Einreise ohne Waffen

Kurz vor der jordanischen Grenze bei Taba geht das Licht im Bus aus. Sollte auf uns geschossen werden, ist es für den Schützen schwieriger im dunklen Bus ein Ziel zu lokalisieren. Ich ducke mich in das Polster des Sitzes, ziehe beide Schultern nach unten und rutsche so weit es geht von der Fensterscheibe weg. Das Auswärtige Amt hat eine Reisewarnung für Ägypten herausgegeben und rät vor allem von der Fahrt in die Grenzgebiete Richtung Jordanien und Israel ab. Ich bin im Bus die einzige Deutsche. Der Wagen ist voller Russen. An der Grenze in Eilat schaltet der Fahrer das Licht wieder ein. Schüsse sind nicht gefallen. Erleichtert ziehe ich die warme Luft um mich ein und atme tief auf. Zur israelischen Grenze ist es nicht mehr weit. Ich reiche meinen Reisepass der jungen Frau. Die Israelin sieht mich misstrauisch an. ‚Haben Sie Waffen dabei?‘ fragt sie mich. ‚Nein.‘ sage ich überrascht. ‚Was machen Sie inmitten einer Reisegruppe von lauter Russen, Sie sind die einzige Deutsche? Weshalb wollen Sie nach Israel? Ich frage Sie nochmal, haben Sie Waffen dabei?‘ Wie eine rhetorische Pistole prasseln die Fragen auf mich ein.

‚Es gab nur diesen Ausflug, eine andere Reisegruppe gibt es nicht. Ich führe keine Waffen bei mir. Ich bin Tourist.‘ ich halte ihrem Blick stand. Ihr Tonfall ist unangenehm. ‚Was wollen Sie in Israel?‘. ‚Ich mache Urlaub.‘ wiederhole ich. Sie ruft einen zweiten Grenzbeamten und zeigt ihm meinen Pass. Beide schauen auf mein Abbild und studieren mein Gesicht. Meine Haarfarbe hatte sich seit der Aufnahme des Bildes geändert. Eine Zeitlang hatte ich die Haare braun getragen. Eine einladende Handbewegung ruft einen dritten Beamten hinzu, um mein Bild zu prüfen. Ein anderer Tourist aus der Reisegruppe tritt neugierig hinzu und erntet einen strafenden Blick. ‚Bleiben Sie weg.‘ sagt die junge Israelin, die Hand abwehrend erhoben. Der Urlauber bleibt stehen. So langsam wird es mir ungemütlich. Wenn ich nicht einreisen darf, bleibt mir wohl nur an der Grenze zu warten, bis der Bus aus Israel zurück kehrt. ‚Haben Sie Waffen dabei?‘ wieder diese blöde Frage. Am liebsten würde ich einfach mal mit ‚Ja‘ antworten. ‚Nein.‘ sage ich stattdessen. Endlich winkt man mich mit unfreundlichem Blick durch die Grenze.

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Schon erhebt sich die aufgehende Sonne über der kargen Landschaft der Wüste. Sie schickt ihre rotgoldenen Strahlen über die umliegenden Dünen bis in unseren Bus. Warm fühlt sich der Sonnenschein auf meinem Gesicht an und vertreibt das mulmige Gefühl, das der Grenzübergang heraufbeschworen hat. Unser erster Stopp führt uns nach Bethlehem in die Geburtskirche. Wie der Name schon sagt, wurde diese Kirche auf der Geburtsstätte von Jesus Christus errichtet. In einer Höhle unter der Kirche steht ein Altar. Genau an diesem Ort soll Maria ihren Sohn geboren haben. Der Nahost Konflikt ist in Bethlehem überall spürbar. Auf dem Weg zur Gebetsstätte fährt unser Bus an der 4m hohen Mauer entlang, die Israel errichtet hat, um die Palästinenser auszusperren. Die Menschen müssen dadurch immense Umwege in Kauf nehmen, um z.B. zum nächsten Flughafen oder Bahnhof zu kommen. Im Angesicht der hohen Mauer, die die Häuser trennt, fühlt man sich wie in einem Gefängnis.

