Bangkoks Tempel

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‚Brauchst Du Hilfe?‘ der junge Thai sieht mich fragend an. ‚Ich will zum Wat Arun.‘ mein Finger legt sich an der passenden Stelle auf den Stadtplan in meiner Hand. Der Mann lächelt mich an. ‚Du kannst mit mir fahren. Ich steige nur ein paar Haltestellen vor Dir aus. Du musst bis zur Endhaltestelle fahren.‘ schlägt er mir vor. ‚Wie ist Dein Name?‘ er nickt mir freundlich zu. ‚Lisa.‘ Ich stelle mich vor. ‚Mein Name ist Pam.‘ sagt er dann. ‚Hat das eine Bedeutung?‘ neugierig und erwartungsvoll blicke ich ihn an. Er grinst breit. ‚Es ist ein Spitzname, es gibt Tankstellen hier die genauso heißen.‘ Ich erwidere sein Lächeln. Plötzlich fängt Pam hektisch an zu winken. Immer heftiger wirft er beide Arme in die Luft. Der Busfahrer im vorbeifahrenden Bus ignoriert uns dennoch völlig und hält an der Haltestelle nicht an. ‚Manchmal halten die Busse hier nicht. Wir müssen zu einer anderen Busstation.‘ er zuckt entschuldigend die Schultern. Dann winkt er mir zu, ich soll ihm folgen.

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‚Bist Du aus Bangkok?‘ will ich wissen. ‚Nein.‘ antwortet er. ‚Mein Heimatort ist 15 Busstunden entfernt von hier. Ich wohne jetzt wegen der Arbeit in Bangkok. Ich bin Ingenieur.‘ ‚Was machst Du genau?‘ frage ich interessiert. ‚Ich arbeite in der Forschung und Entwicklung von Michelin.‘ erwidert er und sieht mich direkt an. ‚Du hast also den Spitznamen einer Tankstelle und arbeitest bei einem Autoreifenhersteller.‘ fasse ich knapp zusammen. Er muss lachen. ‚Ja.‘ er nickt. So ist es. Dann hält er Bus Nr. 12 für mich an und ich steige ein. Solange ich ihn sehen kann winke ich Pam zu. Mich erwartet eine Horrorfahrt. Unser Busfahrer will ein Rennen gegen die anderen Verkehrsteilnehmer gewinnen. Bei jedem Schlagloch und unebenem Straßenstück hüpfe ich in die Luft oberhalb meines Sitzes. Nur um sogleich wieder unsanft auf dem abgenutzten Sitz zu landen. Und so wiederholt sich dieses Spiel für quälende Minuten.

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Unser Bus hat keine Klimaanlage, nur einen winzigen Ventilator, der zum Fahrer ausgerichtet ist. Abkühlung bringt lediglich die rasante Fahrt des Busfahrers. Meine Gesichtshaut wird durch die Geschwindigkeit zu den Ohren gezogen. Falten haben keine Chance. Diese Fahrt ist sozusagen ein Facelifting für 20 Cent. Willkürlich werde ich in jeder Kurve von einer Seite zu anderen geworfen. Meine Hände krallen sich in die Lehne des Vordersitzes bis die Knöchel weiß hervortreten. Würde man mich jetzt hochheben, ich würde völlig erstarrt in meiner sitzenden Position verharren. Es wird immer schwüler und die Sonne brennt durch das geöffnete Fenster schmerzhaft auf meinem Gesicht. Winzige Schweißperlen suchen sich durch die Hitze und innere Anspannung ihren Weg über meine Stirn und gleiten am Hals entlang bis diese schließlich im Saum meiner Kleider münden und versinken. Wie wir unter lautem Hupen die Straße hinab sausen betrachte ich die teilnahmslosen Gesichter der Thais. Die Meschen hier sind die drastischen Fahrmethoden der öffentlichen Verkehrsmittel in Thailand gewohnt und sitzen völlig entspannt da. Keiner macht wie ich ein erschrockenes Gesicht.

