Spuk im Schlachthof

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Düster senkt sich die dunkelgraue Finsternis auf die hageren Gebäude des alten Schlachthofareals in Karlsruhe. Die langgezogenen Schatten der Häuser reflektieren sich als schwarze, verschwommene Schemen im müden Licht der unsteten Straßenbeleuchtung auf dem unebenen Kopfsteinpflaster. Gleichmäßig verhallt das Echo meiner Schritte in der einsamen Umgebung. Ein plötzlich wiederkehrender Ton der in der völligen Isolation um mich unwirklich laut klingt. Der Eingang zum Spuktheater ist überaus gut versteckt. Meine Finger schließen sich um das Treppengeländer im kahlen Flur. Hier bröckelt der kalte Verputz von den trostlosen grauen Wänden. Die feinen Risse überziehen den Korridor mit einem Netz aus zierlichen Falten wie in der Haut eines alten Gesichts. Nackter schmuckloser Beton starrt mich an und führt mich über die letzte Treppenstufe zu einer verdunkelten Tür. Ich bin allein. Die kühle des Novemberabend lässt mich frösteln. Mein Atemhauch steht als seichter Nebel für Sekunden in der Luft bevor dieser verblasst.

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Langsam öffnet sich die schwere Metalltür mit der ausgebleichten, verkratzten Oberfläche. ‚Kommen Sie rein.‘ ein älterer Herr winkt die Besucher ohne Hektik zu sich. Ich betrete den Raum. Im Dämmerlicht erkenne ich einen ovalen Tisch um den Stühle gruppiert sind. Schlichte Kerzenleuchter spenden ein vages Licht und tauchen die Möbel in ein unruhiges Flackern. ‚Geistern muss man eine angenehme Umgebung bieten, damit diese erscheinen.‘ erklärt uns unser Gastgeber. Ein zierliches Bild an der Wand zeigt die Fotografie eines streng dreinblickenden Mannes. Außer dem schwarz-weißen Bildnis entbehren die Wände jeglichen Schmucks. ‚Das ist Joseph Probst.‘ fährt der Herausgeber des Spuktheaters fort. ‚Er hat sich hier im alten Schlachthof erhängt nachdem seine Familie bei einem Unfall umgekommen ist. Sein Geist geht auf diesem Areal des Nachts immer noch um.‘ Alle Teilnehmer haben Platz genommen. Gespannt sehe ich zu Zauberer Radalou, der uns einen Abend voll subtilen Spukphänomenen verspricht.

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‚In welchem Alter habt ihr begonnen Karten zu spielen?‘ fragt der Besitzer des Spuktheaters neugierig. Alle Gäste geben eine Einschätzung. ‚Etwa mit 6 Jahren.‘ erinnere ich mich. Auf Reisen haben wir innerhalb der Familie oft Rommé gespielt. Der Magier benennt eine Besucherin und holt diese mit einer einladenden Handbewegung nach vorn. ‚Such Dir irgendeine Karte aus diesem Kartenspiel aus ohne mir diese zu zeigen. Ich demonstriere Dir und unserem Publikum dann die Karte, die Du gewählt hast.‘ Neugierige Stille breitet sich im gesamten Raum aus. Ich könnte eine Stecknadel fallen hören. Unschlüssig wählt die junge Dame ein Kartenblatt. Zögerlich schaut sie auf die Herz 9. Gebannt von der Situation wende ich den Kopf zu unserem Zauberfreund. Das Mädchen hält die gezogene Karte in unser Sichtfeld. Meine Glieder sind gespannt, jede Faser meines Körpers erwartet etwas besonderes. Der Gastgeber des Spuktheaters durchsucht das Kartenspiel und hält der überraschten Frau die Herzkarte vors Gesicht. ‚Nein, das ist nicht die gezogene Karte.‘ sagt diese bestimmt und blickt zu unserem Sitzkreis hinüber. ‚Es war die Pic 7.‘ Überrascht starre ich die Teilnehmerin an. ‚Es war die Herz 9.‘ alle Besucher nicken eifrig. Ich auch. Vor lauter Spannung halte ich die Luft an. Wie kann man denn jemanden überzeugen etwas anderes zu sehen als die Realität? Oder ist unser Blickwinkel nicht realistisch? Ist das wirklich eine Pic-Karte? Die Augen der jungen Frau werden groß. Mit unsicherem Gesichtausdruck setzt sie sich wieder auf ihren Stuhl. ‚Kann das wahr sein?‘ lese ich in ihrer Mimik, die für einen Moment völlig der Fassung entrückt ist.

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Eine elegante Handbewegung lädt diesmal ein männliches Mitglied unseres Kreises ein vor die Gruppe zu treten. ‚Such Dir in diesem Buch im stillen auf irgendeiner Seite ein Wort aus, welches ich erraten werde.‘ der Zauberer hält dem Mann ein Taschenbuch hin.  Angestrengt durchblättert dieser das Buch und hält wahllos auf einer Buchseite von vielen inne. Er nickt. ‚Gut, ich habs.‘ Den Zeigefinger nachdenklich am Kinn überlegt der Magier. ‚Es ist ein langes Wort. In der Mitte sind zwei gleiche Buchstaben.‘ sein Mund formt mögliche Wörter. Er legt die Finger beider Hände an die Schläfe, wie um telepathische Signale von seinem Gegenüber zu empfangen. ‚Es ist das Wort vielleicht.‘ sagt er dann, ganz simpel, als wäre nichts dabei. Das Wort durchreißt die Stille und Anspannung um uns wie ein hoffnungsvoller Ton. Wie die Klinge eines Schwertes, die den Schleier der Realität durchtrennt. Bejahend senkt der Besucher den Kopf. ‚Das ist doch unmöglich.‘ denke ich. Bestürzt fassen meine Hände um die Stuhllehne des altertümlichen Sessels in dem ich sitze. Meine Finger verkrampfen sich um das kalte, glatte Holz und die Knöchel treten weiß hervor.

