Ein Gott in einem Baum

Die Räder des kleinen schwarzen Autos knirschen auf dem gefrorenen Kies. Langsam tuckert mein Auto über den eisigen Abhang. Unsere Ferienwohnung liegt im Parterre eines an den Hang gebauten Bauernhofs. Direkt vor den großen Fenstern ragen die dunkelgrünen Tannen des Schwarzwalds in den azurblauen Himmel. In der Nähe plätschert ein kleiner Bach gemächlich dahin. Das gleichmäßige Geräusch der Wellenbewegung dringt zu uns herüber. Hin und wieder ertönt das langgezogene Zwitschern eines Vogels. Die kalte Umgebung lässt jeden Atemzug zu einem durchsichtigen Schleier werden. Kurz steht der dünne Hauch vor den eigenen Lippen, bevor der nächste Luftzug den feinen Atemteppich wieder zerreißt. In den Räumen der Wohnung ist es gemütlich warm. Das helle Holz der Möbel spiegelt die einladende Stimmung wieder. Achtlos werfe ich meinen Koffer auf den Holzboden der Diele. Für unsere Wanderung ziehe ich meine bunte Wollmütze tiefer ins Gesicht. Meine Finger stecken in Lederhandschuhen. Ich öffne schwerfällig die Tür. So warm eingepackt bleibt keine Energie für hektische Bewegungen.

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Die eisige Luft brennt beim Einatmen in der Lunge. Meine Zähne klappern beim Verlassen der beheizten Stube monoton aufeinander. Schnee fällt zum Glück nicht. Wir spazieren über den kleinen Sandweg, der in die Stadt führt. Bald tauchen die ersten Häuser auf. Gütenbach ist ein zierliches Dorf im Simonswäldertal. Umrahmt von hoch aufragenden Tannenreihen, die sich wie ein lebendiger, grüner Gürtel um das beschauliche Tal schließen, leben hier etwa 1000 Bewohner. An der nächsten Straßenecke befindet sich das Ortscafe ’s’Dörfli‘. Es macht erst um 14:00 Uhr auf und öffnet täglich nur für 4 Stunden. Ich treffe keinen Menschen. Die Straßen sind wie ausgestorben. Aus den Schornsteinen kriecht langsam und zu russigen Mustern verzerrt der qualmende Rauch der Kamine und Öfen. Ich lasse die beschaulichen Gässchen hinter mir. Ein schmaler Pfad führt an wilden Formationen von Nadelbäumen vorbei immer weiter bergan.

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Die Umgebung wird spärlicher besiedelt. Die letzten Bauernhöfe stehen in einer Isolation von sanftem Raureif bedeckter Wiesen und ziehen behäbig an uns vorbei. Bald schauen mich nur noch Kühe und Ziegen durch die Drähte der Zäune am Wegesrand an. Gelangweilt recken diese ihre Köpfe in meine Richtung ohne mit dem Fressen aufzuhören. Gleichmäßig und kontinuierlich mahlen die Kiefer in den pelzigen Gesichtern aufeinander. Die von Winter gezeichneten Felder bleiben hinter mir zurück. Ein schmaler, sandiger Pfad führt in die dunklen Tannen des Waldes. Meine Schritte wirbeln herbstlich gefärbte Blätter und Kiefernadeln auf. Wie ein raschelnder Teppich wehen Orange und Rottöne in einem kurzen Aufbäumen über den unebenen Grund. Ich falle über aus dem Boden ragende Wurzeln. Als runzliges betagtes Spinnennetz ziehen sich diese in wirrem Muster über den Waldweg. Auf einer Lichtung inmitten des Waldes steht eine einzelne Buche.

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Eine Jesusfigur aus Sandstein ist in den Stamm eingewachsen. Der ‚Balzer Herrgott‘. Der Baum ist ein viel besuchter Pilgerort. Der Gottessohn aus Stein wurde zwischen 1870 und 1880 an der Buche befestigt. Seit 1986 hat der Stamm den Korpus vollständig umhüllt. Da die Figur somit im Baum verschwunden wäre, schneidet man den Kopf der Christusstatue immer wieder frei. Entstanden ist die Formation 1844. Ein Schneelawine zerstörte in diesem Jahr einen Bauernhof, trennte die Arme und Beine der Christusfigur ab und warf diese vom Holzkreuz zu Boden. Junge Männer aus dem Dorf trugen den achtlos daliegenden Torso heimlich in den Wald zum heutigen Ort. Nachdem er einige Zeit auf dem Waldboden gelegen hatte befestigte man den Jesus um die Jahrhundertwende direkt am Buchenstamm. In den kargen Ästen des Laubbaumes stecken welke Blumen- und Blätterkränze. Zwischen den Wurzeln stapeln sich Steine und kleine Holzkreuze. Mein Blick weilt auf dem leidenden Gesicht des Heilands. Ich finde es beeindruckend, wie schnell der Baum die Statue umgeben hat und es weiter versucht. Über hundert Jahre geht dies nun schon so.

