeben, um ihren Ruf als Wissenschaftlerin nicht zu gefährden. Die Nobelpreis-Vergabe 1935 an ihre Tochter Irene und deren Mann erlebte Marie leider nicht mehr. Am 4. Juli 1934 starb sie an den Folgen der radioaktiven Strahlung, der sie jahrelang bei ihrer Arbeit ausgesetzt gewesen war. Die schädliche Auswirkung der Radioaktivität war zu dieser Zeit noch weitgehend unbekannt. Mit der Substanz wurde ohne Sicherheitsvorkehrungen umgegangen. Marie Curie hatte Proberöhrchen mit radioaktivem Material in ihrer Tasche getragen und in ihrem Schreibtisch aufbewahrt. Im Umfeld ihrer Kollegen und Mitarbeiter gab es während ihrer Forschungszeit etliche Todesfälle durch Leukämie. Dennoch hatte die Forscherin die gesundheitlichen Risiken der Strahlungen niemals anerkannt.

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Marie Curie opferte ihr Leben und das ihrer Familie bereitwillig dem Geist der Wissenschaft. 1908 hält der Physiker Frederic Sully eine öffentliche Vorlesungsreihe über den Erkenntnisstand zur Radioaktivität. Er warnt vor möglichen körperlichen Gefahren. Hat Marie wirklich nicht gesehen, dass sie sich durch ihre Forschung langsam selbst umbrachte? Oder brannte sie für ihre Arbeit in einer solch unbändigen Leidenschaft, dass sie diesen körperlichen Verfall akzeptierte? Vielleicht ignorierte sie ihre Krankheit und beachtete die Symptome einfach nicht. Was sie auch empfand, durch ihre Experimente machte sich selbst nach ihrem Tod unsterblich. Der Ehrgeiz sich in der Wissenschaft zu beweisen, ebenso wie der Drang nach Erkenntnis der untersuchten Zusammenhänge waren bei dieser besonderen Frau immens ausgeprägt. Sie wurde ein Opfer ihrer eigenen leidenschaftlichen Arbeit. Aus medizinischer Perspektive hinterlässt sie ein unglaubliches Erbe an Forschungswissen. Sie gilt als eine der größten weiblichen Wissenschaftlerinnen aller Zeiten und eine der wichtigsten Frauen des frühen 20. Jhds.

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Als Frau, die ihr Leben der Forschung verschrieb, ihre Gesundheit für die Wissenschaft aufs Spiel setzte und im Ersten Weltkrieg durch bahnbrechende Errungenschaften einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leistete, war sie nicht nur in Fachkreisen hoch anerkannt. In einer Zeit, in der Bildung für Frauen noch längst nicht selbstverständlich war, setzte sie sich mit innovativem Denken und Fleiß in einer männerdominierten Welt durch und inspirierte viele Frauen der folgenden Generationen dazu, ihre eigenen Potentiale zu erkennen und einzusetzen. Sie befürwortete aktiv, dass Frauen studieren dürfen. Ihre Auffassung war: ‚Ich beschäftige mich nicht mit dem, was getan worden ist. Mich interessiert, was getan werden muss.‘ Ein ideales Modell der weiblichen Emanzipation zu Lebenszeit und bis heute berühmt. Frauen sind im Wissenschaftssektor in allen EU-Ländern heute noch immer unterrepräsentiert. Im Durchschnitt ist nur knapp mehr als ein Drittel der Forschenden in Europa weiblich, obwohl die Zahl der Studentinnen jene der Studenten übersteigt. Marie Curie starb 1934 an Blutkrebs. Ihre Tochter Irene verstarb 1956 wie sie an den Folgen von Leukämie. Ein unausweichliches Schicksal der beständigen Arbeit mit Radioaktivität. Dass sie 66 Jahre alt wurde, grenzt an ein Wunder. Noch heute sind ihre Besitztümer so verstrahlt, dass sie nur mit Schutzkleidung angefasst werden dürfen. Maries zweite Tochter Eve strebte keine wissenschaftliche Laufbahn an und starb erst in einem Alter von über 100 Jahren. 2017 war Maries 150. Geburtstag. Auch in diesem Jahr waren alle Nobelpreisträger männlich.

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