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‚Habt ihr schon einmal ein Witchboard benutzt oder Gläser gerückt?‘ erkundigt sich der ältere Herr. Zögerlich hebe ich mit zwei weiteren Mitgliedern unserer Theatergruppe die rechte Hand. Die Nervosität und Neugierde der Besucher ist um uns spürbar und lässt die Spannung im Raum förmlich vibrieren. Der lange Zeigefinger hebt sich und deutet in Richtung meiner Brust. Fast wie eine echte Berührung empfinde ich die Geste. ‚Du, komm nach vorne zu mir.‘ der Magier nutzt keinen Befehlston und doch empfinde ich die Situation so. Folgsam schreite ich vor den Tisch und setze mich auf den angebotenen Stuhl. ‚Wir nutzen nun die Macht der Suggestion. Ich werde Deine Gedanken erraten. Schließe Deine Augen.‘ flüstert der Herr des Spuktheater bedeutungsvoll neben mir. Ich gehorche. ‚Du stehst in einem Wald und gehst über einen schmalen Pfad immer tiefer in den Forst hinein. Dann siehst Du eine Sandsteinmauer, die den Weg versperrt und in deren Mitte ein hölzernes Tor. Durch die Tür gelangst Du in einen Raum. Was siehst Du als erstes?‘ ‚Einen Kerzenständer.‘ hauche ich kaum ist die Frage des Zauberers verhallt. ‚Wie alt wurde Joseph Probst? Wie viele Kinder hatte er?‘ prasseln die nächsten Fragen auf mich ein. ’40, er hatte zwei Kinder.‘ höre ich mich sagen. Ist das meine Stimme? Bin das wirklich ich? Ich öffne die Augen und blinzle in das dämmrige Licht.

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Unser Gastgeber nimmt einen verschlossenen Brief vom Tisch. ‚Öffne ihn.‘ fordert er mich auf. Ungläubig lese ich die Worte, die auf dem kleinen Zettel stehen, der im Umschlag enthalten war. ‚Kerzenständer, 40, 2 Kinder‘ zittrig halten meine Hände das zierliche Blatt in der Hand. Ich schaue auf und begegne dem Blick fassungsloser Gesichter. Wie kann das nur sein? Gibt es so etwas tatsächlich? der Magier winkt uns näher zusammen ans Ende des Tisches. Ein gezielter Atemstoß löscht die Kerzenständer. ‚Ihr müsst Euch alle an den Händen fassen, wenn ein Geist erscheinen soll. Es muss auch völlig dunkel sein für unsere Seance.‘ Der ältere Herr bleibt gelassen, mir schlägt das Herz bis zum Hals. Ruhig erklärt der Zauberer weiter ‚Wenn ein Teilnehmer etwas spürt soll er sich bitte melden und es den anderen Besuchern erzählen.‘ Das letzte Licht erlischt. Radalou fasst meine Hand, ich nehme die meines Nachbarn. Mit angehaltenem Atem lausche ich in die Finsternis. Ich höre keinen Laut, uns umgibt nur Stille und Einsamkeit. Die Rufe des Magiers zerreißen die Isolation ‚Joseph Probst, bist Du hier, dann komm.‘ dreimal erklingt die schaurige Aufforderung. Mein Gruseln weicht der Neugierde. Was wird jetzt passieren?

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Ich spüre eine kalte Hand an meinem Hinterkopf. Eine zarte Berührung, fast wie ein Lufthauch. Dennoch bemerke ich ganz deutlich, jemand hat mich angefasst. ‚Am Kopf hat mich was berührt.‘ werfe ich mit Begeisterung in unsere Runde. Das ist so furchtbar spannend. Das Gesicht eines anderen Besuchers wird von einem zarten Schleier gestreift. Ein imaginärer Finger tippt mir zaghaft auf die Schulter.Ich atme schneller und stoßweise. Wie kann man das nur erklären. Lautes Flügelschlagen erfüllt die Luft über uns. Durch die Dunkelheit treibt die Bewegung einen sanften Lufthauch über die Haut meines Gesichts. Alle Teilnehmer nehmen dasselbe Flattern wahr. Der Zauberer lässt meine Hand los. Nach einer gefühlten Ewigkeit erleuchten die Kerzen wieder den Raum. Verschmitzt lächelt uns der Magier an. ‚Ich weiß was sie jetzt alle denken. Wie ist das möglich? Aber was wir gesehen und gehört haben ist alles durch Psychologie und Hypnose erklärbar. In beiden Fächern habe ich ein Studium bzw. eine Ausbildung.‘ Er grinst. ‚Heute Abend war hier kein Geist.‘

 


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