Die Brücke am Kwai

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Der Morgen beginnt genauso schwül wie die Nacht zu Ende gegangen ist. Kurz vor 6 Uhr hole ich mir meinen Kaffee im 7eleven Supermarkt genau neben meiner Unterkunft. Im Hostel gibt es nur löslichen Instantkaffee. Schwerfällig und müde schlurfen meine Schritte zurück zur Eingangstür meines Hotels. Es ist abgeschlossen. Ich rüttle ungläubig an der Tür. Diese ist fest versperrt. Ein junger Thailänder steht mit mir vor dem Eingang. Mein Blick ist ungläubig, seiner abwartend. Verschmitzt und verschlafen lächeln wir uns zu. Dann nahen die Schritte der Hostelwirtin. Aus ihren kleinen zusammen gekniffenen Augen blitzt Schlaftrunkenheit, langsam sind ihre Bewegungen. Wenig später pocht sie an die Tür meines Zimmers. ‚Du wirst abgeholt.‘ signalisiert sie mir mit unverständlicher Geste und deutet auf die Treppe nach unten. Ich blicke auf meine Uhr. Es ist erst 10 Minuten nach 6. Gestern war der Reiseveranstalter mehr als 30 Minuten zu spät. Heute ist er 30 Minuten zu früh. Das Zeitverständnis in Thailand ist ein sehr eigenes und nicht mit meinem zu vergleichen. Vor der Tür steht immernoch derselbe junge Mann. Er ist der Fahrer des Kleinbusses, der mich nach Kanchanaburi bringt. Ich muss grinsen und wir lachen beide herzlich.

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Die Freundlichkeit der Thais ist unglaublich ansteckend, auch mit Jetlag und wenig Schlaf. Selbst bei Sonnenaufgang im dreckigsten Smog mitten in Bangkok fehlt nie die Zeit für ein Lächeln. Dieses stete Lächeln ist wie eine kleine Auszeit inmitten der schmutzigen Luft und der Abgase, die sich bei Tagesanbruch mit dem Aroma von Gewürzen und dem Schweißgeruch der vielen Menschen mischen. Für einen Moment fühle ich mich dabei wie auf einer isolierten Insel unantastbar vom Großstadttrubel. Man sagt Thais lächeln auf 70 verschiedene Arten, selbst wenn sie wütend sind. Was schließlich auch geht, da man beim Lachen ja auch irgendwie die Zähne bleckt. Auf der Fahrt zur Brücke am Kwai halten mir mehrmals an, ohne dass mich der kurze Aufenthalt beunruhigt. Beim nächsten Stop an einer Autowerkstatt werde ich dann doch etwas nervös. ‚5 Minuten.‘ ruft unser Fahrer in das Innere des kleinen Busses. Wild gestikulierend deutet er in Gegenwart eines KFZ-Mechanikers immer wieder auf den hinteren linken Reifen. Beide öffnen den Kofferraum und der Dreck, Staub und die Abgase der Autobahn ziehen in unseren Van. Ich habe die Gestik und Mimik unseres Busfahrers richtig verstanden und interpretiert. Einer unserer Reifen ist platt. Neugierig drücke ich meine Nase an die kühle Glasscheibe des Wagens um ja keine Handlung zu verpassen. Die beiden Thais suchen intensiv die Räder in der Werkstatt ab um eine passende Alternative zu finden. Dann wechseln beide das Rad. Das ganze dauert natürlich länger als 5 Minuten. Oder vielleicht auch 5 Minuten nach thailändischem Zeitempfinden.

