Im Nirgendwo

IMG_4619Aus kleinen Augen blinzle ich schlaftrunken auf den dunkelbraunen, schlammigen Fluss. Auch nach dem starken Regen gestern hatte sich die Farbe des Mekong nicht ins grünliche oder blaue gereinigt. Schmutzigbraun treiben die seichten Fluten gemächlich dahin. Eine frische Feuchtigkeit liegt nach dem Wolkenbruch gestern in der Luft. Das Unwetter hatte die vielen Moskitos weg gewaschen und den staubigen Dreck der Straßen hinfort gespült. Geschlafen hatte ich kaum. Die Tür meines Hotelzimmers hing schief in den Angeln und hatte dadurch einen größeren Spalt im Türrahmen verursacht. Ich hatte Besuch von einem kleinen Gecko bekommen, der flink die Wand bis zur Decke erklommen hatte und in irgendeiner Ritze verschwunden war. Das kleine Tierchen war mir durchaus willkommen. Die Erkenntnis, dass auch unliebsame Tiere wie große Spinnen oder Tausendfüßler ihren Weg durch die Kluft im Eingang zu meinem Zimmer finden könnten, traf mich kurz darauf in voller Gesinnung. Argwöhnisch spähte ich alle paar Sekunden zum Zwischenraum des Holzrahmens, völlig unfähig endlich die müden Lider zu schließen.

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Absolute Stille ohne jegliches Vogelgezwitscher kündigte das herein brechende Unwetter an. Der Regen prasselte monoton mit unbeugsamer Härte gegen Tür und Dach. Die Tropfen verströmten kein heimeliges angenehmes Gefühl, sondern vertonten eher eine brachiale Gewalt der Natur. Angestrengt lauschte ich den fließenden Wassergeräuschen des nicht abreißenden Regenschauers. Donnergrollen setzte ein. Das unterschwellige Grummeln wurde mit jedem Schlag zu einem anschwellenden Brüllen, sodass ich den Regen überhaupt nicht mehr wahrnahm. Immer wieder wanderten meine Augen misstrauisch zur Tür um ja kein Krabbeln zu verpassen. Dann fiel plötzlich und unvermittelt das Licht aus. Ein Blitz hatte die Sicherung heraus gehauen. Erstarrt ob der plötzlich einsetzenden Dunkelheit saß ich auf meinem Bett. Über dem Zimmer lag völlige Finsternis. Gelegentlich erhellte der Schein eines aufzuckenden Blitzes vor dem Fenster die Umrisse der Möbel. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Und ich wollte mich an Ziplines durch den Dschungel gleiten lassen. In der Schwärze der Umgebung schüttelte ich ungläubig den Kopf. Dann tippte ich auf mein Tablett, um wenigstens mit dem Licht des Displays immer wieder einen Blick auf den blöden Türspalt zu erhaschen. Natürlich erlosch die Anzeige nach wenigen Sekunden.

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Ich habe keine Ahnung wie lange ich so in meinem Zimmer saß und die Taste zum Erleuchten des Bildschirms drückte. Gefühlte Stunden hatte ich gehofft, dass ein Mitarbeiter der Unterkunft die Sicherung wieder einsetzen würde. Vergebens. Es war ja auch schon mitten in der Nacht. Irgendwann siegte dann die Müdigkeit und ich ergab mich resigniert in mein Schicksal und kroch unter die Bettdecke. Jetzt sitze ich auf der hölzernen Bank des kleinen bunten Slowboats auf dem Mekong. Ich hatte die Nacht also überlebt. Mit der rechten Hand reibe ich mir den Schlaf aus den übernächtigten Augen. Die braungrünen Wellen des Mekong stoßen sacht an unser Boot. Behäbig zieht das Wasser wie eine große schlammige Pfütze trübe dahin. Ein gemächliches Fließen ohne Hektik und große Bewegung. Die Trägheit passt zu meiner derzeitigen Verfassung. Mit Stöcken stoßen zwei Mitarbeiter unseren Kahn vom sandigen, seichten Ufer ab. Unser Kapitän dreht das hölzerne Steuerrad. Leicht schmiegt sich das dunkle Holz in seine braun gebrannten Hände. Der Motor heult auf und wir nehmen langsam Fahrt auf in Richtung Luang Prabang. Der bunte Holzbug teilt ohne Eile mit einem sanften Plätschern das Wasser und formt dieses zu einer kleinen Welle. Diese läuft beständig über das nasse Holz, nur um gleich darauf wieder in den Tiefen des Flusses zu versinken.

