Kyrillische Buchstaben

Mehr gibt es in Chisinau nicht. Die Hauptstadt Moldawiens hat keine großen Sehenswürdigkeiten oder Shoppingadressen. Die Menschen sind arm und die Häuser, in denen die Bevölkerung lebt in schlechtem Zustand. Moldau ist eines der ärmsten Länder Europas. Die kleine Republik lebt vor allem von der Landwirtschaft sowie von der damit verbundenen Industrie, vor allem im Obst- und Weinanbau. Nach dem BIP pro Kopf das wirtschaftsschwächste Land in Europa, sind die meisten Häuser in der Hauptstadt recht verfallen. Nur die Regierungsgebäude sind intakt. Mein Hotel liegt versteckt am Rande der Innenstadt. In der Umgebung befinden sich weder Parks noch Grünanlagen, nur Geröll und Sandfelder. In der Toilette brennt permanent das Licht, einen Schalter gibt es nicht. Auch keine funktionierende Klospülung, eine Gießkanne mit Wasser steht zu diesem Zweck im Bad. Eine blonde Studentin zeigt mir mein Zimmer. ‚Ich studiere Theaterwissenschaften hier in Chisinau.‘ sagt sie selbstbewusst. Bei der Nennung ihres Studiengangs leuchten ihre Augen auf. Sie möchte noch etwas aus sich machen bevor sie irgendwann heiratet und sich dann um die Kinder und den Haushalt kümmert. Sie spricht von dieser Lebensplanung mit einer Selbstverständlichkeit, als gäbe es keine andere Wahl. Tut es auch nicht, so sind hier die gesellschaftlichen Konditionen.

PrimariaChi_inau.jpg                                Quelle: Wikipedia, Urheber und Fotograf Spiridon Ion Cepleanu

Ich begreife, was es für ein Privileg ist, in einem Land zu leben, in dem ich die freie Wahl der Lebensgestaltung habe. Heirat und Kinder gehörten nie zu meinem Zukunftsplan und ich muss mich dafür nicht rechtfertigen. In Moldawien ist die Rolle der Frau so, wie in Deutschland vor 50 Jahren. Meine Mutter erzählte mir einmal, sie habe als junge Frau nur mit der Zustimmung ihres Ehemannes ein eigenes Konto eröffnen dürfen. In einem Einkaufszentrum mit mausgrauen, unscheinbaren Wänden kaufe ich mir etwas zu essen. Das Center besteht aus winzigen Einzelzellen, in denen Händler billig hergestellte Dinge anbieten. Es gibt kleine Shops für Uhren, Haushaltswaren und Kleidung. Der Rest der Gebäude in der Innenstadt ist eine grobschlächtige Ansammlung aus weiteren Grauvariationen, eine neblige Tristesse. Ich schlendere durch die Strassen, selbst die Kathedrale dieser Stadt ist völlig unauffällig. Auf den Gehsteigen liegen ebenfalls Schuhe, Taschen, Uhren und Kleider zum Verkauf. Hier offeriert, wer sich keinen eigenen Laden leisten kann. Eine Auslage aus preisgünstig nachgeahmten Marken. Manche so offensichtlich gefälscht, dass es schon fast amüsant ist. Wäre dieser Witz nicht umrahmt von der alles umfassenden Armut der Bevölkerung.

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Heute hätte ich eigentlich gern Transnistrien besucht. Durch den schwellenden Ukrainekonflikt bin ich allerdings fast die einzige Touristin in meinem Hostel. Ein geführter Ausflug in das Grenzgebiet zu Russland würde mich als Einzelperson über 100 Euro kosten. Alleine möchte ich wegen der berüchtigten Korruption der Grenzbeamten nicht fahren. Ich muss morgen mit Air Moldova zurück nach Deutschland fliegen und kann nicht riskieren in Transnistrien festgehalten zu werden. Bis heute ist der seit 1990 gegründete Staat von anderen Ländern nicht anerkannt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat sich das heutige Staatsgebiet eigenmächtig von Moldawien abgespalten. Bislang erkennt keine Nation oder internationale Organisation das Gebiet an, sondern sieht es als zu Moldau gehörig. Was die Regierung von Transnistrien nicht daran hindert, eine eigene Währung, Verwaltung und ein eigenes Militär aufzustellen. Die Hauptstadt des Landes heißt Tiraspol. Es ist daher möglich illegal nach Moldawien einzureisen, wenn man das Land aus Russland kommend durch Transnistrien betritt. Man erhält zwar einen Stempel beim Grenzübergang, dieser ist in Moldawien aber nicht gültig.