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Auf den schwimmenden Märkten in Damnoen Saduak kann man alles kaufen. Hüte, Tücher, Kissen und sogar Bier. Gemächlich schippert unser Boot an den vielen Ständen entlang. Auf einem kleinen Kahn verkauft eine thailändische Oma Gemüse. Daneben bietet eine junge Frau geflochtene Blumenketten und Räucherkerzen an. Dies sind die typischen Opfergaben in den buddhistischen Tempeln. Ein junges Mädchen schwenkt bunte Stoffe und Taschen. Ich hätte gerne eines der genähten Kissen in Form eines Elefanten, bin aber zu faul zum Handeln. Zwei Franzosen aus Paris erzählen mir stolz, sie hätten einen der Verkäufer von 600 auf 400 Baht herunter gehandelt um ein schlichtes weißes Baumwollshirt zu erstehen. Für das simple T-Shirt empfinde ich den Preis immer noch viel zu hoch und vermute 200 Baht maximal hätten sicher auch gereicht. Mindestens um die Hälfte lassen sich die Händler meistens drücken. Feilschen ist auf den thailändischen Märkten Ausdruck der Höflichkeit und wird hier auch von den Verkäufern erwartet. Dennoch beglückwünsche ich die beiden. Der hohe Preis freut mich für die Einheimischen. ‚Wenn Du etwas magst kann ich gerne für Dich handeln.‘ schlägt mir der Pariser vor. ‚Danke.‘ sage ich mit einem wissenden Lächeln und denke mir lautlos meinen Teil.

Die Metallplatten der Brücke über den Kwai sind teilweise lose und wanken bei meinen Schritten gefährlich mit. Ich schaue durch die dunkelbraune, fast schwarze Stahlkonstruktion auf das schmutziggrüne träge Wasser des Flusses. Langsam zieht der Kwai unter mir dahin, fast friedlich. Abertausende Tränen des Krieges wurden hier hinweggespült von den seichten Wogen der moosgrünen Wellen. Eine mahnende Ruhe liegt über diesem Ort, die auch die Hektik der fotografierenden Touristen nicht zerstören kann. Ebenso wie eine stille Traurigkeit und Kälte, die aus der Vorgeschichte der Brücke entspringt. Der frühere Schauplatz unsagbaren Leids ist heute eine beliebte Sehenswürdigkeit für Touristen. Nachdem Japan 1942 im 2. Weltkrieg Thailand besetzt hatte strebten die Japaner eine Verbindung der Eisenbahnstrecken von Thailand und Myanmar an. Dies sollte den Nachschub und die Versorgung für die japanischen Truppen verkürzen und sichern. Der 415Km lange Streckenbau erfolgte im wesentlichen durch eine große Zahl von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. Diese mussten den Dschungel über die gesamte Strecke roden und hinderliche Felsen sprengen. Die Felsbrocken und Steine in der bergigen Landschaft mussten zum Teil mit der bloßen Hand herausgebrochen werden.

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Die Eisenbahnlinie, für die ursprünglich eine Bauzeit von fünf Jahren eingeplant war, stellten die Kriegsgefangenen unter Druck der Japaner in nur 16 Monaten fertig. 90.000 Zwangsarbeiter und rund 12.000 Kriegsgefangene kamen während der Bauarbeiten ums Leben. Sie starben an Entkräftung, denn die Gefangenen arbeiten etwa 18 Stunden am Tag und erhielten kaum Nahrung. Viele der jungen Männer, die meist kaum älter als Anfang 20 waren, starben im Dschungel von Thailand an Malaria und Cholera. Andere erlagen den Schikanen der japanischen und koreanischen Aufpasser. Seitdem heißt die Strecke ‚Death Railway – Eisenbahn des Todes‘. Anfang 1943 war die Strecke bis Kanchanaburi in Betrieb. Zuerst wurde die Brücke aus Holz errichtet. Erst 5 Monate nach Fertigstellung der Holzkonstruktion traf weiteres Baumaterial aus Japan ein. Aus diesem wurde eine zweite parallele Brücke aus Beton und Stahl gebaut. Nach dem Krieg wurde die Zugverbindung nach Myanmar gekappt und das Metall verkauft. Man hatte Angst vor einer neuen Invasion über die Strecke. Inzwischen fährt für die Touristen wieder eine knallgelbe Diesellok 6 Mal am Tag über die Brücke am Kwai. Ich lege meine Hand auf das heiße Metall. Ich fühle wie es in der Hitze der Luft vibriert und sich ausdehnt wie ein pulsierender, lebendiger Arm. Als würden die unglücklichen Kriegsgefangenen mit ihren einfachen Werkzeugen immer noch den Stahl bearbeiten und die verbrannten ausgemergelten Körper in die gleißende Sonne strecken. Ein Schauer fährt mir über den Rücken. Und wird sogleich von der hellen Nachmittagssonne vertrieben, die mich mit ihrer angenehmen Wärme wieder zurück in die Gegenwart bringt. Ich stehe auf der metallenen Brücke inmitten einer Horde Touristen.