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Ein leichter Wind kommt auf und streicht als frische Brise über meine Wangen. Einzelne Strähnen wehen über mein Gesicht und hinterlassen durch sanftes Kitzeln eine Gänsehaut. Die Luft riecht nach Feuchtigkeit und eine durchdringende Kühle macht sich breit. Am Ufer ziehen die letzten Hotelbauten, deren hölzerne Balkone zum Wasser ausgerichtet sind, vorbei. Bis auch das letzte Haus verschwindet und die Böschung gesäumt ist von Bananenpflanzen und vereinzelt wachsenden Bäumen. Der Wind wird stärker und fährt mit einem metallischen Klappern immer wieder über die Plastikplane auf dem Bootsdeck. Es wird fast schon kalt auf dem Wasser. Frauen schöpfen an der Böschung Wasser aus den graubraunen Fluten. Immer wieder gleiten oberhalb der Küste goldene Tempel vorbei. Kleine schlichte Fischerboote treiben neben uns über den Mekong. Ich friere und ziehe meinen bunten Schal fester um die Schultern. An einem zierlichen Strandabschnitt rennen laotische Kinder entlang. Sie werfen spielerisch Steine in die Fluten und springen in das undurchdringliche braune Wasser. Kleine graugelbe Schaumfetzen drehen sich auf dem Wasser schwimmend ineinander bis winzige Strudel entstehen. Die Bäume und Pflanzen der hügeligen Umgebung strahlen in jungen und frischen Grüntönen bis hinab zu den felsigen Formationen der Küste.

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Während der Fahrt verändert sich die Landschaft kaum und biete wenig Abwechslung. Ich unterhalte mich mit meinem Nachbarn aus Österreich. Tobias wohnt in Salzburg. ‚Ich habe das Ziplining in Huay Xai mitgemacht.‘ erzählt er mir. ‚Taranteln habe ich keine gesehen. Es gab nur jede Menge Ratten, die dann nachts um die Matratzen herumgerannt sind. Das müssen hunderte gewesen sein. Gesehen habe ich diese kaum, aber natürlich gehört. Man musste auf jeden Fall die Moskitonetze fest geschlossen halten.‘ Nagetiere sind auch nicht besser als Spinnen, denke ich bei mir. Inzwischen bin ich froh, dass ich mich gegen dieses Erlebnis entschieden habe. Obwohl es bestimmt schön und besonders gewesen wäre über die Baumkronen des Dschungels zu fliegen. Das Strömung des Mekong bewegt sich immer schneller. Die fließende Wellenbewegung ist spürbar und beim Blick über den Bootsbug sichtbar. Der Wind bläst immer heftiger. Mir ist eiskalt. Die Landschaft zu beiden Seiten des Flusses wird bergiger. Glattgeschliffene Felsplateaus säumen das Ufer. In den Hügeln leuchten die Baumkronen in einem kräftigen Dunkelgrün. Die Bäume sind in einen durchsichtige Nebelwand getaucht, die den gesamten Horizont verschleiert. Inmitten der hochgewachsenen Äste ragen die zartgrünen Blätter von Bananenstauden empor und verlieren sich zum Ufer hin im hellen Grün der Böschung.

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Die Grüntöne sind so zahlreich als wäre beinahe jedes Blatt von einer anderen Farbe bis hin zum vergänglichen Braungrün des vertrockneten Laubes. Der Dschungel wirkt lebendig und nah. Hin und wieder weiden Kühe und Ziegen auf den felsigen Plateaus. In sicherer Höhe zur Wasseroberfläche thronen über der gesamten Szenerie die zierlichen Holzhütten der Anwohner. Erste steinerne Hausbauten kündigen unser Ziel des ersten Tages an. Von weitem sieht man ein rosa LED-Herz am Nachmittagshimmel. Happy Bar steht groß daneben. Wir sind in Pak Beng. Zahlreiche Männer und Frauen umringen unser Boot. Jeder hat ein Schild einer Unterkunft in den Händen. Alle versuchen mich zu überzeugen ihr Hotel oder Guesthouse auszuwählen. ‚Ich habe bereits ein Zimmer.‘ schwindle ich, weil mich die aufdringliche Aufmerksamkeit absolut nervt. Dann ziehe ich den kleinen Koffer den steilen felsigen Abhang hinauf. Pak Beng besteht wie mein letzter Stop Huay Xai aus einer kleinen Hauptstraße, die auch fast der einzige Weg durch das Dorf ist. Die sandige und staubige Strecke ist gesäumt von Pensionen, Restaurants und Kaffees. Hier gibt es nichts zu tun. Außer den laotischen Lifestyle nachzuempfinden. Mit einem Getränk auf den dahinziehenden Fluß zu schauen. Happy Bar, ich komme.

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