Gefängnis für Studenten

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Klack, klack, klack. Meine Absätze tönen bei jedem Schritt gleichmässig auf dem unebenen mittelalterlichen Kopfsteinpflaster. Die Melodie verhallt mit jedem Schritt im Lärm der Touristen und Einkaufenden, der die komplette Heidelberger Altstadt erfüllt. Ich drücke mich vorbei an japanischen Besuchern, die die gesamte Umgebung lediglich durch das Projektil Ihres Fotoapparats betrachten. In gesammelten Horden schlendern diese emsig hinter dem schmalen Stock des Reiseführers her, der permanent in die Luft gehalten wird. Ich höre Gesprächsfetzen in allen Sprachen der Welt und erblicke Gesichter aus allen Kulturen der Erde. Die Sonne brennt auf die roten Häuserfassaden und reflektiert kleine helle Lichtflecken auf die vielen Verzierungen und Ornamente. Die goldenen Schriftzüge der Restaurants werfen einen gleisenden Schatten und funkeln in fast blendendem Weiß.

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Ich verlasse die Hauptstrasse und spaziere zum Neckar, der träge, dunkel und undurchsichtig durch Heidelberg fließt. Geht man durch das Tor der alten Brücke, steht man mitten am Wasser und hat einen wunderschönen Blick auf das Heidelberger Schloss, das auf einem Hügel über der Stadt droht. Die Mittagssonne erwärmt die bräunlichen Ruinen, sodass diese flimmern wie in einer Fata Morgana und vom Neckar weht eine leichte Brise, die Abkühlung bringt. ‚Alt Heidelberg, du feine, drei Dinge nenn ich deine: das alte Schloß, den Neckarfluß und den Heidelberger Studentenkuss.‘ (angelehnt an Joseph-Victor von Scheffel). Der Studentenkuss ist ein mit Zartbitterschokolade umhülltes Nougatkonfekt. Wegen der Schokolade bin ich heute nicht hier, wohl aber wegen der Studenten. Ich betrete den Studentenkarzer an der Rückseite der Ruprecht-Maximillian-Universität.

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Das Studentengefängnis wurde in den 1780er Jahren eingerichtet und war bis 1914 in Betrieb. Die Universität besaß damals eine eigene Gerichtbarkeit und konnte ihre Studenten daher also nach eigenem Ermessen bestrafen. Ab 1823 wurde öffentliches Missverhalten mit einer Karzerhaft bestraft. Heftige Mensuren, nächtliche Ruhestörungen, Trunkenheit oder grober Unfug, oftmals einfach nur feucht-fröhliche Streiche, waren in der Regel der Grund für die Freiheitsstrafen. Bei vielen Studenten galt ein solches Vergehen als »Kavaliersdelikt«. Es gehörte ebenso zum Studium wie das Examen. Je nach Vergehen dauerte der Arrest zwischen zwei Tagen und vier Wochen. Die Studenten mussten nur die ersten 2 bis 3 Tage mit Wasser und Brot ausharren. Danach durften sie Verpflegung von außen entgegen nehmen.

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Die jeweiligen Bruderschaften wurden getrennt eingesperrt. Die meisten Studenten waren stolz darauf im Karzer zu sitzen. Man konnte sich damit brüsten wie mit einem erfochtenen Schmiss. Theoretisch durfte man während des Gefängnisaufenthalts die Vorlesungen besuchen. Jedoch galt das Karzerleben insgesamt als recht komfortabel und so wurde die Haft eher genutzt, um Lehrveranstaltungen zu schwänzen und dafür die Zellwände mit Sprüchen, Malereien oder Gedichten zu verschönern. Bis heute bemüht man sich um die Konservierung der Kunstwerke, um diese ganz besondere Art von Gefängnisleben für kommende Generationen zu erhalten. Heute ist der Karzer ein Teil des Studentenmuseums der Heidelberger Universität. Wenn grober Unfug ein zu bestrafender Delikt ist, hätte ich hier sicher auch öfter gesessen.

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