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Als einzelner Tourist ist mir der Ausflug zu unsicher, so entscheide ich mich, den Tag in Chisinau zu verbringen. Zurück im Hostel miste ich meinen Handgepäckkoffer für den Rückflug aus. Bei einer Rundreise wie dieser, quer durch Osteuropa, ist es wichtig sein Gepäck immer dabei zu haben. Müsste ich einen Koffer aufgeben und dieser wäre bei Ankunft im Land nicht da, wäre ich gezwungen auf mein Gepäck zu warten. Das ist bei einer Rundreise denkbar schlecht, weil man ja zunächst an einen Ort gebunden ist. Ein Wäschereiservice wird in jedem Land für wenig Geld angeboten. Bei längeren Reisen hat es sich daher bewährt weniger mitzunehmen und unterwegs in einem Hostel die Kleidung zu waschen. Ich sortiere Haarspray, Duschbad und Shampoo aus, alle Flaschen sind zu groß um diese im Handgepäck mitzuführen. ‚Möchtest Du vielleicht den Rest von dem Essen, das ich heute gekauft habe?‘ frage ich die junge moldawische Studentin, die mir ihr Studienfach heute morgen auf entzückende Art erklärt hatte. ‚Ich habe auch noch ein Haarspray, Duschbad und Shampoo.‘ auf den ausgestreckten Unterarmen halte ich der jungen Frau die Pflegeartikel entgegen. Ihr strahlendes Lächeln lässt mich an Weihnachten denken. Ihre Freude steckt mich an, macht mich aber auch traurig.

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Eine überbordende Fröhlichkeit, weil mehr als die eigenen Grundbedürfnisse gedeckt sind. Beschämt schaue ich zu Boden. Die junge Frau bemerkt dies nicht. Sie geht zum Kühlschrank, nimmt mein halbes Hähnchen heraus und lässt es sich schmecken. Sie trägt glaube ich dieselbe Schuhgröße wie ich, das hatte ich registriert. Einfache Sneaker. Am nächsten Morgen werde ich von der Hostelwirtin zum Flughafen gebracht. ‚Wir haben hier Angst.‘ erklärt sie mir. Die Verzweiflung bricht ihre Stimme, sie verzieht das Gesicht. ‚Wir sitzen hier zwischen Russland und der Ukraine. Die Russen könnten durch Moldawien marschieren. Die Anspannung in der Bevölkerung ist groß.‘ Ich besuche Moldau im Jahr 2014. Das kleine Land lebt im Schatten der Krim-Krise. Es ist von Russland durch Im- und Exporte abhängig. Durch die Autoscheibe sehe ich den Flughafen. Ich erreiche meinen Flug nach Frankfurt pünktlich. In zwei Stunden bin ich in einer anderen Welt. Ein paar Oasics-Turnschuhe habe ich leider im Hostelzimmer vergessen. Komisch.

800px-Basar_von_Chi_inau                                Quelle: Wikipedia, Urheber und Fotograf Jomu

2 Gedanken zu “Kyrillische Buchstaben

  1. Transistrien steht auch auf meiner Liste, vielleicht hat sich die Lage dort inzwischen entspannt.
    Ja, man ist schon betroffen, wenn man sieht, wie sich Menschen mancherorts über einfache Dinge freuen. So geht es mir auch, denn ich denke: Mir geht es gut und daran ist nicht verkehrt, aber… es sollte möglich sein, dass es auch anderen so gut geht 🙂

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    1. Hallo Kasia, so denke ich auch. Es muss doch zumindest möglich sein die Grundbedürfnisse für ein angenehmes Leben für alle Menschen zu gewährleisten. Immerhin nehme ich dann immer eine große Dankbarkeit mit nach Hause und weiß den Komfort und Konsum, in dem ich lebe zu schätzen. Liebe Grüße aus Bangkok Lisa

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