Im Dunkeln eingelocht

‚Autsch. Blöder Mist‘ fluche ich. Mit einem dumpfen Klong landet mein Kopf unsanft an der hölzernen Beschaffenheit der Decke. In der schwarzen Dunkelheit ist die Wand der kleinen Zelle kaum auszumachen. Unter dem Rathaus von Nürnberg befinden sich 15 Gefängniszellen, jede misst 2m x 2m. Ich stehe in der milchig schwachen Beleuchtung der Lochgefängnisse. Hier wurden die angeklagten Gefangenen verhört und gefoltert und bis zu Gerichtsverhandlung eingesperrt. Mehrere Tage mussten die Häftlinge in völliger Dunkelheit eingepfercht auf engstem Raum in den überschaubaren, engen Zellen bleiben. Die Räume waren komplett mit Holzbalken verkleidet. An der Rückwand der Zelle befand sich eine mit Stroh gefüllte Pritsche. Hier lagen oft mehrere Insassen zusammen. Es gab auch eine kleine Bank und einen Eimer für die Notdurft, der mit einem Brett abgedeckt als Tisch diente.

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Foto by Janericloebe, source wikipedia Lochgefängnisse Nürnberg

Essen, Unterkunft und medizinische Betreuung mussten die Gefangenen selbst bezahlen. Die Versorgung mit Verpflegung organisierte der ‚Lochwirt‘. Die wohlhabenderen Häftlinge konnten sich eine bessere Behandlung erkaufen als die Mittellosen. Diese wurden durch Almosenstiftungen oder auf Kosten der Stadt verpflegt und hatten dadurch wesentlich schlechtere Bedingungen für ihren Aufenthalt. Einige Zellen waren für die Angeklagten bestimmter Straftaten vorgesehen. Ein roter Hahn über dem Eingang symbolisiert Brandstiftung, eine schwarze Katze üble Nachrede. In der angeschlossenen Folterkammer wurden die Geständnisse der Inhaftierten durch andauernde Schmerzzustände erpresst. Während ein Geständnis unter Folter heutzutage nicht rechtskräftig ist, galt dies im 14. Jhd. nicht.

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Bei Frauen wurde häufig Brustausreißen als Folter eingesetzt. Ein eisernes längliches Instrument wurde dazu an den Brüsten der Frau angesetzt, um sie abzureißen. Bei Männern kann man mit demselben Instrument Glied und Hoden abtrennen. Oft wurde das Metall des Geräts vor dem Ansetzen noch erhitzt. Alternativ sperrte man die Gefangenen in die ‚Eiserne Jungfrau‘. der metallische Kasten in Form einer weiblichen Figur ist an der Innenseite mit spitzen Spießen ausgestattet. Wollte der Gefangene nicht gestehen zog man die Apparatur immer enger zu und die eingelassenen Spitzen bohrten sich gleichmäßig in die Haut der Gefolterten. Viele der Inhaftierten starben schon bei den Versuchen ein Geständnis von ihnen zu erpressen. Man tauchte diese gefesselt für längere Zeit ins Wasser, bis sie fast ertrunken waren. Sehr bekannt ist auch die Folter mit der Streckbank. Man spannte die Angeklagten auf eine hölzerne Bank und dehnte den gesamten Körper, indem man diesen auseinander zog. Je nachdem wie stark die Streckung war wurden die Gelenke ausgerenkt oder trennten sich die Muskeln und Sehnen von den Knochen.

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Bei vielen Instrumenten, die Verstümmelungen und Verbrennungen zufügen erscheint der viel genutzte Begriff ‚düsteres Mittelalter‘ sogleich als überaus zutreffend. Die Lochgefängnisse kann man nur im Rahmen einer Führung betreten. Diese dauert 20 Minuten. Ein Zeitraum der absolut ausreicht, um dankbar zu sein nicht in dieser Epoche gelebt zu haben. Als ich auf die Straße trete schließe ich nach der dunklen Schwärze der unterirdischen Keller geblendet die Augen. Die hellen Sonnenstrahlen erwärmen mein Gesicht und vertreiben durch die angenehme Helligkeit die düstere Stimmung der unmenschlichen Zellen. Sie tanzen auf meinen Wangen und hinterlassen winzige springende Lichtpunkte. Vor mir breiten sich die schimmernden Holzbuden des Nürnberger Christkindlsmarkts aus. Überall glitzern bunte Weihnachtskugeln und auf den hölzernen Dächern der Stände sitzen Nikoläuse.

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Nach dem finsteren und trostlosen Erlebnis in den Kellerräumen des Rathauses ist mir die gelöste weihnachtliche Stimmung sehr willkommen. Die vielen saftigen Lebkuchen in den farbig geschmückten Auslagen bringen mich auf andere Gedanken. Lebkuchen werden in Nürnberg schon seit dem 12 Jhd. hergestellt. Es gab eine eigene Zunft der ‚Lebküchner‘. Der Geruch nach Weihnachtsgewürzen wie Zimt und Nelken erfüllt die Luft. Der Aroma der Weihnacht schwebt wie ein zarter Teppich über dem gesamten Platz und mischt sich mit dem süßen Duft nach Glühwein und Punsch. Von dem fröhlichen treiben kann man sich leicht anstecken lassen, nur die Menschenmassen sind etwas viel. Der Markt hat jährlich etwa 2 Millionen Besucher. Der Christkindlsmarkt hat allerdings auch einen besonderen Vertreter. Alle zwei Jahre wird eine junge Nürnbergerin gewählt und begrüßt als Christkind verkleidet die Weihnachtsmarktbesucher.


2 Gedanken zu “Im Dunkeln eingelocht

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