Was kostet eine Frau?

Vorsichtig setze ich den vorderen Fußballen auf die hölzerne Treppe. Die morschen Stufen knarren sofort unter dem Gewicht meiner Zehen. Langsam ziehe ich den Rest des Fußes auf den splitternden Untergrund. Das ohrenbetäubende Knirschen durchzieht die Stille um mich. Tonlos und leise die Holztreppe hinabzugehen ist unmöglich. Die Holzbalken sind viel zu alt. Meine Handflächen tasten sich an der steinernen Wand des Flurs entlang. Kalt spüre ich die Mauer unter meinen Fingern. Ein eisiger Wind weht durch die Ritzen des Dachgeschosses. Beklommen verharre ich kurz in der Stille dieses tristen Ortes. Dann drängen laut die nächsten Touristen in meine Isolation. Im oberen Stock des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam befindet sich heute ein jüdisches Museum. Die Wohnung in der ich stehe ist nur durch eine geheime Treppe zu erreichen, deren Zugangstür ein Holzregal im Appartement davor verdeckt. Im Erdgeschoss des Anwesens befand sich ein Groß- und Einzelhandel, von dem Annes Vater Otto Frank Geschäftsführer war. Im 1. OG sind alle Büros. 1940 zog die jüdische Familie in das Haus an der Prinsengracht. Während des zweiten Weltkrieges versteckte das Ehepaar sich und seine 2 Kinder, sowie ein befreundetes Paar im Hinterhaus. Dieser Teil des Gebäudes war von allen Seiten vor Einsicht von der Straße geschützt. Alle 8 Personen lebten über zwei Jahre auf engstem Raum von 50qm. Die Fenster waren zur Sicherheit abgedunkelt. Licht anzuzünden bedeutete die Gefahr der Entdeckung durch die Gestapo. Nur abends und an Wochenenden, wenn die Angestellten der Firma das Gebäude verlassen hatten, konnten die versteckten Personen ins Vorderhaus kommen.

31267234393_170d458d1b

Glazen constructie ter bescherming van de originele boekenkast in het  Anne Frank Huis.
Glazen constructie ter bescherming van de originele boekenkast in het Anne Frank Huis.

Ich kann mir kaum vorstellen, wie bedrückend es ist, den ganzen Tag im Dunkeln und ohne Privatsphäre zu leben. Seine eigene Komfortzone soweit einzudämmen, um auf schmalstem Raum mit anderen Menschen zu leben. Jeden Tag eine nie vergehende Angst zu empfinden, dass man verhaftet und getötet werden könnte. Und ebenso eine große Wut und Enttäuschung, weil man eigentlich nichts getan hat und sich keiner Schuld bewusst ist. Die Welt hasst einen, weil man anders ist. Jude ist. Die Unzufriedenheit der Menschen verurteilt eine Religion zum Sündenbock der Nation. Die Juden sind schuld. Weil es so einfach ist jemand anderem die Ursache zuzuschieben als sich selbst zu reflektieren. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wurden die jüdischen Familien verraten. Am 4. August 1944 verhaftete und deportierte man sie. Ursprünglich lebten die Franks in Deutschland. Anne wurde eigentlich in Frankfurt geboren. Erst in den dreißiger Jahren floh die Familie aus Furcht vor den Nazis in die Niederlande. Genützt hat es ihnen nichts. Bis zum Ende hat das kleine Mädchen Tagebuch geführt ohne zu wissen, dass sie einmal ein wichtiger Zeitzeuge der deutschen Geschichte werden würde. Eigentlich ein normaler Teenager mit Wünschen und Träumen. Heute widmet man ihr ein gesamtes Museum.

amsterdam-2009507_1920

amsterdam-2684933_1920

Eiskalt läuft es mir über den Rücken, wenn ich die hinter zwei  gegenüberliegenden Glasscheiben aufgetürmten Schuhe aus Konzentrationslagern ansehe. Elegante Pumps neben ausgetretenen, ärmlichen Modellen einer älteren Frau. Dreckige Flecken und Schmutz überziehen winzige Babyschuhe. Mein Blick verschwimmt. Meine Ohren füllen sich mit den stummen Schreien, die von der Glaswand ausgehen. Mein Uroma hieß Stefanie Friedmann, sie war Jüdin. Deshalb verläuft durch unseren Familienstammbaum auch eine rote Linie. Jüdische Familienteile mussten während des Weltkrieges in der Ahnentafel intensiv kenntlich gemacht werden. Meine Uroma heiratete dann meinen Uropa und konvertierte zur katholischen Kirche. Damals war das so. Die Frau hatte ihr Leben nach ihrem Ehemann auszurichten, auch bei der Religionswahl. Beide versteckten auf dem Dachboden ihres Bauernhofs Behinderte und Juden, um diese vor der Gestapo zu schützen. Passiert ist beiden zum Glück nichts. Allerdings war deren Wohnort Ebenung in der Nähe von Baden-Baden ein vergessener Fleck mit nur wenigen Anwohnern. Trauer über das gesehene Leid und die spürbare Verzweiflung der alten Mauern verfolgen mich durch den Ausgang auf die Kopfsteingassen Amsterdams.

