Der schönste Ort im Schwarzwald

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Hauchzarte, durchsichtige Nebelschwaden wogen um das dunkle Grün der hoch aufragenden Tannen. Mit einem sanften Rauschen des leichten Windes schwingen die Baumspitzen im azurblauen Himmel. Wie ein filigraner Watteteppich bewegt sich eine gräuliche Wolkenmasse über die Wipfel des Waldes. Eine frische Brise streicht über die Berggipfel und fährt durch die Zweige als kaum wahrnehmbare Windbö hinab ins Tal. Der schönste Ort im ganzen Schwarzwald ist für mich Schiltach. Die spitzgiebeligen Fachwerkhäuser und makellosen Fassaden schmiegen sich still und elegant in die graubraunen Kopfsteinpflastergassen, die sich über den Marktplatz entlang des Berghangs in die Höhe winden. Grazil und elegant ragen die Backsteingiebel in den azurblauen Himmel. Das dunkle Holz der Fachwerkbauten leuchtet zwischen der weißen Grundierung der Fassade in der warmen Mittagssonne dieses Frühlingstages wie pures Elfenbein. Die zierliche Schiltach schlängelt sich wie ein winziges blaues Band durch die wunderschöne Szenerie dieses malerischen Winkels. Im Tal der Flößer hat das Wasser eine besondere Bedeutung.

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Das große Wasserrad der Schiltacher Mühle dreht sich gleichmäßig und kontinuierlich. Ohne Hektik tropft und perlt das Wasser vom durch die Jahrhunderte gezeichneten dunklen Holz. Das dunkelgrüne Moos auf den einzelnen ächzenden Holzstufen des Mühlrads leuchtet in den Strahlen der Mittagssonne wie ein pelziger Teppich aus purer Jade. Über Jahrhunderte hinweg war die Flößerei die Haupterwerbsquelle des Kinzigtals. Sie war der wichtigste Wirtschaftszweig in einer Epoche, in der die einheimische Bevölkerung nicht mit Reichtümern gesegnet war. Die früheste nachweisbare Erwähnung der Flößerei in Schiltach war im Jahr 1339. In ihrer Blütezeit war dies der Hauptort des Floßbetriebs auf der Kinzig. Jährlich fuhren etwa 100 bis 300 hölzerne Flöße das Tal hinunter bis nach Willstätt. Hier wurde das Holz verkauft und auf größeren Flößen bis nach Holland geschickt, wo man es zum Schiffs- oder Städtebau benötigte. Die größten Gefährte hatten eine Länge von bis zu 600m, was heute kaum vorstellbar ist. 1896 fuhr das letzte Kinzigfloß von Schiltach ins Tal hinab.

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Das Obere Kinzigtal gehört zu den waldreichsten Gebieten des ganzen Schwarzwalds. Das Gemeindegebiet von Schiltach ist heute zu 80% bewaldet. Das Jahr über fällten die Holzhauer in den Waldgebieten Stämme, schälten diese und bereiteten sie für den Abtransport ins Tal vor. Eine gefährliche und mühevolle Arbeit. Das Holz wurde über Holzrutschen ins Tal geworfen und rollte sich in der Nähe des Wassers zurecht. Als einziger Transportweg und als Transportmittel bot sich die Kinzig und deren Nebenflüsse an. Die vorhandenen, schlecht ausgebauten Straßen waren völlig ungeeignet. So entstand die Flößerei. Flößer erkannte man am schwarzen Hut, den Lederhosen und langen Stulpenstiefeln. Dieser steuerte zusammen mit sechs Knechten die bis zu 300 Meter langen Flöße aus Tannenstämmen den Fluss hinunter. Die wenigen Leute hatten bis zu 200 Baumstämme an ihr Floß angegliedert. Ein Gefährt bestand aus 18 – 20 Gestören, also 8 – 12 Baumstämmen. Jedes Gestör war etwa 3 Meter breit und 12 bis 15 Meter lang. Die Führung eines Floßes erforderte Mut, Umsicht und schnelle Entschlusskraft in Gefahrensituationen. Ein Wolkenbruch, der Hochwasser brachte oder die Gestöre zerriss, konnte sich lebensbedrohlich auf die Insassen des Gefährts auswirken. War der Tag gut gelaufen traf man sich nach der Talfahrt im Wirtshaus, um gemeinsam zu Essen und zu Trinken. Es wurde immer in bestimmten Gasthöfen Quartier genommen. Die Flößerei wurde von den Wirtsleuten als gutes Gewerbe angesehen, weil dieses erprobte, tapfere Menschen erforderte.