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Leichte Schneeflöckchen rieseln auf meine bunte Wollmütze. Sie benetzen meine Jacke mit einem eisigen, durchsichtigen Film. Langsam und gemächlich segeln die Eiskristalle auf mich hinunter. Ein kalter Wind setzt ein. Dann reißt der Himmel auf. Gefrorene Hagelkörner prasseln auf mich hinab. Kühle Feuchtigkeit umfängt meine Kleidung und kriecht in jede Ritze des Stoffs. Ich senke den Blick und schirme meinen Kopf mit den Händen ab. Die Berührung des festen Schnees hinterlässt winzige Stiche auf meinem Gesicht. Dünne Stecknadeln schüttet der Himmel über uns aus. Ich sehe nichts mehr. Um mich toben weiße Punkte und vermischen sich zu eisigen Böen. Ich torkle weiter. Das Schneebeben kommt aus dem Nichts. Dichte Flocken legen sich auf meine Handschuhe. ‚Lauf in meinem Rücken.‘ Christian winkt mich zu sich. Im seinem winddichten Schatten und mit stetem Blick auf seine Thermojacke tapse ich voran.

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Neben uns hält ein Wagen. Es ist zum Glück unser Vermieter. ‚Steigt besser ein.‘ schlägt dieser vor. Einladend hebt er die Hand. ‚Ich wollte zu einem Fussballspiel im Dorf. Bei diesem Wetter findet es allerdings nicht statt.‘ bedauernd schüttelt er den Kopf. Erleichtert ziehe ich die Autotür auf und steige ein. Im Spiegel betrachte ich erschrocken mein Gesicht. Die kleinen Kristalle haben ein rötliches Netz der Kälte auf meine Haut gezaubert. Über meine Wangen bis zu meinem Kinn ziehen sich die schwarzgrauen Schlieren der verlaufenen Maskara. Zottelig hängen die gefrorenen Haarspitzen aus meiner Mütze. Ich reibe meine steifen Hände im warmen Fahrzeug aneinander. Amüsiert sieht mich unser Fahrer an. ‚Ich denke meine Frau hat heißen Kaffee und Kuchen.‘ Dankbar puste ich in meine Hände. Monoton klappern meine Zähne aufeinander. Langsam entspannen sich die verkrampften Glieder. Ein unangenehmes Kribbeln bringt die Lebendigkeit in den Körper zurück. Ich wackle vorsichtig mit Fingern und Zehen. Ein eisiger Vorhang aus Schneewirbeln legt sich über die Frontscheibe. Die Scheibenwischer vollbringen Höchstleistungen. Ich sehe draußen nur ein einheitliches Weiß. Der strudelnde Schnee hat die Welt verschluckt.

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Eine Kaffetasse später setzen wir uns in den kleinen VW up, der uns in diesen entlegenen Teil des Schwarzwalds gebracht hat. Vorsichtig gebe ich Gas. Die Räder drehen auf der eisigen Fläche sofort durch. Ich schaffe es bis zur Mitte des Abhangs, der unsere Wohnung von der Straße trennt. ‚Das schaffe ich nicht.‘ verzweifelt sehe ich Christian an ‚Nie im Leben komme ich da hoch.‘ hilflos zucke ich die Schultern. Über uns öffnet sich ein Fenster. ‚Stecken Sie fest? Warten Sie mal. Ich zieh Sie mit dem Traktor raus.‘ unser Vermieter winkt uns munter zu. Überhaupt nicht munter befestige ich den Abschlepphaken an der Stoßstange meines überschaubaren Wagens. Der Bulldog unseres Gastgebers zieht an und fährt langsam rückwärts. Ich sehe den Abgrund neben mir näher kommen. Automatisch lenke ich zur anderen Seite. Die quergestellten Räder ziehen nun logischerweise erst recht in Richtung der Tiefe neben mir. ‚Sie müssen schon gerade lenken.‘ meint unser Retter kopfschüttelnd.

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Ich folge seiner Anweisung. Verkrampft sitze ich hinter dem Sitz. Am Lenkrad zeigen sich die weißen Fingerknöchel meiner Hände. Auf meinen Wangen verteilt sich eine ängstliche Blässe. Kerzengerade sitze ich da und richte den Blick reglos nach vorn. Diesmal nicht vor Kälte, sondern aus Angst um mein Auto. Gemächlich kommt die schmale Straße näher. ‚Nur noch ein Stück‘ wiederhole ich in meinen Gedanken. Befreit atme ich hörbar aus. Geschafft. Ich öffne Christian mit neu erwachtem Schwung die Beifahrertür. ‚Steig ein.‘ mehr bringe ich nicht raus. Ich winke unserem Retter dankbar zu und lege den ersten Gang ein. Durch die sichere Fensterscheibe betrachte ich die Launen der Natur. Erstaunlich wie ausgeliefert wir diesen am Ende sind. Obwohl wir uns immer so überlegen fühlen. Gut, dass man uns gelegentlich daran erinnert.


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