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Obwohl die israelische Regierung für den Bau kritisiert wird und dieses Vorgehen gegen die Menschenrechte verstößt wird die Umzäunung weiter errichtet. Laut Regierung wird die Absperrung gebaut, um die Anzahl der Anschläge von jordanischer Seite aus einzudämmen. Nach Angaben der israelischen Botschaft gingen dadurch die Selbstmordanschläge stark zurück. Sie bezeichnen die Mauer auch als ‚Terrorabwehrzaun‘. 700 Km der Sperranlage ist ein einfacher Maschendrahtzaun. Hier bei Bethlehem ist die Mauer bis 8m hoch. Unser Bus hält am Toten Meer. Ich gehe Schwimmen. Ein interessantes Gefühl, wie einem das Wasser trägt. Mein Beine kitzeln durch den hohen Salzgehalt im Wasser. Die Wellen führen mich, ich kann nicht untergehen und lasse mich treiben. Ich schmecke Salz. Es brennt auf meinen Lippen und trocknet schnell in der Sonne. Ich fühle mich wohl im See und strecke abwechselnd die Füße aus dem Wasser in die heiße sonne. Trotzdem bin ich enttäuscht. Der Strand ist schmutzig und Müll liegt im Sand. Es riecht eindringlich in den Umkleidekabinen nach Urin und nassem Schlamm. Der öffentliche Strandabschnitt wird im Gegensatz zu den Hotelstränden um uns nicht sauber gehalten. Mit feuchter Kleidung, tropfenden Haaren und einem feinen Salzschleier auf der Haut steige ich in den Bus. Die Duschkabinen hatten mich ebenso angewidert wie die Umkleide.

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Am Busfenster zieht der karge Ölberg vorbei. Trist stehen vereinzelt ein paar Olivenbäume und sprenkeln die Ödnis mit ihrem mageren dunklen Grün. Wir sind in Jerusalem. Hier besuchen wir die Grabeskirche, die an der Stelle der Kreuzigung von Jesus steht. Dort soll sein Grab liegen. Die Ruhestätte befindet sich in einer kleinen Kapelle im Inneren der Kirche. ‚Legt man den Gegenstand eines geliebten Menschen auf die Marmorplatte, erhält dieser Gottes Segen.‘ erklärt unser Reiseführer. Seine Worte machen Wirkung auf die russischen Touristen. Jeder zieht sein Smartphone oder iPad aus der Tasche und legt dieses auf die Grabplatte. Unter der technischen Last ist der Stein kaum mehr auszumachen. Ungläubig schüttele ich den Kopf. Aber in Zeiten der globalen Digitalisierung kann man wohl auch Laptops und Telefone als persönliche Gegenstände bezeichnen. Und diese segnen lassen.

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Unser Rundgang durch Jerusalem endet an der Klagemauer. Als Frau darf ich mich dieser nur verschleiert nähern. Es ist faszinierend wie gut die verschiedenen Religionen in der Hauptstadt Israels miteinander leben. Die Altstadt ist in das muslimische, jüdische, christliche und armenische Viertel gegliedert. Jede Glaubensrichtung hat einen eigenen Stadtteil. Jerusalem ist sowohl für Christen und Juden, als auch für Moslems eine heilige Stadt. Synagogen stehen unweit von Kirchen und Moscheen. Für die Christen ist die Stadt von Bedeutung, da hier Jesus gekreuzigt und gestorben sein soll. Für Juden ist Jerusalem wichtig, weil​ Abraham bereit war, auf dem heutigen Tempelberg Gott seinen Sohn zu opfern. Und die Muslime denken, dass Mohammed dort seine Himmelsreise zu Allah angetreten hat. Diese Stadt ist ein Schmelztiegel der Religionen und Kulturen. ‚In Jerusalem wird gebetet, in Haifa gearbeitet und in Tel Aviv gefeiert.‘ sagt ein altes israelisches Sprichwort. Doch neben den ganzen Gebeten versprüht die Stadt eine Lebendigkeit, die mich begeistert. Schlagen doch die Herzen der verschiedenen Kulturen und Glaubensrichtungen miteinander im gleichmäßigen, rhytmischen Takt. Das spürt man.

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