Zu Gast bei einer Sirene

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Ein Sonnenstrahl kitzelt meine Nase. Ich niese mit geschlossenen Augen. Mein Gesicht recke ich in den strahlend blauen Himmel. Ein kühler Windhauch weht eine einzelne Haarsträhne zärtlich über meine Wange. Ich streiche diese zurück und öffne die Lider. Wie flüssiges Gold sammeln sich die fast weißen Sonnenstrahlen des schönen Frühlingsmorgens in den dunkelgrünen Wellen des Rheins zu leuchtendgelben Pfützen. Langsam setzt sich der Schiffsmotor in Bewegung und mit einem angenehmen gemütlichen Tuckern nimmt unser Ausflugsschiff Fahrt auf. Mein heutiges Ziel ist ein ca. 400 Millionen Jahre alter Felsen. Der Loreleyfelsen ist 132m hoch und fällt ziemlich steil hinab ins Mittelrheintal. Seinen Namen bekam er von den Germanen, Ley bedeutet ‚Fels‘ und Loren steht für ‚Lauschen‘. Vermutlich ist das Hören der Stromschnellen des Flusses gemeint und deren mehrfaches Echo im Tal.  Abgesetzt durch eine scharfe Kante befindet sich auf dem Plateau der Loreley eine 7 Km breite Terrasse, die einen herrlichen Ausblick auf elegant und grazil geschwungenen Linien der Weinreben entlang des Rheinufers bietet. Wenige Meter entfernt befindet sich eine Freilichtbühne, auf der bei schönem Wetter Großveranstaltungen aufgeführt werden. Jedes Jahr pilgern Heerscharen von Touristen zu dieser Sehenswürdigkeit, um den lieblichen Ausblick auf die zierlichen Ortschaften entlang des Rheins zu genießen.

 

Heute bin ich auch dabei. Bootfahren liebe ich, weil das ruhige Schippern auf dem Wasser so eine entspannte Wirkung auf mein Gemüt hat. Eine entspannte Leichtigkeit breitet sich jedes Mal in meinen Gliedern aus, sobald mein schwimmendes Gefährt den Motor anwirft. Ich genieße die schaukelnden, gleichmäßigen Bewegungen und versuche die Landschaft, die an mir vorbeizieht, möglichst genau von Bord aus zu erkunden. Das obere Mittelrheintal ist Teil des UNESCO Welterbes. Das wundert mich keinesfalls. Der Blick auf die sanften grünen Hügel fängt meine Sicht wohlwollend ein. Die vielen verschiedenen Farbtöne der Büsche und Pflanzen entlang des Ufers verwöhnen das Auge und kündigen auf zarte Weise die Erneuerung durch den nahenden Frühling an. Schon als Kind hat mich die Sage um den Loreleyfelsen fasziniert. Die geheimnisvolle Schönheit, die durch ihren Gesang ganze Schiffsmannschaften betörte und planlos auf den Felsen aufschlagen ließ, hatte etwas magisches. Ich bin heute noch Fan von Mystery und Gruselfilmen und schon als Kind zogen mich Zauberwesen und Gespenstergeschichten in ihren Bann. Bis heute hat sich dies nicht geändert.

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Gespannt spähe ich den Rhein hinab, um den Loreleyfelsen auf keinen Fall zu übersehen. Steinige Hügel gibt es hier viele und man will ja nicht den falschen begutachten. Da die gesamte Region den Rhein entlang sehr touristisch ist, hilft man Unwissenden wie mir während der Fahrt mit gezielten Ansagen. Neugierig betrachte ich die anderen Fahrgäste. Ich hatte gedacht, dass ich den Altersdurchschnitt der Passagiere drastisch senken würden. Schiff fahren macht wohl vielen Menschen Spaß. An Bord sind so ziemlich alle Altersklassen vertreten. Unser Boot wird in einiger Entfernung vom kontinuierlichen Rattern der Räder eines Regionalzuges begleitet, dessen Waggons gerade durch den nächsten Tunnel in das Innere der felsigen Hügel des Rheintals entschwinden. Wir sind am berühmten Felsen angekommen. Mein Blick gleitet am schroffen Abhang des Hügels hinauf zum Plateau auf dem die blonde Zauberin seither ihr süßes Lied singt. Die Loreley stellten sich die Menschen jeder Epoche als das Idealbild einer Frau vor. So habe auch ich meine eigene besondere Vorstellung. Die Darstellung eines wohlgeformten Körpers einer natürlichen und weiblichen Schönheit.

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Allerdings ist nur der dazugehörige Felsen der Loreley wirklich Millionen Jahre alt. Der Mythos der verführerischen Jungfrau mit der verhängnisvoll betörenden Stimme entstand erst im 19. Jhd. In der Ballade ‚Zu Bacharach am Rheine‘ von Clemens von Bretano wird die unglückliche Sängerin das erste Mal erwähnt.  Eine Zauberin, die auf Grund ihrer Schönheit allen Männern den Verstand raubt und ihnen schließlich stets den Tod bringt. Deshalb soll sie als Hexe zum Tode verurteilt werden. Lore Lay ist sich ihrer Wirkung bewusst und dieses Umstands seit ihr Liebster sie betrogen hat müde. Sie wünscht sie sich zu sterben. Der Bischof bringt jedoch aufgrund ihrer unglaublichen Schönheit das Todesurteil nicht über die Lippen und schickt sie stattdessen in ein Kloster. Auf der Reise dorthin bittet die Schöne ihre Eskorte darum, einen großen Felsen erklimmen zu dürfen, um noch einmal den Rhein von oben betrachten zu können. Sie besteigt den Felsen und stürzt sich hinab.

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1842 greift Heinrich Heine den Loreley Mythos auf und setzt die berühmte Zauberin als Sängerin mit goldenen Locken auf den gleichnamigen Felsen, von dem sich Bretanos Loreley zu Tode gestürzt haben sollte. Friedrich Silcher vertonte den Text 1837 zum bekannten Loreleylied. Aus der damals gefahrvollen Flusspassage entlang des Rheins, die Felsriffe und Strudel barg, wurde damit die Inszenierung einer verführerischen, aber gefährlichen Schönheit geschaffen. Schiffsunglücke gehörten damals zum Alltag und es war weitaus angenehmer jegliche Unfälle einer anmutigen Jungfrau zuzuschreiben als über die risikoreichen Stromschnellen des Gewässers nachzudenken. Das eine so liebliche Landschaft solche Gefahren barg, passte nicht zum sentimentalen Denkmuster der Gesellschaft in der Epoche der Romantik. Wenn ich die mit Reben bewachsenen, zartgrünen Hänge der hügeligen Landschaft hinaufblicke, kann ich die Faszination für diesen Ort verstehen. Ich spitze die Ohren. Mir scheint, da singt doch jemand. Laut weht über der Passagieren unseres Ausflugschiffs aus den Lautsprechern das bekannte Loreleylied. Bleibt nur zu hoffen, dass unser Kapitän die Rufe der blonden Nixe bereits gewohnt ist und ihr nicht verfällt. Sonst ist dies meine letzte Bootsfahrt und ich komme ebenfalls nicht vorbei am Felsen der schönen Loreley.

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