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Als ich die Tür unseres Kleinbusses öffne, kann ich schon die Elefanten sehen. Im weitläufigen Camp grasen diese friedlich in einem kleinen Wald. Langsam klettere ich auf den Rücken des Giganten. Der grau Riese hält auf elegante Art und Weise still bis ich einigermaßen mittig auf seinem Rücken sitze. Ich trage natürlich total unpassend einen Rock. An meinen Oberschenkeln und Waden spüre ich die raue, borstige Haut des Dickhäuters. Dann setzt der Elefant seine riesigen Füße in Bewegung und trottet gemächlich und behäbig zur Wasserstelle. Sein langer Rüssel schwingt im Takt seiner Schritte gleichmäßig hin und her. Als er die Böschung betritt und hinab zu den dunklen Wellen schreitet rutsche ich unsanft nach vorn. Dann platschen wir mit den Vorderbeinen zuerst ins Wasser. Der Elefant kann noch stehen, ich nicht mehr. Gegen die Hitze wedelt der Riese mit den Ohren und zieht mit einem tiefen Schlürfen seinen Rüssel voller Wasser um dieses sogleich in einer erfrischenden Fontäne loszuwerden und über mich zu ergießen. Mein Oberteil und mein Rock hängen schon in den Fluten des kleinen Sees, meine Füße sowieso. Ich spüre wie das dreckige Wasser den Stoff aufweicht und bis in jede Ritze meiner Unterwäsche kriecht. Die Feuchtigkeit hinterlässt auf der Haut einen angenehm kühlen Film, der sogleich in der Sonne verdunstet. Plötzlich taucht der Elefant unter, erschreckt pruste ich nach Luft. Gleich darauf wird der dicke Schädel wieder sichtbar und der graue Riese legt sich flink in der Nähe des Ufers komplett auf die Seite. ‚Elefant tot.‘ witzelt der Besitzer. Ich beeile mich mein Bein unter dem Giganten wegzuziehen bevor dieser den Grund der Wasserstelle erreicht und meinen Fuß unter sein Gewicht quetscht. Schließlich saß ich ja eben noch auf seinem Rücken und mein Bein brauche ich noch.

Den sanften Riesen liebe ich auf Anhieb. Ich blicke in seine weisen großen pechschwarzen Augen während ich ihm zärtlich mit einer Bürste über die schroffe, borstige Haut streiche. Dann erkenne ich die kleinen Pikser auf seinem Kopf, die teilweise schon ganz verschorft sind. Mir wird klar, dass diese möglicherweise von den Stöcken der Elefantenhirten stammen. Die Hüter haben anscheinend keinen Respekt vor ihren Tieren und mir vergeht der Spaß schlagartig. Der Rest des Körpers des Dickhäuters ist zum Glück unversehrt. Da nimmt der Gigant mich auf seinen Schädel und wirft mich spielerisch in die Luft wie eine Feder. Unfreiwillig muss ich grinsen. Ständig taucht der Elefant mich bis zu den Schultern in den See. Innerlich macht er sich womöglich lustig, da ich auf ihm hänge wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Schmerzhaft bohrt sich das Rückrat des Elefanten in meinen Unterleib. Ich passe mich so gut es geht der rhythmischen Bewegung seiner Füße an und kann dadurch viel unverkrampfter auf ihm reiten. Die Höhe der Tiere hatte mir durchaus Ehrfurcht eingeflößt und ich bin auch nicht die Sportlichste. Dennoch bin ich froh, dass ich mich getraut habe. Ich hoffe, den Tieren in diesem Camp geht es nicht so schlecht, wie ich tw. den Eindruck hatte. Leider erfährt man ja immer wieder, dass die Lebensbedingungen in solchen Einrichtungen absolut mangelhaft sind. Und die Tiere sind dort nicht viel wert. Ich weiß, dass ich aus diesem Grund an einem solchen Ausflug nicht mehr teilnehmen werde. Dennoch hat ein Elefant in Thailand jetzt einen neuen Fan!

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