Ein Leuchtturm in Flammen

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Im Zug ertönt die letzte Sylvestertröte. Ein müde aussehendes Mädchen mit ausladender Rastamähne läuft schlaftrunken an mir vorbei. Ihre Maskara ist über das gesamte Gesicht zerlaufen und ich frage mich, wann ihre Sylvesterfeier angefangen hat. Dann ist alles wieder still. Das metallische Rattern der Räder des Zuges begleitet monoton die Ruhe dieser Isolation. Ein typischer Neujahrstag eben. Schlaftrunken taumele ich aus dem Wagon. Es ist erst 10 Uhr. Hier an der Ostsee ist es nur zwischen 9 und 16 Uhr hell. Danach setzt schnell Finsternis ein. Will ich also etwas sehen muss ich in diesem Zeitfenster unterwegs sein. Für einen Morgenmuffel wie mich eine schlechte Uhrzeit. Ich streife durch die gemütlichen, zierlichen Gassen der Innenstadt von Güstrow. Kein Passant ist in den Straßen unterwegs. Die gesamten Einwohner schlafen wohl noch. Verbranntes Feuerwerk liegt auf dem Bordstein. Ich spaziere am alten Reichsbahnamt vorbei. In der DDR hatte die Reichsbahn alle Zugverbindungen betrieben. Heute ist das Gebäude verlassen und dem Verfall preisgegeben. Ein stummer Zeitzeuge der deutschen Geschichte, dessen graue Steinfassade teilnahmslos in den wolkenverhangenen Himmel ragt.IMG_2170

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Güstrow ist eine kleine, überschaubare Stadt mit einem hübschen Innenstadtkern. Im Dom entzünde ich eine Kerze für meine Familie und Freunde. Und eine weitere für die Menschen, die mir irgendwie geschadet haben. Weil ich der Meinung bin, dass die meisten Menschen dies nicht aus bösem Willen, sondern aus Unwissenheit tun. Wirklich böse sind glaube ich die wenigsten Leute und niemand kommt gemein zur Welt. Ernst Barlach schuf in dieser Kirche die Figur ‚Der Schwebende‘. Keine Ahnung was der Bronzeengel bedeutet und was der Künstler sich bei der Gestaltung des fliegenden Himmelsboten genau gedacht hat. Der Bildhauer, Schriftsteller und Zeichner Barlach schuf die Skulptur 1927 als Mahnmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges zur 700-Jahr-Feier des Güstrower Doms. Sie soll einen Kontrast und Gegenentwurf zu den üblichen Heldendenkmälern darstellen. Zehn Jahre später wurde die Skulptur als entartete Kunst aus dem Gotteshaus verbannt und für Kriegszwecke eingeschmolzen. Der Güstrower Kirchenrat sah in dem trauernden Wesen eine Beleidigung für jeden Soldaten.

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Barlachs Freunde ließen einen Nachguss machen und versteckten die Figur während des Krieges in der Lüneburger Heide. So hat ‚Der Schwebende‘ letztlich den Weg zurück in den Güstrower Dom an seinen alten Platz gefunden. Heute erinnert er als Friedensmal an die Toten der beiden Weltkriege, ebenso wie an Verfolgung und Massenmord in der Nazizeit. Ich schlendere über den Marktplatz zurück zum Bahnhof. Der historische Brunnen auf Güstrows zentralem Platz wurde in der Sylvesternacht mittels Feuerwerk von einem Einwohner gesprengt. Immerhin hatte der 30-jährige die Zerstörung sofort gestanden. Achtlos liegen die steineren Trümmer der Balustrade auf dem Boden, lose mit Absperrband abgetrennt. Ich stelle mich zu den Einwohnern, die die Bruchstücke des Springbrunnnens betrachten. Vielleicht war der Vandalismus von Alkohol getrieben. Die Sprengstoffexplosion war illegal und daher wohl heftiger als vom Täter erwartet. Eine völlig sinnlose und nicht durchdachte Aktion. Still liegen die steinernen Stücke des Güstrower Brunnes nun für alle sichtbar auf dem ‚Pferdemarkt‘ mitten in der Stadt.