holland-2222524_1920

amsterdam-2705361_1920

Über den träge daliegenden Grachten weht ein leichter Wind und zerrt am meinem Haarzopf. Die frische Brise vertreibt die Tristesse der Geschichte und die leidende Atmosphäre verblast. Helle Sonnenstrahlen tanzen fröhlich auf den zierlichen Wasserwegen und spiegeln gelbliche Lichtpunkte auf meine Jacke. Die Herbstsonne wärmt meine Wangen und vertreibt die Eiseskälte der Emotionen aus den Gliedern. Ich streckte mein Gesicht zur Sonne. Ein warmer Hauch streicht mir über die Backe, wie als liebkosende Entschuldigung für das Gesehene. Ist schon gut, denke ich bei mir. Hauptsache wir vergessen das Passierte nicht. Unzufriedenheit in der Bevölkerung ist eine gefährliche Waffe. Schlechte Lebensumstände können die Menschen zum Äußersten treiben und ebnen größenwahnsinnigen Verrückten den Weg. Neugierig und auf der Suche nach Ablenkung öffne ich die Tür des Hasch- und Marihuanamuseums. Es liegt in unmittelbarer Nähe zum Anne-Frank-Haus. Wo wäre solch ein Museum besser angesiedelt als in der Hauptstadt der Niederlande? Kiffen ist hier schon lange legal. In den Coffeshops der Innenstadt kann man sich sowohl lose Ware als auch fertig gedrehte Joints kaufen. Beim Eintreten strömt ein süßlicher Duft mit dem nächsten Atemzug in meine Nase.

coffee-951947_1920.jpg

coffee-shop-1119451_1920

Hanf ist seit Jahrtausenden eine Nutzpflanze für die Menschen. Textilien, Seile und sogar Papier lassen sich daraus herstellen. Aus der Pflanze kann man auch Öl gewinnen für Salat oder als Brennstoff für Lampen. In der Medizin verwendet man Cannabis zur Schmerzlinderung bei Krebspatienten. Dabei ist Hanf in der Pflege völlig anspruchslos und leicht zu versorgen. Das süße Aroma schlängelt sich durch das ganze Museum. Vorsichtig schiebe ich den Plastikvorhang des Verdampfungsraums zu Seite. Die Intensität des Geruchs trifft mich mit voller Wucht. 5 Marihuanapflanzen wachsen hier und werden vom Personal gehegt. Ein zierlicher Rundgang schlängelt sich durch das Areal und dokumentiert die Verwendung von Hanf seit dem Altertum. Meine Hand fährt an meine Schläfe. Fahrig beginnen meine Finger die Stelle zu massieren. Mir ist ganz schwummrig. Mein Kopf pocht dumpf und tut weh. Als Besucher des Haschmuseums eigne ich mich wohl nicht. Zum Glück ist die Ausstellung nicht sehr groß. Ich stolpere durch den Ausgang und hole tief Luft. Frischer eiskalter Atem strömt in meine Lunge. Der zuckrige Geruch wird vom Aroma feuchter Erde und fallender Blätter verdrängt. Eine gute Idee den Besucher während des Rundgangs mit den Empfindungen des Konsums zu konfrontieren. Das nennt man anschaulichen Unterricht.

wooden-shoes-1098211_1920

cheese-2133741_1920

Ich stehe mitten im Rotlichtviertel Amsterdams. Halbnackt räkeln sich die Frauen hinter den Fenstern. Spitzen-BH reiht sich an Lederoutfit und Negligee. Die Damen sind alle unterschiedlich. Hier wird jede Vorliebe fündig. Dick oder dünn, egal welche Nationalität. ‚Was kosten die Frauen eigentlich?‘ wende ich mich an meinen Reisepartner. ‚Kannst Du das mal bitte fragen?‘ Im Grunde kommt das bestimmt auf den Service an. Eine Eskortdame kostet pro Stunde tw. über 1.000 Euro. In normalen Bordellen zahlt man etwa 150 – 200 Euro die Stunde. Sex ist eine Dienstleistung wie jede andere auch. Eine ehrlich arbeitende Professionelle muss sich genauso um Steuern und Sozialabgaben kümmern wie jeder Arbeitnehmer sonst. Sie muss für Ausfalltage und ihr niedrigeres ‚Renteneintrittsalter‘ vorsorgen, ab dem sie weniger Einnahme hat. Bedenkt man dies, so relativiert sich der hohe Stundenlohn schnell. Alles darunter wäre wahrscheinlich Ausnutzung. Dies gilt natürlich nicht für Straßenstrich und Drogenabhängige, die unter Zwang oder aus der Not heraus ihre Dienste anbieten. ‚Wie wäre es mit uns Süßer?‘ ruft eine laszive Stimme zu uns herüber. Allerdings gehört die keiner Frau. Zumindest soweit ich das gut geschminkte Gesicht studieren kann. Auf  hohen Pumps wackelt ein schlanker Knabe auf uns zu. ‚Nichts wie weg hier.‘ sagt mein Gegenüber.

amsterdam-1853459_1920

amsterdam-2551_1920

coffee-951947_1920.jpg


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s