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Eine Fähre bringt mich von der Anlegestelle am westlichen Ufer des Chao-Phraya-Flusses zum ‚Tempel der Morgenröte‘. Die Anordnung der bunten Mosaiksteinchen und farbenfrohen Muscheln nimmt mir den Atem. Weiß scheint der Tempel in seinen Grundzügen und dennoch farbenprächtig durch seinen Dekor wie der Blick durch ein sich stetig veränderndes Kaleidoskop. Die vielen kleinen bunten Teile fassen sich im weißen Untergrund zu einem wundervollen Symposium der Farben in aller Buntheit des Regenbogens und einer wunderbaren Vollkommenheit aller farbigen Facetten. Der Tempel ist völlig symmetrisch angelegt, vier Treppen führen hinauf zu kleinen Buddhastatuen. Die Höhe mutet imposant an und die winzigen Stufen der Treppen symbolisieren die zierliche Beschaffenheit der Anlage. Stolze dämonische Wächter aus Stein bewachen die Eingänge der Tempelanlage. Das gesamte Areal ist wunderschön.

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Leider kann der Tempel nicht betreten werden. Das im 16. Jhd. erbaute Heiligtum ist für die Öffentlichkeit gesperrt. Ich umrunde Wat Arun auf  den schmalen Plateaus, die die überschaubaren Treppenstufen miteinander verbinden. An den entgegenkommenden Touristen quetsche ich mich an die verzierten Wände gepresst vorbei. Viel zu eng sind die kleinen Balkone. Chinesische Krieger aus Stein tragen die einzelnen Ebenen. Das Stockwerk über mir halten steinerne Dämonen mit fürchterlich verzerrten Grimassen. Direkt unter mir tragen unzählige Elefanten die steinerne Last. Mein Blick schweift in die Höhe bis zum letzten verlorenen Erker des wuchtigen Baus. 234m misst der Umfang des Tempels. Ich kneife die Augen zusammen und senke dann geblendet die Lider. Die Sonne brennt heiß auf meine Haut. Ich befühle meinen stark geröteten Rücken. Der Tempel der Morgenröte hat mich mit gleisenden Sonnenstrahlen des vollen Tages überschüttet, die sich inzwischen zum roten feurigen Fleck auf die Haut meiner Rückseite gebrannt haben.

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Den Tempel Wat Pho in der Altstadt Bangkoks kann ich heute noch besichtigen. Der Königspalast hat aufgrund des ‚Holy Buddha Day‘ für die Öffentlichkeit bereits geschlossen. ‚Māgha Pūjāist der zweit wichtigste Feiertag der Buddhisten. An diesem Tag soll man nur gutes Tun und sein Denken völlig klar von jeglicher negativer Beeinflussung halten. Alkohol darf an diesem Tag nicht verkauft werden. Der Sinn und das Denken müssen völlig fokussiert bleiben auf das was im Leben wirklich zählt. In den Tempeln gibt es abends Kerzenprozessionen mit Räucherstäbchen und Lotusblüten als Opfergaben. Zurück zum Hostel nehme ich ein Tuk Tuk. Die heutige Fahrt mit dem Bus hat mir vollkommen gereicht. In der Rush Hour gleicht dies allerdings einem Selbstmordversuch durch drohende Rauchvergiftung. Hustend sitze ich im hinteren Teil des offenen Gefährts und wedele hilflos mit den Händen die Rauchschwaden der vielen Abgase beiseite. Ohne Erfolg. Ich bin am Ersticken. Klares Denken ist gerade überhaupt nicht möglich.

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Der Verkehr geht quälend langsam voran und kommt bald vollends zum erliegen. Der Gestank nach Öl und Abgasen ist überwältigend. Ich kriege kaum noch Luft. Jeder Atemzug fühlt sich an als hinge ich am Auspuff eines Autos. Einatmen tut weh und hinterlässt ein schmutziges Gefühl im Mund. Ich halte die Luft an bis ich zum Durchatmen gezwungen bin. Ein staubiger Film aus Schmutz und dem Dreck der Straße lässt sich auf meiner Haut und meinen Kleidern nieder. Tüv gibt es in Thailand nicht und die meisten Autos und Roller, die ihren Abgasen hier freien Lauf lassen dürften in Deutschland garnicht mehr fahren. Kurz bevor ich auf der Sitzfläche des Tuk Tuks verende sind wir endlich da. Ich bezahle den Fahrer und rette mich in die kühle Isolation der klimatisierten Rezeption meiner Unterkunft. Bangkok fasziniert mich. Diese Stadt ist unglaublich vielseitig und interessant. Und dennoch ist es gleichzeitig ein Fluch.

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