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Den Rest des Tages verbringe ich im Rostocker Stadtteil Warnemünde direkt am Meer.  Das Rauschen der Wellen übertönt die Schreie der spielenden Kinder und Unterhaltungen der Fussgänger. Mit gleichmäßigem Tosen kracht die Flut der Wassermassen sich überschlagend in einer weißen Gischtkrone auf den feinen Sandstrand. Der glitzernde Schaum überzieht das helle Gelb des Strandes in gleichmäßigen, weißlichen und filigranen Mustern bis die Gischt mit einem plätschernden, langgezogenen Seufzen zurück ins Meer versinkt. Hunde springen begeistert in die herannahenden Wogen und Möwen picken im Moment der zurückströmenden Flut hektisch in den Sand. In der Ferne leuchtet das satte Grün des Leuchtturms und mahnt an die Naturgewalt, die hier zum Greifen nah in ungebrochener, nicht zu überwindender Stärke an das sandige Ufer der Ostsee geworfen wird. Die Wellen reflektieren den Himmel in einem perlmuttfarbenen Ton als wäre die Wasseroberfläche der Ostsee die riesige Innenseite einer gewaltigen Meeresmuschel.

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Völlig bezaubert von diesem Naturschauspiel stehe ich am Strand unfähig mich zu bewegen. Leicht öffne ich die Lippen um mit der Zunge den salzigen Kuss des Meeres zu schmecken. Wie ein sich permanent windender Schatz aus purem Silber glitzern die Kronen der Wellen. Ein Mutiger erklimmt in kurzer Badehosen die Strömung. Es ist so kalt durch die frische Meeresbrise, dass sich beim Anblick des Schwimmers eine Gänsehaut auf meinem Körper ausbreitet. Immer weiter stürzt er in die Fluten, bis die Bewegung der Wogen ihn verschluckt wie eine sich aufblähender Sturm. Dann ist der Männerkopf zwischen dem brausenden Meer verschwunden. Zum Glück nur kurz, um sogleich wieder aufzutauchen. Die Dämmerung setzt ein. An der Ostsee wird es überaus schnell dunkel. Bereits ab 16 Uhr legt sich eine tiefe und plötzliche Finsternis auf die anmutende maritime Szenerie.

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Direkt vor mir stürzt sich eine Möwe auf das Fischbrötchen eines Teenagers. Knapp an meinem Kopf hatte ich den Lufthauch des Flügelschlags gespürt. Eine Feder wirbelt durch die Luft und segelt flink und hektisch direkt vor meinem Gesicht zu Boden. Erschrocken weiche ich zurück und bleibe abrupt stehen. Ganz dicht am Oberarm des jungen Mannes war der Vogel vorbei gezogen und hatte seinen Schnabel ohne Vorwarnung in den Fischteil des Brötchens in der Hand des Jugendlichen gegraben. Das begleitende laute und heisere Kreischen hatte diesen so sehr erschreckt, dass er das Brötchen einfach fallen gelassen hatte. Blitzschnell fallen die Schnäbel der gesamten Möwenhorde über den auf dem Boden liegenden Fisch her und reißen erbittert an dem überschaubaren Stück. Flügel schlagen hektisch, ein paar lose Federn fliegen durch die Luft, bis der Sieger triumphierend den Großteil der Fischfrikadelle schnappt und mit kräftigen Flügelschlägen die Flucht vor den Rivalen antritt. Die Möwen sind hier recht zutraulich.

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Ich suche einen Platz am Strand mit guter Sicht auf den Leuchtturm. Heute ist das Warnemünder Turmleuchten, ein großes Feuerwerk. Schon sprühen die ersten farbigen Funkenregen der Feuerwerkskörper in den düsteren Himmel und legen das bunte Band eines flammenden Regenbogens auf den schwarzen Horizont und die düsteren Wogen des Meeres. Ein intensives farbiges Leuchten glitzert für Sekunden am Firmament und verblasst genauso schnell. Die ‚ohs‘ und ‚ahs‘ um mich können gar nicht so schnell geformt werden wie die Farbenpracht wieder verblasst. Ein kalter Nebelhauch und durchsichtiger grauer Rauch bleiben am Ende zurück. Ein unscheinbarer Dunstschleier legt sich über die gesamte Umgebung. Es riecht nach erloschenem Feuer. Unwirklich erscheint der Strand und finster das undurchdringliche Meer. Ich warte auf eine Fortsetzung. 45 Minuten soll das Schauspiel schließlich dauern. Meine Erwartung ist vergebens. Der Himmel bleibt düster. Ein Feuerwerk light, ich hatte mehr erwartet. Riesig war das sicher nicht. Dennoch, die Atmosphäre war trotzdem schön.

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