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Die Flößerei war ein Saisongeschäft. Im Winter mussten die Knechte andere Arbeiten finden. Viele von ihnen überbrückten die Zeit als Waldarbeiter. Natürlich versuchte man sich auch neue Arbeitsfelder zu erschließen. Einige Schiltacher gründeten eine Genossenschaft, deren Ziel es war, die Wutach im Südschwarzwald befahrbar zu machen, um Holzhandel mit der Schweiz zu betreiben. Leider vergebens. Eine andere Gruppe von Flößern wurde wegen ihrer Fertigkeiten und Kenntnissen im Umgang mit Holz für ein Flößereiprojekt in Siebenbürgen angeworben. Von den 12 Schiltacher Gastarbeitern mussten zwei bei einem Unwetter ihr Leben lassen. Tödliche Arbeitsunfälle waren bei der Flößerei Alltag. Knechte fielen unter ein Floß oder zwischen zwei und wurden qualvoll zerdrückt.

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Das Bauen eines Floßes, auch Rüsten genannt, erfolgte stets nach althergebrachten Techniken. Der vertraute Umgang mit Holz war dabei viel mehr gefragt als handwerkliche Kenntnisse. Die Anzahl der Stämme, die nebeneinander liegend ein Gestör ergeben, richtete sich hauptsächlich nach deren Stärke. Und natürlich danach, wie breit die Fahrlöcher in den Wehren waren. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Stämmen mit den Querhölzern nennt man Wieden. Die vorderen Gestöre bestanden aus dem schwächeren Holz, das starke Holz befand sich immer hinten am Floß. Mit den stärksten Wieden wurden die einzelnen Teile miteinander verbunden. Dabei achtete man auf entsprechenden Spielraum zwischen diesen, damit sich das Floß strecken konnte und biegsam war. Zum Lenken des Floßes wurde vorne ein kleiner, sehr beweglicher ‚Vorplatz‘ vorgebunden, auf dem sich das Stangenruder befand. Damit steuerte der Fahrer das gesamte Gefährt. Hinten am Floß lagen die ‚Sperren‘ als Bremsvorrichtung. Durch eine Öffnung im Gestör konnte der ‚Sperrstümmel‘, ein starker Balken, bis auf den Bachboden hinunter gelassen werden. Dort verankerte er sich und brachte das Floß zum Halten. Diese Bremse konnte nur von einem erfahrenen Flößer bedient werden.

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Das Floß lag nun fertig eingebunden im Flußbett, das letzte Gestör war mit einem Haken am Ufer festgemacht. Das Wehr war geschlossen, das zur Fahrt notwendige Wasser hatte sich daher in diesem Abschnitt gestaut. Man war abfahrbereit. Die Flößer hatten sich mit den Floßstangen auf den Gestören verteilt und warteten auf den Start der Reise. Jetzt wurde ein Gebet gesprochen. Das Wehr wurde geöffnet, sodass das Wasser mit dem Floß herausschoß. Das Gefährt wurde hin und her geworfen, das Holz ächzte.
So manches Wehr und viele Biegungen des Flusses mussten sicher durchfahren
werden. Der Mann an der Bremse war nun der wichtigste Mann, er hatte alle Hände voll
zu tun. Er sorgte dafür, dass das Floß immer lang gestreckt auf dem Wasser lag und
bei starker Strömung der hintere Teil des Gefährts den Vorderen nicht zu stark anschob. Bei gutem Wasser kamen die Flößer am ersten Tag von Schiltach bis Gengenbach oder sogar Offenburg. Das Holz wurde in Willstädt schließlich verkauft und an die Rheinschiffer übergeben. Führte die Kinzig wenig Wasser, dauerte die Fahrt erheblich länger. Stammlokal der Schiltacher Flößer war der ‚Adler‘. Dort wurde vom Schiffer ein einfaches Essen und eine ordentliche Menge Wein gezahlt. Jeder Flößer bekam seinen Taglohn, der Sperrmann erhielt für seine besonders verantwortungsvolle Tätigkeit einen Zuschlag.

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Auf den Heimweg machten sich alle Flößer dann meist zu Fuß. Ich nicht. Nach meinem Besuch in Schiltach hatte ich den Bus nach Alpirsbach genommen. Mit einer angenehm trockenen Säure rinnt der hellgelbe Grauburgunder aus den umliegenden Weinbergen in meine Kehle. Seine fast weiße Farbe leuchtet erhellt durch die Strahlen der Nachmittagssonne im durchsichtigen Glas. Direkt neben dem Restaurant, in dem ich sitze ragen die Mauern des hiesigen Klosters hoch in den Himmel. Der braunrote Stein versprüht eine behagliche Wärme und Atmosphäre. Ich fühle mich wohl und angekommen. Ich bin völlig entspannt und genieße das frühlingshaften Wetter. Das Kloster ist hauptsächlich für sein Bier berühmt. Durch die Scheiben des Geschäfts nahe der Brauerei sehe ich die vielen Flaschen mit dem Logo des ‚Alpirsbacher Klosterbräu‘. Ich sauge die urige Gemütlichkeit auf wie ein Schwamm und nehme diese mit in die stillen Gassen. Leise klappern meine Absätze monoton auf dem grauen Kopfsteinpflaster in der verwinkelten Altstadt. Wohl bekomms!


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